Aufsteigen statt aussteigen: „Ich glaube, die Gesellschaft ist weniger durchlässig, als sie es zu meiner Schulzeit war“.

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Rat an Junge: „Werdet Installateur“
09/15/2012

Rat an Junge: „Werdet Installateur“

Interview: Siemens-Vorstand Brigitte Ederer schätzt die Lehrlingsausbildung in Österreich. Studiengebühren sind kein Tabu für die Sozialdemokratin.

von Martina Salomon

Spitzen-Managerin Ederer, seit drei Jahren in Deutschland tätig, über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, Deutschen und Österreichern.

KURIER: Sie sind im Vorstand bei Siemens auch für Personal-Agenden zuständig. Welche Jobs sind vakant?Brigitte Ederer: Wir suchen technisch ausgebildete Männer und Frauen – vor allem Frauen. Die haben wir viel zu wenig!

Gibt’s eine Frauenquote ?Nein. Aber wir sind mit anderen börsenotierten Unternehmen eine freiwillige Selbstverpflichtung eingegangen, um die Zahl der Frauen in Führungspositionen zu erhöhen. Bis 2015 wollen wir den Anteil von derzeit 10 auf 12 bis 13 Prozent erhöhen. Klingt nicht ehrgeizig, ist es aber schon, weil es um 500 Jobs geht.

Wie müssen Ihre Arbeitnehmer mitbringen?Weltoffenheit, Neugier, weil wir stark von Innovationen abhängig sind. Sprachen, Technik sind wichtig.

Firmen beklagen, dass die Schreib- und Rechenkenntnisse der Schulabgänger immer schlechter werden.Ja, man muss im Unternehmen Einiges nachholen.

Es gibt einen Mangel an technisch-naturwissenschaftlichen Fachkräften. Wecken die Schulen zu wenig Interesse daran?Ich glaube, das beginnt schon im Kindergarten. Wenn wir unsere Siemens-Forscherkisten an Drei- bis Vierjährige verteilen, sind die daran interessiert. Aber irgendwann in unserem Bildungswesen versiegt die Begeisterung. Physik zum Beispiel ist zu wenig Experimente-getrieben, sondern eher eine Trockenübung. Es braucht völlig neue Formen der Vermittlung.

Ist Österreich besonders technikfeindlich?Ja, Technik wird hier noch stärker infrage gestellt als in Deutschland. Und vor allem Mädchen verbinden Technik mit Schmutz und körperlicher Schwerarbeit, obwohl das mittlerweile natürlich Schwachsinn ist.

Als Vorstand führen Sie Bewerber-Gespräche auf der Top-Ebene: Stellen sich Männer anders dar als Frauen?Frauen weisen eher auf ihre Mängel hin. Wenn Männer ihr Pfauenrad schlagen, gibt’s keine Probleme – selbst wenn manchmal eine Feder fehlt, ist das Rad groß und bunt (lacht) .

Wie beurteilen Sie die Gesamtschul-Debatte?Schon das Wort ist unheilvoll. Ist ja egal, wie man das nennt: Es geht darum, die Potenziale der Kinder zu heben. Ich glaube, die Gesellschaft ist weniger durchlässig, als sie es zu meiner Schulzeit war. Es gelingt nicht, Kindern bildungsferner Schichten die gleichen Lebenschancen zu geben.

Vielleicht war die Gesellschaft seinerzeit homogener. Haben wir das Thema Zuwanderung im Griff?Bei uns arbeiten sehr erfolgreiche Kinder der zweiten Generation. Ich habe aber den Eindruck, dass es wieder stärker auf Herkunft und Förderung im Elternhaus ankommt.

Manche internationale Firmen diskutieren bereits Migrantenquoten.Treffer! Es geht bei uns nicht um Quoten, aber das Ziel heißt "Diversity". CEO Peter Löscher hat diesen Kulturwandel bei Siemens initiiert. Wir arbeiten konsequent daran, das zu verändern.

Wo ist unser Bildungswesen gut, wo schlecht?Wir sind wirklich gut bei der dualen Lehrlingsausbildung. Nachholbedarf haben wir bei der Möglichkeit, danach eine universitäre Ausbildung anzuschließen. In Deutschland macht ein Drittel unserer Auszubildenden einen Bachelor. Hätte ich ein Kind, würde ich ihm einreden, Installateur zu werden.

Da verdient er dann mehr als ein Sozialwissenschafter.Absolut! Ein guter Installateur mit Matura hat ausgesorgt! Wir verlieren eine Menge Leute bei der Ausbildung. Hätten wir diese Ausfalls-Quote bei der industriellen Produktion, würden wir es nach einer Woche ändern.

Was läuft falsch?Ich glaube, die Interessenvertretung im Schulwesen bestimmt zu stark, was Bildung bedeutet.

Das sagen Sie auch als Sozialdemokratin?Ja – wobei ich auch lange Jahre ÖGB-Mitglied bin. Reine Systembewahrung ist nirgendwo gut.

Und wie sehen Sie die österreichischen Unis?Die Großparteien blockieren sich gegenseitig. Bei der Schule boykottiert die ÖVP die Gesamtschule, weil sie offenbar die veraltete Ansicht vertritt, dass man eine industrielle Reservearmee braucht. Die SPÖ übersieht, dass – ohne das kopieren zu wollen – US-Universitäten eine ganz andere Qualität produzieren können. Es studieren nicht mehr Kinder aus armen Verhältnissen, nur weil es keine Studiengebühren gibt. Das lässt sich durch Stipendien abfangen. Die heimischen Unis behelfen sich, indem sie hinausprüfen. Das ist brutale Selektion.

Was kann Österreich von den Deutschen lernen – und umgekehrt?Österreicher sind kreativer und improvisationsfähiger. Beim Abarbeiten von Prozessen sind die Deutschen perfekt – viel disziplinierter als Österreicher! Damit erreichen sie ein unglaubliches Qualitätsniveau.

Würden Sie jemandem raten, in die Politik zu gehen?Das ist der spannendste und zugleich der undankbarste Job der Welt.

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Top-Managerin: Wurzeln in der Politik

Karriere

Brigitte Ederer ist seit drei Jahren Mitglied des Vorstands der Siemens-AG mit Sitz in München, zuständig für Personal-Agenden und Europa. Außerdem ist die Diplom-Volkswirtin Aufsichtsratsvorsitzende von Siemens Österreich. Im Jahr 2000 wechselte sie zum Konzern. Davor war die aus bescheidenen Verhältnissen stammende frühere SPÖ-Politikerin EU-Staatssekretärin (in diese Zeit fiel der EU-Beitritt Österreichs) und Wiener Finanz-Stadträtin.

Siemens

Der Technologie-Konzern ist in 190 Ländern präsent und beschäftigt 360.000 Mitarbeiter. Umsatz: 74 Mrd. Euro. In Österreich erwirtschaften 12.300 Mitarbeiter einen Umsatz von 4,2 Mrd. Euro. Von Wien aus wird der Cluster CEE gesteuert.

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