Politik
18.01.2012

"Österreichs Schulpolitik macht Talente kaputt"

Die einzige Chance, sich auf die Zukunft erfolgreich vorzubereiten, sei es, jedes Talent zu fördern, sagt Markus Hengstschläger.

Der Durchschnitt ist die größte Gefahr für eine erfolgreiche Zukunft, weil er zu keiner Spitzenleistung fähig ist. Der Durchschnitt ist ungerecht, weil er keinem einzigen Individuum wirklich entspricht. Der Durchschnitt ist eine evolutionäre Sackgasse."

Nein, Markus Hengstschläger, Spitzenforscher an der MedUniWien und wissenschaftlicher Leiter des Think Tanks Academia Superior, hat es nicht wirklich mit dem Durchschnitt. Und er hat ein Beispiel entwickelt, das illustriert, warum: 20 Kinder stehen im Turnsaal und der Lehrer kündigt an, dass ein Ball geflogen kommen wird. Wann? Woher? Unbekannt! Jetzt brauchen die Kinder einen Rat – entweder vom Lehrer, der Politik oder von wem auch immer –, wo sie sich aufstellen sollen, damit irgendwer den Ball fängt. Hengstschläger: "Was macht Österreich? Man gründet eine Expertengruppe, die immer dasselbe macht: Sie bildet eine Untergruppe, die klärt, woher der Ball bisher durchschnittlich gekommen ist."

Ein für Hengstschläger "irrer Zugang, denn, wenn der Ball bisher zehn Mal von rechts oben und zehn Mal von links unten kam, liegt der Durchschnitt in der Mitte. Und von dort ist der Ball in der Realität noch nie gekommen." Der einzig richtige Rat aus Sicht des Wissenschaftlers: "Individualität. Es dürfen niemals zwei Kinder auf dem selben Platz stehen."

Einzige Chance

Warum er, der Genetiker, sich mit seinem neuen Buch „Die Durchschnittsfalle" zu diesem Thema zu Wort meldet: "Weil das Konzept der Individualität die einzige Chance ist, sich auf Fragen vorzubereiten, die aus der Zukunft kommen und von denen wir heute nicht wissen, wie sie ausschauen und wann sie kommen. Weil es aus der Evolution herleitbar ist und das einzige ist, das sinnvoll ist. Ein biologisch-genetisch über Jahrmillionen getestetes System sagt uns, wir können durch Gleichschalten nicht erfolgreich sein," sagt er im KURIER-Interview.

KURIER: Herr Prof. Hengstschläger, sind Ihnen die Politiker mit ihren Slogans über Leistung und Erfolg so auf die Nerven gegangen, dass Sie dieses Buch geschrieben haben?

Markus Hengstschläger: Nicht alle, aber viel zu viele – und die dann sehr! Weil sie alles vollkommen falsch verstanden haben. Sie würden zum Ball-Problem folgendes sagen: ,Wir sind nach Südkorea geflogen, haben uns in China schlau gemacht, was die tun, und kommen nach langwieriger Arbeit und vielen Gutachten zu folgendem Ergebnis: Im Durchschnitt kommt der Ball von dort. Bitte stellt euch alle dort auf.‘ 20 Kinder auf einem Fleck. Und dann kommt der Ball. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihn irgendwer fängt, geht gegen null.

Sie kritisieren auch, dass Talente gewertet werden ...

In meinem Buch diskutiere ich, was ein Talent überhaupt ist, was daran genetisch ist und was durch Umwelt entsteht, und wie man Talente bei sich und seinen Kindern entdecken kann. Werten ist dabei ein schwerer Fehler. Viele sagen: ,Elina Garancas Gesang oder Lionel Messis Fußballspiel sind wertvoller. So ein Talent habe ich nicht – leider.‘ Hier findet eine Wertung statt, die vollkommen unwissenschaftlich ist, denn die Bedeutung eines Talent hängt davon ab, wann wir was wofür brauchen. Und für die Lösung der Probleme aus der Zukunft ist weder eine schön gesungene Arie noch ein perfekt geschossener Ball irgendein Ansatz. Ihr Talent als Journalistin, meines als Wissenschaftler trägt im Alltag tausend Mal mehr zur Lösung der Probleme der Zukunft bei.

Welche Talente soll man Ihrer Meinung nach fördern?

Alle! Jeder hat welche und wir wissen nicht, welche wir in Zukunft brauchen werden, darum können wir auf keines verzichten!

Davon kann im aktuellen Systems natürlich nicht die Rede sein.

Richtig. Folgendes Szenario: Ein Kind lernt nichts, ist den ganzen Tag auf dem Fußballplatz und kommt mit vier Nicht genügend und einem Sehr gut nach Hause. Was sagt das Bildungssystem inklusive Eltern: ,Da wo du ein Sehr gut hast, tust du nichts mehr, denn da bist du eh schon durch. Wo die Nicht genügend drohen, wirst du ab jetzt Tag und Nacht lernen.‘ Was passiert? In den vier Gebieten, in denen das Kind schlecht war, wird es durch harte Nachhilfe irgendwann Durchschnitt. Die Eltern sind froh. Dort, wo es sehr gut war, ist es jetzt auch nur noch Durchschnitt. Und Durchschnitt heißt: Keine besondere Leistung, nichts, worauf die Zukunft aufzubauen wäre.

Ich kenne kaum ein anderes Land, das ein so effizientes System entwickelt hat, seinem Gegenüber zu erklären, was es nicht kann, um ihm im nächsten Schritt zu sagen: ,Ab jetzt beschäftigst du dich nur noch mit den Dingen, die du nicht kannst.‘ Welch unglaublicher Unsinn!

Wie ginge es besser?

Dort, wo die Nicht genügend drohen, ein bisschen was tun – gerade so viel, dass das Kind durchkommt. Durchkommen müssen wir, denn die Mindeststandards müssen erfüllt sein, aber Durchschnitt braucht keiner. Und dann dem Kind sagen: ,Damit, worin du sehr gut bist, beschäftigst du dich rund um die Uhr. Denn das ist dein Talent, dein e=mc², dein Peak.‘ Genau das brauchen wir; und jeder kann ein Peak und Freak sein. Denn es gibt auch nicht die eine Elite, sondern so viele Eliten, wie es Individuen gibt, sofern sie individuell bleiben dürfen. Wir kommen genetisch individuell zur Welt und müssen uns in diesem Land unser ganzes Leben lang gegen Gleichmacherei wehren.

 

Wie war das mit der Talente-Förderung beim kleinen Markus Hengstschläger?

Ich stamme aus einer geisteswissenschaftlich orientierten Familie, war mit 16 ein Punk, in manchen Fächern gut, in anderen schlecht – nur in Benehmen war ich immer schlecht. Wer solch ein Kind hat, dem könnte man sagen: ,Machen Sie sich nichts draus – aus ihm kann immer noch ein Genetiker werden.‘ Das ging vor 25 Jahren! Heute ist das in vielen Ländern nicht mehr möglich. Hätte es einen Numerus clausus oder Aufnahmeprüfungen gegeben, bei denen ich überall gleich gut hätte sein müssen, ich hätte wahrscheinlich nie studiert.

Ein Kind, das zwei, drei Nicht genügend hat, kann woanders ein Genie sein. Wenn wir uns aber am Durchschnitt orientieren, haben wir nur noch durchschnittliche, evolutive Sackgassen und erreichen nichts mehr. Ein Wissenschaftler, der etwas entdeckt, was man schon kennt, hat nichts geleistet. Er muss täglich die Grenzen finden, um sie zu überschreiten, er muss den Weg definieren, um ihn zu verlassen! Die Leute, die ich auf der Uni ausbilde, sollen vom mir lernen, das, was jetzt besteht infrage zu stellen. Und nicht zu sagen ,Ich bin im Durchschnitt und das ist angenehm und bequem.‘

Sie singen ein Hohelied auf das Anderssein. Doch als Wissenschaftler wissen Sie natürlich auch, dass die Angst vor dem Anderen evolutionär ganz tief in uns verwurzelt ist. Was machen wir da?

Es ist fatal, wie massiv diese Angst heute geworden ist. Wenn acht am Stammtisch sitzen und sagen: ,A.‘, ein Neunter dazu kommt, ,B sagt und sicher weiß, dass er recht hat, fällt die Meute über ihn her. Er steht also vor der Alternative: Er irrt sich mit allen anderen oder er bleibt ein Außenseiter. Da ist es natürlich verlockend, aufzugeben. Die Angst vor dem Anderssein kommt daher, weil das Alleine-Scheitern so viel brutaler ist, als in der Masse zu scheitern. Niemand will heute mehr Außenseiter sein, nicht als Kinder, nicht als Schüler, nicht als Mitarbeiter. In Wirklichkeit sind sie aber unsere einzige Chance!

Und was machen wir da?

Es muss wieder cool und erstrebenswert sein, anders zu sein – wenn alle verschieden sind, fällt keiner mehr auf. Wir müssen ein Bildungssystem und eine Stimmung im Land erzeugen, die sagt, jeder, der etwas in Frage stellt, ist besser als der, der anderen zustimmt. Jeder, der sich aus der Masse herausheben will, ist uns prinzipiell recht. Das hat etwas mit Migration zu tun, mit Individualität, mit Förderung des Unterschieds und auch mit harter Arbeit. Der Außenseiter entsteht ja nur dann, wenn viele, zu viele, gleich sind.

Und Sie glauben, dass wir das mit unserem Schulsystem, unserem politischen System erreichen können?

Mich ärgert diese politische Diskussion: Zentralmatura? Numerus clausus? Gesamtschule? Studiengebühren? Man soll es nennen, wie man will. Mir ist es vollkommen egal, wenn das Grundkonzept darauf aufbaut, individuelle Leistungsvoraussetzungen (und da gibt es auch genetische Anteile) zu entdecken und zu motivieren, sie durch harte Arbeit in eine besondere Leistung umzusetzen. Mir ist egal, ob in einer Klasse der Durchschnitt gut in Mathematik ist. Eltern, Lehrer, Trainer, Arbeitgeber müssen ausnahmslos danach streben möglichst viele Talente zu entdecken. Im Sport, auf kreativem Gebiet, im Management, egal wo. Das muss unser Lehrkonzept sein. Der wichtigste Wert muss wieder sein „etwas können können“. Ein Talent ist nur so viel Wert, wie viel harte Arbeit man in seine Umsetzung und Anwendung steckt.

Meine Aufgabe an der Universität ist es, dem Studenten zu raten, wo seine Talente sind und in welches Thema er sich vertiefen sollte, damit er wissenschaftlich Erfolg hat.

Dieses Ihr Uni-System auf die Schule zu übertragen – wäre das ein richtiger Weg?

Natürlich! Es kann nicht das Ziel der Pädagogik sein, jemanden mit Nicht genügend in einem Fach auf einen Zweier zu bringen und dadurch das Fach, in dem der Schüler wirklich gut ist, zu vernachlässigen. Das Ziel ist es, sein Fach zu finden, indem schließlich jeder durch harte Arbeit und intrinsische (innere, Anm.) Motivation in einen Flow-Zustand kommen kann und soll. Jeder kann etwas gut, man muss es nur finden. Aber wir machen uns nicht mehr auf die Suche. Das ist pädagogisch ein grundlegend anderer Ansatz.

Alles anders zu machen als Selbstzweck ist aber nicht das, was Sie meinen?

Richtig! Man kann nicht sagen, nur weil es anders ist, ist es schon gut. Bewährtes bewahren, hat Sinn, aber man muss es auch infrage stellen. Anders kann, das muss man klar sagen, auch schlecht sein. Wir müssen aber den Mut haben, das andere zu suchen. Dann gehört es aber evaluiert.

Grundsätzlich hat Österreich in Sachen Individualität eigentlich eine große Tradition ...

... die wir gerade massiv aufs Spiel setzen. Schrödinger, von Suttner, Freud, Frankl, Lorenz, Kokoschka, Schiele, Klimt, Trakl, Torberg, Bachmann… sie fanden bei uns immer eine unglaubliche Individualität und unglaubliche Peaks und Freaks. Und ich verstehe die Österreicher nicht, die glauben, wir hätten so etwas nicht mehr. Wir machen den Auslandsoscar, haben eine Literaturnobelpreisträgerin. Wir haben acht Millionen Einwohner und unglaubliche Peaks und Freaks. Wissen Sie, worin wir vielleicht nicht gut sind: im Durchschnitt!

Aber wen interessiert das? Ich glaube an das österreichische Humankapital. Und das beruht auf Individualität. Durch die Gleichmacherei riskieren wir alles.

Buch: Über Gene, Talente, Chancen und den Ist-Zustand

Der Autor Markus Hengstschläger, Jahrgang 1968, promovierte mit 24 Jahren zum Doktor der Genetik; mit 35 Jahren wurde er zum Universitätsprofessor für Medizinische Genetik in Wien berufen. Einem breiten Publikum wurde er durch seine populärwissenschaftlichen Bücher "Die Macht der Gene" und "Endlich unendlich" bekannt. Jetzt setzt er sich mit Genen, Talenten und Chancen auseinander .

Der Inhalt In seinem neuen Buch „Die Durchschnittsfalle“ ( Ecowin, 21,90 €), das heute in die Buchhandlungen kommt, rechnet der Linzer mit der viel beschworenen Leistungsgesellschaft ab, die das Hervorbringen durchschnittlicher Allround-Könner zur obersten Priorität erklärt hat. Und erklärt, warum das eine evolutionäre Sackgasse ist und wir trotzdem gerade mit Vollgas in diese Gasse fahren.

 

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