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Politik
12/05/2011

Papst verblüfft im Bundestag

Der deutsche Papst wirbt vor dem Bundestag für die Werte des Rechts als Grundlage der Gesellschaft und erhält viel Beifall.

Das war unerwartet: Im wichtigsten politischen Element seines viertägigen Deutschland-Besuchs, der mit Spannung erwarteten Rede im Bundestag, verblüffte der Papst alle, die von ihm Handlungsanweisungen erwartet hatten. Benedikt XVI. konzentrierte sich auf die Grundlage des Zusammenlebens, des Naturrechts. Sogar der Gottesbezug und die Rolle der Kirche blieben ganz im Hintergrund.

Die Rede war typisch für den früheren Kardinal Joseph Ratzinger. Der Religionsphilosoph und einstige Professor für Theologie entwickelte wie in einer Vorlesung die Grundlage des Rechts aus der Geschichte. "Nimm das Recht weg und was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande", zitierte er alte Quellen und später auch neuere, darunter zwei Mal sogar Hans Kelsen, den Vater der österreichischen Bundesverfassung.

Der Papst lobte überraschend die ökologische Bewegung der siebziger Jahre, die ein "Schrei nach frischer Luft war und dass etwas im Umgang mit der Natur nicht stimmt". Auf den Applaus der Grünen reagierte der 84-Jährige spontan, er wolle "natürlich nicht für eine Partei hier Werbung machen". Das trug ihm zustimmendes Gelächter und den Applaus aller ein.

Auch am Ende der Rede bekam er weit mehr als nur höflichen Beifall aus allen Fraktionen, sogar auch aus der der "Linken", deren Reihen aber nur zur Hälfte gefüllt waren. In den Reaktionen danach äußerten sich auch alle Vertreter der linken Parteien zustimmend, wenngleich sie etwa Worte zur Gerechtigkeit in der Gesellschaft vermissten.

Keine Tagespolitik

Weniger glücklich schien Bundeskanzlerin Merkel, die Tochter eines protestantischen Pastors und Chefin der deutschen Christdemokraten. Sie hatte offenbar gehofft, dass der Papst auch im Bundestag die Themen anspricht, die sie mit ihm in der Vieraugen-Unterhaltung zuvor erörtert hatte: Die Euro-Rettung und die Verantwortung der Märkte, die Themen also, an denen derzeit ihre Koalition zu zerbrechen droht. Doch der Heilige Vater enthielt sich im Bundestag strikt jeder tagespolitischen Äußerung.

Auf diese Themen spielte er nur in der Begrüßungsrede im Schloss Bellevue an, dem Amtssitz von Bundespräsident Christian Wulff. Dessen Besuch und das Gespräch mit dem deutschen Staatsoberhaupt hatten den Deutschland-Trip eröffnet. Sowohl der Katholik Wulff, dem seine junge zweite Frau nicht von der Seite wich, als auch Bundestagspräsident Norbert Lammert im Bundestag hatten ihren Begrüßungsreden vom Papst Stellungnahmen zur Spaltung der christlichen Kirchen und der Krise der deutschen Katholiken erhofft. Darauf ging er aber nur sehr verklausuliert ein.

Nun wird erwartet, dass er die in den nächsten Tagen an den geeigneteren Orten liefert: Zur Spaltung mit den Protestanten am Freitag, auf den Spuren Martin Luthers in Thüringen und zur Krise der deutschen Kirche rund um die innerkirchlichen Beratungen am Sonntag in Freiburg.

Pastoraler Höhepunkt des Tages in Berlin war der früh-abendliche Gottesdienst im Olympiastadion mit 70.000 begeisterten Gläubigen. Da war die tiefe Krise der Kirche, aus der 2010 mehr Deutsche austraten, als getauft wurden, nicht spürbar.

Gegendemonstrationen

Das war sie hingegen bei den Demonstrationen gegen den Papstbesuch. 500 Meter vom Bundestag entfernt protestierten 5000 Gegner, weniger als angesagt, aus 60 Organisationen und Gruppen, darunter den drei linken Parteien und den Gewerkschaften. Darunter waren auch hundert Missbrauchsopfer des katholischen Erziehungswesens. Mit karnevalesken Kostümen verhöhnten sie den Papst und die Kirche. Die beleidigendsten Plakate versuchte die Polizei zu entfernen. Gegen frühere Gäste des Bundestags war kaum demonstriert worden, nicht gegen den russischen Präsidenten Putin, wohl aber gegen die US-Präsident Nixon und Bush.

Das Programm im Detail:

Donnerstag
11.15 Uhr - Offizielle Begrüßung durch den Bundespräsidenten
12.50 Uhr - Begegnung mit Bundeskanzlerin Merkel
16.15 Uhr - Rede im Bundestag
17.15 Uhr - Begegnung mit der jüdischen Gemeinde
18.30 Uhr - Messe im Berliner Olympiastadion

Freitag
9.00 Uhr - Begegnung mit Vertretern des Islam
10.45 Uhr - Ankunft in Erfurt
11.45 Uhr - Gespräch mit der deutschen evangelischen Kirche
12.20 Uhr - Evangelischer Wortgottesdienst
16.45 Uhr - Hubschrauberflug zur Wallfahrtskapelle von Etzelsbach

Samstag
9.00 Uhr - Messe am Domplatz von Erfurt
14.00 Uhr - Besuch des Freiburger Münsters
16.50 Uhr - Begegnung mit Ex-Kanzler Helmut Kohl
17.15 Uhr - Begegnung mit der Orthodoxen Kirche
18.15 Uhr - Begegnung mit dem Präsidium des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

Sonntag
10.00 Uhr - Messe am City-Airport-Gelände in Freiburg
16.20 Uhr - Begegnung mit den deutschen Bundesverfassungsrichtern
17.00 Uhr - Rede im Konzerthaus in Freiburg
19.15 Uhr - Abflug vom Flughafen Lahr nach Rom

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