Politik
08.01.2012

Pfarrer Wagner: Kein Reformbedarf in Kirche

Der verhinderte Linzer Bischof Gerhard Maria Wagner attackiert die Pfarrer-Initiative. Er spricht von Exkommunikation.

Der Herr Pfarrer ist gut aufgelegt, schließlich hat der begeisterte Skifahrer gerade ein paar Tage lang Spuren in den frischen Schnee gezogen. Die Anliegen der Kirchen-Reformer – er nennt sie "Rebellen" – lassen das Gesicht des Windischgarstner Pfarrers dann aber bald verfinstern.

KURIER: Die sogenannte Pfarrer-Initiative ruft zum "Ungehorsam" auf. Werden Sie ungehorsam sein?
Gerhard Maria Wagner: Keineswegs. Ich habe dafür auch überhaupt kein Verständnis.

Woran stoßen Sie sich?

Jeder Priester legt ein Gehorsam-Versprechen ab. Dass jemand zum Ungehorsam aufruft, ist furchtbar. Ich stoße mich auch an den Themen, die damit verbunden sind. Hier stehen Priester nicht mehr auf dem Boden der katholischen Kirche.

Die Pfarrer-Initiative will Kirche und Glauben modernisieren. In welchen Bereichen gibt es Reformbedarf?
Die Kirche darf nie den Fehler machen, dass sie sich dem Zeitgeist anpasst. Wenn es um Glaubensinhalte geht, sind wir Christus verpflichtet – wir dürfen sie nicht zur Diskussion stellen.

Also gehören Kirche und Glauben nicht modernisiert?
Nein, natürlich nicht.

In einem KURIER-Interview haben Sie gesagt: "Kirche muss lebendig bleiben." Daher müssten doch gerade Sie Verständnis für jene haben, die Veränderung wollen.
Ich sehe vor allem eine Gefahr für die Kirche. Denn es geht nicht um Randthemen, sondern um Glaubensfragen – und um eine Botschaft, die ewig ist. Wenn man heute versucht, die Lehre der Kirche mit Statistiken infrage zu stellen, ist das gefährlich.

Helmut Schüller meinte im KURIER, es stelle sich "die Existenzfrage der Kirche".
Wenn Schüller die Existenz der Kirche infrage stellt, dann hat er wohl den Gedanken, dass er zum Leben der Kirche gerade nicht wesentlich beiträgt. Diese Rebellen sollten sich die Frage stellen, ob die Kirche dadurch lebendiger wird – das glaubt doch keiner!


Schüller sagt, die Gläubigen sind enttäuscht und wütend über den Stillstand.
In den vergangenen Jahrzehnten sind wir den Leuten schuldig geblieben, die unangenehmen Themen zu formulieren. Da haben die Bischöfe Handlungsbedarf.

Inwiefern?
Die Bischöfe haben zu lange zugeschaut und einiges still und heimlich geduldet – etwa die Laienpredigt oder die Sakramente für geschiedene Wiederverheiratete. Ich beklage mich seit 30 Jahren über diese Missstände in der Kirche und wurde nie ernst genommen. Die Folge ist, dass wir heute in manchen Pfarren ein verstecktes Schisma (Kirchenspaltung, Anm. d. Red.) haben. Die Bischöfe sollen das Gespräch mit diesen Priestern suchen und klar definieren, wo die Grenzen liegen. Und die sind mit dem Aufruf längst überschritten.

Die Pfarrer-Initiative fordert das Ende des Pflichtzölibats, die Priesterweihe für Frauen, die Wiederverheiratung von Geschiedenen sowie die Einführung von Laienpredigern – was ist für Sie davon vorstellbar?
Überhaupt nichts. Da ist nichts verhandelbar.

Warum keine Frauen als Priester?
Weil die Päpste da keine Gewalt haben. Was Jesus nicht verfügt hat, kann auch ein Papst nicht verfügen.

Aber Jesus hat es auch nicht verboten.
Er hat nicht gesagt, dass sie es nicht dürfen; aber er hat sie auch nicht eingesetzt – und er hätte es können, hätte er es wollen. Die Kirche wäre ohne Frauen nicht denkbar, aber einen Anspruch auf ein Priesteramt kann es nicht geben.

Laut Plattform "Wir sind Kirche" leben 25 Prozent der Priester in Beziehungen. Ist es dann noch glaubwürdig, den Zölibat zu fordern?
Ich will ein klares Zeugnis für die vielen ablegen, die sich bemühen. Keiner muss krank werden, weil er zölibatär lebt. Man kann auch nicht von einem Pflichtzölibat sprechen – denn man ist zum Priestertum mit Zölibat berufen oder nicht.

Wiens Caritas-Präsident Michael Landau meinte, den Zölibat habe man irgendwann eingeführt, also könne man ihn auch abschaffen.
Das stimmt so nicht, denn die Kirche kennt den Zölibat von ihren Anfängen an. Der Zölibat war der Lebensstil Christi. Seine Jünger sollen so leben, wie Jesus gelebt hat.

Aber anscheinend wollen das viele seiner Nachfolger nicht mehr.

In einer Zeit, in der so wenig für die Ehe spricht und in der keiner mehr heiraten will, sollen die Schwulen und die Priester heiraten? Das ist doch nicht einzusehen. Aber im Grund ist ja nicht der Zölibat das Problem, sondern wir haben ein Glaubensproblem. Wir brauchen dringend eine Neuevangelisierung.

Faktum ist doch: Immer mehr Menschen treten aus der katholischen Kirche aus.
Der Islam wird umso mehr ein Thema, je größer das Vakuum ist, das wir Katholiken hinterlassen. Wir lösen diese Gefahr nicht, in dem wir ein Feindbild schaffen. Aber wir müssen wachsam sein. Und wir müssen den Mut haben, unseren Glauben zu bekennen und auszubreiten.

Laut oekonsult-Umfrage stehen 76,5 Prozent der Gläubigen hinter den Anliegen der Kirchen-Reformer.
Kein wirklich gläubiger Christ hat Verständnis für diese zum Teil verweltlichten und glaubensfeindlichen Forderungen.

Welchen Ausweg kann es aus der Kirchenkrise geben?
Ich kann mir nur die Bekehrung und Besserung dieser Herren wünschen.

Und wenn sich diese nicht bekehren?
Für die Kirche geht es um viel. Wenn jemand weiter zum Ungehorsam aufruft, soll auch das Thema der Exkommunikation angesprochen werden.

Zur Person: Pfarrer Gerhard Maria Wagner

Privates Gerhard Maria Wagner wird am 17. Juli 1954 als Sohn eines Chemiearbeiters in Linz geboren. Nach der Matura besucht er das Priesterseminar, danach studiert er in Linz und Rom katholische Theologie und Philosophie. 1978 wird er in Rom zum Priester geweiht, 1988 wird er Pfarrer von Windischgarsten (OÖ).

Aufregung Wagner gilt als konservativ und Rom-treu. Bekannt werden seine Aussagen zu Harry Potter („satanisch“) und zum Hurrikan Katrina („eine Folge geistiger Umweltverschmutzung?“). In einem Interview spricht er sich 2009 für die medizinische Behandlung von Menschen mit homosexuellen
Neigungen aus.

Rückzug Am 31. Jänner 2009 wird Pfarrer Wagner vom Papst überraschend zum neuen Linzer Weihbischof ernannt. Was folgt, ist eine Protestwelle – und schließlich sein Rückzug. „Ich habe nichts falsch gemacht“, sagt er ein Jahr danach in einem KURIER-Interview. „Ich werde mich nicht ändern, ich suche und liebe Auseinandersetzungen.“