Politik
12.10.2012

Psychiaterin fordert neues Gesetz

Gutachterin Rossmanith schlägt Alarm: Das Gesetz biete keine Handhabe, gefährliche Geisteskranke zu stoppen.

Der Prozess um eine von Verfolgungswahn getriebene Frau, die einen 37-jährigen Mann mit 16 Messerstichen getötet hat, deckt "das Versagen der aktuellen psychiatrischen Situation" auf. Das sagt die anerkannte Gerichtspsychiaterin Sigrun Rossmanith, die schon vier Monate vor der Bluttat ein "hohes Gefährdungspotenzial" geortet und vor Gewaltdelikten der 46-jährigen psychisch Kranken gewarnt hatte.

Frau K. leidet seit vielen Jahren an paranoider Schizophrenie. Immer wieder wurde sie stationär in psychiatrischen Anstalten aufgenommen, flüchtete aber jedes Mal, weil sie sich nicht für krank hielt. Psychiaterin Rossmanith sagt: "Solche Patienten erachten eher ihre Umgebung für krank als sich selbst."

Dabei zeichnete sich bereits längst ab, dass von K. erhebliche Gefahr ausgeht. So bewaffnete sie sich mit Messern und bedrängte in Wiener U-Bahn-Stationen die Passanten. Die von der Frau gesetzten strafrechtlichen (Bagatell-)Delikte wie der Einbruch in einen Wohnwagen gaben der Justiz dem Gesetz nach jedoch keine Hand­habe, sie für längere Zeit zwangsweise wegzusperren und einer Behandlung zuzuführen. Rossmanith: "Um entlassen zu werden, genügt es, wenn man sagt, dass man die Medikamente eh weiternimmt."

Dabei gab es laut der Gutachterin zahlreiche Hin­weise auf die brenzlige Verfassung der 46-Jährigen, die Rossmanith als "Explosivstoff" bezeichnet. Es habe sie gewundert, wie es so jemandem gelingen könne, in einem solchen Zustand so lange unbehandelt in Freiheit zu bleiben. Aber "diese Personen werden nicht erfasst, sie fallen durch unser psychiatrisches System durch".

Am 2. November 2011 lernte K. bei einem Würstelstand Günter F. kennen, der sie mit in sein Zimmer in einem Heim für Obdachlose nahm. In der Nacht hatte die Frau das Gefühl, dass ihr die Kanarienvögel von F. Gefahr signalisieren. "Ich dachte, die Vögel geben mir Zeichen, dass da was faul ist, dass er mich töten wird", sagte die Frau am Donnerstag im Wiener Landesgericht. Sie stürzte sich mit einem Messer auf F. und stach ihn tot.

Kein Schuss

Danach nahm die Unzurechnungsfähige ein zweites Messer zur Hand, verbarrikadierte sich in der Wohnung des Opfers. Inzwischen hatte der Nachbar – von Günter F.s Todesschreien alarmiert – die Polizei gerufen. Die Wega brach die Tür auf und konnte die Tobende durch den Einsatz des Tasers ohne Schussabgabe überwältigen.

(Im Fall der in ihrer Wohnung von einem Polizisten neun Mal angeschossenen Kerstin A., die ebenfalls verwirrt und mit zwei Messern bewaffnet war, hatte man nicht auf das Eintreffen der für solche Situationen geschulten und ausgerüsteten Beamten gewartet).

K. ist nun seit fast einem Jahr in stationärer Behandlung, die gut anspricht. Die Frau sagt, sie sehe nun ein, dass sie krank sei. Sie zu entlassen hält Rossmanith dennoch für zu gefährlich. Das Einsehen der Patienten verflüchtige sich erfahrungs­gemäß bald, wenn sie in Freiheit sind. K. wurde deshalb für unbestimmte Zeit in eine Anstalt eingewiesen.