Politik 05.12.2011

Portugal: Mütter am Strich

Bisher schienen die Portugiesen die Folgen der Krise fast stillschweigend hinzunehmen - dabei sind diese gravierend.

Die Streiks der vergangenen Tage waren nur das erste große, sichtbare Zeichen. Mit der sonst so stoischen Ruhe, mit der die Portugiesen der Krise bisher zu begegnen schienen, ist es aber vorbei. Es brodelt in der bisherigen Oase der Ruhe, dem ärmsten Land Westeuropas. Auch wenn große Krawalle bisher ausblieben: Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen haben massive Konsequenzen, wie die Sicherheitsbeobachtungsstelle OSCOT berichtet.

Von einem dramatischen Anstieg der Kriminalität, von zunehmender Prostitution und sogar von Lynchjustiz ist in einem Bericht die Rede. Und Sozialarbeiter warnen, dass die Sparwut der konservativen Regierung fatale Auswirkungen auf das Leben der Menschen hätte und ihre Bereitschaft erhöhen könnte, in der Not Gesetze zu brechen.
Laut OSCOT haben alleine die Lebensmittel-Diebstähle im ersten Halbjahr 2011 um 42 Prozent zugenommen. Und man gehe davon aus, so der Präsident von OSCOT, Jose Manuel Anes, dass es nicht nur bei Kleindelikten, sondern auch bei Gewaltverbrechen einen massiven Anstieg geben wird.

Das ist kein rein urbanes Problem. Auch aus Provinznestern mehren sich Berichte von Überfällen und Einbrüchen. Und das in Gegenden, wo bisher kaum jemand jemals die Tür versperrte. Bei Überfällen werden vor allem ältere Personen vermehrt zu Opfern. Die Folge: mitunter Lynchjustiz. Im nordportugiesischen Polvoeira prügelten Hunderte Menschen vier mutmaßliche Räuber bewusstlos.

"Revolten"

Arbeits- und Obdachlosigkeit, ein Anstieg an Drogenmissbrauch - die Folgen sind fatal. Immer öfter treffen Sozialarbeiter Obdachlose an, die vor Kurzem noch Anwälte oder Unternehmer waren. Die Zahl der Auswanderer steigt. Und es sind vermehrt Menschen um die 50, die gehen. Die gut ausgebildeten eben.

Schlecht ausgebildete, und da vor allem Frauen, schlittern in dieser Krise in ein ganz anderes Drama: Prostitution. Immer öfter würden Mütter auf den Strich gehen, um ihre Familien zu ernähren - meist ohne Wissen ihrer Familien, sagen die Experten. Noch nie
habe es so viele Bordelle, noch nie so viele Anzeigen wegen illegaler Prostitution gegeben.

Die Kirche warnt angesichts der Folgen dieser Krise vor einem "Blutbad". Polizeichefs sprechen von "möglichen Revolten". Und der frühere sozialistische Staatschef Mirio Soares sagte gar, die Demokratie könne in Gefahr sein.

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( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011