Pfarrer Schüller fordert Kardinal Schönborn heraus

Helmut Schüller
Foto: KURIER/Christandl

Im Interview mit Conny Bischofberger spricht Helmut Schüller über Ungehorsam und Scheinheiligkeit und richtet einen Appell an Kardinal Schönborn.

Ein Mann scheidet in der Katholischen Kirche die Geister: Monsignore Helmut Schüller (59) hat im Internet zum "Ungehorsam" aufgerufen und 300 von 4293 Priestern sind ihm gefolgt. Es geht um den Zölibat, die Wiederverheiratung von Geschiedenen, um Frauen als Priester und Laien als Prediger. "Alles längst Praxis, für die unsere Leute Tag für Tag die Birne hinhalten", so Schüller zum KURIER.

Die Retourkutsche der Kirchenspitze kam prompt: Wenn er seinen "Dissens" aufrechterhalte, so ließ ihm Kardinal Schönborn über den Standard ausrichten, müsse Schüller sich die Frage stellen, wie sein weiterer Weg in der Katholischen Kirche und in seinem Amt aussehe.

Wir treffen einen unnachgiebigen, heiteren Helmut Schüller in dessen Büro an der WU Wien, wo der Pfarrer von Probstdorf auch als Studentenseelsorger arbeitet. Hinter ihm, noch an die Wand gelehnt, ein Bild der Künstlerin Helga Pasch, "Spring in Tunis". "Ihr Mann war österreichischer Botschafter im Vatikan, sie hat es mir geschenkt." Für Helmut Schüller stehen die kräftig sprießenden Farben für den Frühling in der Katholischen Kirche.

KURIER: Monsignore Schüller…

Helmut Schüller: Herr Pfarrer ist mir lieber!

Haben Sie im Ernst geglaubt, dass sich die Kirche nach mehr als tausend Jahren plötzlich an den Forderungen einiger österreichischer Priester orientiert?

Da stelle ich gleich die Gegenfrage: Wer ist die Kirche? Das sind die Menschen an der Basis, das sind die Pfarrgemeinden, das sind die Pfarrer und hoffentlich auch bald die Pfarrerinnen. Die melden sich seit einigen Jahrzehnten zu Wort und wollen Veränderungen.

Helmut Schüller Foto: KURIER/Christandl Helmut Schüller

Aber zur Kirche gehören auch der Papst und der Kardinal und die Bischöfe.
Ja, das ist richtig. Dort brauchen wir einen Nachholprozess an Demokratie, an Teilhabe der Basis, das haben wir nicht. Die Vorgaben vom Papst können nicht der Weg der Zukunft sein. Wir haben es seit 1871 mit einer absolutistischen Zuspitzung des Papstamtes zu tun, da wird dem Papst eine Allverantwortung gegeben, die aus meiner Sicht auch menschlich letztlich nicht tragbar ist. Wie soll ein Einzelner diese riesige Verantwortung wirklich tragen? Und im Übrigen hat sich die Gesellschaft inzwischen verändert, wir haben eine demokratische Gesellschaft und deshalb brauchen wir eine demokratische Kirche.

Wie würde denn Ihrer Meinung nach eine Umfrage unter dem Kirchenvolk zu Ihren Forderungen - Abschaffung des Zölibats, Frauen und Geschiedene als Priester, Laienprediger - ausgehen?
Mit zwei Drittel "Ja". 1998, beim "Dialog für Österreich", haben die Bischöfe das ja schon einmal abgefragt, das ist mit überwältigender Mehrheit zu unseren Gunsten ausgegangen. Die Bischöfe haben diese Ergebnisse zur Kenntnis genommen, haben uns allen gedankt für das Mitmachen und sind auf Nimmerwiedersehen damit verschwunden. Auch der Theologe Paul Zulehner hat in seiner umfassenden Forschungsarbeit Zahlenmaterial zur Praxis der Pfarren und Pfarrer erhoben.Diese Ergebnisse gehen sogar noch darüber hinaus. Also wage ich mich nicht zu weit hinaus, wenn ich von zwei Drittel spreche, wahrscheinlich sind es sogar noch mehr.

Trotzdem stehen all diese Menschen damit diametral zur Linie der Kirche. Was hat Ihnen denn Kardinal Schönborn, mit dem es ja ein erstes Treffen gab, gesagt?
Er hat die vier Mitglieder des Vorstandes der Pfarrinitiative aus der Erzdiözese Wien zu einem Gespräch gebeten. Davor hat er uns schon schriftlich ausgerichtet, wir sollten überlegen, ob wir noch zur Kirche gehören.

Und?
Was ich mir überlege, ist meine Sache! Er, Schönborn, muss sich überlegen, ob wir zur Kirche gehören oder nicht. Das ist meine Antwort.

Und Sie überlegen noch?
Nein. Ich habe mir natürlich alles überlegt, ich brauche auch keine Nachdenkpausen, weil ich im Vorhinein denke. Selbstverständlich gehören wir zur Kirche. Wenn der Herr Kardinal diese Frage anders beantworten will, dann muss er das öffentlich sagen.

Wäre im schlimmsten Fall ein Kirchenaustritt für Sie denkbar?
Kommt überhaupt nicht in Frage. Also ich lass meine Kirche nicht im Stich. Ich habe zu dieser Kirche - das habe ich dem Kardinal schon einmal gesagt - nicht das Verhältnis eines Angestellten zu seiner Firma und schon gar nicht eines Mieters zu seiner Wohnung, ich kann also auch nicht gekündigt werden, weil ich Teil dieser Kirche bin, so wie alle anderen Getauften auch, und ich sehe überhaupt nicht ein, warum ich aus der Kirche austreten sollte.

Aber was soll denn Kardinal Schönborn tun: Sich gegen den Papst stellen?
Der Kardinal soll sich vor die Anliegen der Kirchenreform stellen. Er und auch die Bischöfe müssten diese Anliegen in Rom vertreten! Aber mittlerweile hat er ja klargestellt, dass er diese Anliegen nicht teilt. Nicht wegen Rom, sondern er selbst nicht. Die Kirchenreformbewegung hat lang vor der Pfarrerinitiative klar und deutlich und immer wieder gesagt, was wir uns erwarten und erhoffen von der Kirche. Und wie das weitergehen könnte.

Ihre Vision?
Die Bischöfe könnten in Rom erreichen, dass man ihnen zugesteht, ad experimentum, in einer Art Zukunftslabor, einige Dinge einfach einmal zu probieren. Alles wäre denkbar, warum denn nicht?

Eine Art österreichische Extrawurst?
Also ich glaube, wenn da in der Kirchenleitung der Eindruck sein sollte, da handle es sich nur ein paar spinnerte Pfarrer und um ein paar Leute, die sowieso schon demnächst austreten wollen, dann irren sich die gewaltig. Das wäre ein tragischer Irrtum. Der Reformwille geht ganz tief hinein ins aktivste Segment. Wir sind auch in Kontakt mit unseren Kollegen in Irland - also wirklich ein unverdächtiges Land, katholisch bis zum geht nicht mehr - dort existiert eine Gemeinschaft, die schon fünfhundert Priester umfasst und dieselben Ziele hat, und die mit uns jetzt schon sehr eng verbunden in Formation steht. Wir haben Kontakte nach Deutschland, nach Amerika. Und in den sogenannten Ländern des Südens, wo es angeblich diese Probleme nicht gibt, sind auch Reformbewegungen im Gang. Und ich garantiere jedem, dass mit der fortschreitenden Entwicklung dieselben Themen auch nach Afrika und Asien kommen. Ich sehe uns da absolut international unterstützt.

Verstehen Sie Kardinal Schönborn, wenn ihm das einfach zu weit geht?
Ich habe leider noch nie gehört, warum. Dann könnte ich es beurteilen. "Geht nicht" ist keine Auskunft, ich möchte wissen: Warum nicht?

Aber Sie haben ihn ja bestimmt gefragt.

Immer wieder, ja.

Was erwarten Sie sich vom nächsten, für Anfang September vorgesehenen Gespräch mit ihm?
Naja, er hat uns Fragen ausgehändigt, die wir beantworten sollen. Die Fragen laufen darauf hinaus, ob wir nun sozusagen Gemeinsamkeiten mit der Kirche sehen. Ich kann jetzt schon sagen, dass ich unsere Forderungen mit unserer Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche für vereinbar halte.

Sind Sie der Stachel in Schönborns Fleisch?
Das ist, glaube ich, für beide Seiten keine sehr bequeme Situation. Ich glaube auch, dass diese Sicht übertrieben ist. Ich bin einer von denen, die ihm halt jetzt widersprechen.

Die ungehorsam sind.
Weil das auch tatsächlich zutrifft! Das, was wir tagtäglich in den Pfarrgemeinden tun, ist ungehorsam, da soll man nicht herumreden.

Sprechen Sie vom Zölibat?

Nein, nein. Da fahrt's immer nur ihr Journalisten darauf ab. Ich rede davon, dass wir Laien mitentscheiden und predigen lassen, weil viele Gemeinden keine Pfarrer mehr haben, dass wir Wiederverheirateten und Geschiedenen in begründeten Fällen die Kommunion nicht verweigern, dass wir Abendmahl feiern mit den Evangelischen. Was wiegt schwerer? Die Aufrechterhaltung von Gesetzen oder die Sicherstellung der seelsorglichen Arbeit?

Fühlen Sie persönlich sich an den Zölibat gebunden?
Ich glaube, dass man dieses Gesetz den Menschen nicht auferlegen kann. Für einen Teil der Kirche, nämlich die Griechisch-Katholische Kirche, wurde ja schon beschlossen, dass die Wahl des Lebensstandes für Priester frei ist. Diese Frage muss jeder selbst entscheiden. Ein Familienvater als Priester ist in meinen Augen gleichwertig, es gibt vielleicht den Unterschied, dass bei ihm manche zusätzliche Erfahrungen einfließen, was jedenfalls kein Nachteil ist. Und die Frage der Hingabe müsste man auch in vielen anderen Berufen stellen. Man kann auch sagen: Ein Arzt kann keine Familie haben. Oder eine Krankenschwester... Wenn man es genau betrachtet, kommt es immer mehr zu einer Art "Vermönchung" des Priesteramtes. Auch die Katholiken sollten letztlich kleine Mönche sein.

Was würden Sie machen, wenn Schönborn Sie des Amts entheben würde?
Das weiß ich noch gar nicht. Ich würde weiterarbeiten als Seelsorger, was immer mir möglich ist.

Kommt in Ihrem Denken gar keine Angst vor?
Angst habe ich keine, nein.

Obwohl die Fronten so verhärtet sind?

Ich sehe keine Fronten, ich sehe Bewegung und Dynamik, die natürlich in Konflikt gerät mit manchen althergebrachten Vorstellungen. Das ist für mich auch kein Krieg, sondern eine Auseinandersetzung um die Zukunft der Kirche.

Herr Schüller, warum gehen Sie eigentlich nicht zur evangelischen Kirche? Dort hätten Sie die ganzen Probleme nicht.

Weil ich meine Kirche nicht im Stich lass. Und bei allem Respekt, ich sehe das überhaupt nicht ein. Die Ökumene ist mir sehr wichtig, aber diese Frage halte ich ehrlich gesagt für eine Zumutung.

Warum?
Weil das meine Kirche ist. Weil ich diese Kirche für gestaltbar halte und weil sie immer gestaltet worden ist, in ihrer ganzen, langen Geschichte. Wir haben mit einer sehr pluralen Entwicklung zu tun, nebeneinander haben da sehr verschiedene Modelle von Gemeinden existiert. Wenn jemand eine lateinische Messe liebt, warum denn nicht? Wenn jemand absolut nur in der Form der letzten 300 Jahre seinen Glauben ausüben möchte, warum denn nicht? Aber Generallinie kann das nicht sein. Es muss eine vielfältige Kirche geben, das ist unser Thema.

Wenn Sie die Chance hätten, mit dem Papst zu frühstücken, was würden Sie ihm dann sagen?
Er weiß das eh alles. Wir waren auch in Rom. Einen Brief von uns hat das Kardinalstaatsekretariat beantwortet und alles letztlich als "nicht diskutabel" bezeichnet. Wir haben schon ordentliche Reformkilometer abgespult. Wir waren bei allen Bischöfen, keiner hat sich deklariert.

Sehen Sie sich als Rebell?
Dieser Revolution müsste es schon sehr schlecht gehen, wenn meiner einer schon ein Rebell wäre.

Als was sehen Sie sich?

Als Artikulierer vielleicht.

Sie haben karrieretechnisch in der Kirche schon alles erreicht, außer den Bischof: Träumen Sie noch von einem höheren Amt in der Kirche?
Ich werde nächstes Jahr 60, ich habe schon genug Ämter gehabt, ich habe das alles erlebt, wie das ist mit Ämtern und mit Institutionen und mit diesen ganzen Strukturen, Debatten und so weiter. Ich habe immer Pfarrer werden wollen und ich genieße es jetzt wirklich, mich dort einzusetzen, wo ich glaube, dass wirklich was weitergeht.

Wenn Sie 70 sind, was wollen Sie dann erreicht haben?
Mit 70 möchte ich gerne zurückschauen auf erste, mutige Reformschritte in der Kirche, auf eine neue Präsenz der Kirche in der Gesellschaft. Ich möchte zurückschauen auf Pfarrgemeinden als gesellschaftliche Basisstationen der Kirche, auf Frauen als Priester, auf Priester mit und ohne Familie, ich möchte diese Gespaltenheit des Christentums - allein in Österreich mit 14 verschiedenen Teilkirchen - nicht mehr sehen, sondern eine Kirche, die auf der Seite derer steht, deren Stimme zu schwach ist, bei uns oder anderswo. Das sind so meine Hoffnungen. Manchmal kann es sehr schnell gehen, das haben die Ereignisse von 1989 gezeigt.

Was sollen Mitstreiter, die so denken wie Sie, tun?

Es gibt so viele, die mir versichern: "Gut, dass Sie es sagen!" Aber jedes Kirchenmitglied sollte sich artikulieren. Am besten den Bischöfen direkt schreiben, ein Mail, einen Brief. Auch wenn ihn keiner liest, der Brief ist in der Welt. Da bin ich philosophisch. Auch ein ungelesener Brief hat eine riesige Kraft.

Zur Person: Der "Manager Gottes" entfremdet sich von Rom

Helmut Schüller Foto: KURIER/Christandl Helmut Schüller

Seine Karriere Helmut Schüller, geboren als "Christkind" 1952, war Jugendseelsorger, Caritasdirektor in Wien, Caritas-Chef Österreich, Generalvikar und Ombudsstellenleiter für Opfer sexuellen Missbrauchs. 1999 entließ ihn Schönborn wegen "tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten" aus dem Amt des Generalvikars, indem er ihm ein Kündigungsschreiben vor die Wohnungstür legte. Heute ist Helmut Schüller Pfarrer von St. Stephan in Probstdorf, NÖ, Universitätsseelsorger der Katholischen Hochschulgemeinde Wien, Geistlicher Assistent der Katholischen Hochschuljugend Wien, Studentenseelsorger und Vorstandsvorsitzender von Fairtrade Österreich.

Seine Initiative 2006 stellte Schüller gemeinsam mit Pater Udo Fischer die "Pfarrer-Initiative"vor, die sich für Mitverantwortung, Mitentscheidung und Mitgestaltung in der Kirche stark macht. Am 19. Juni 2011 wurde der "Aufruf zum Ungehorsam" veröffentlicht, der unter anderem die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt, die Abschaffung des Zölibat und Laienprediger fordert. Bisher haben sich 300 Priester eingetragen.

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(kurier / Conny Bischofberger) Erstellt am
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