Obama, ein "Leonardo da Vinci der Worte"

In gewohnter Wortgewandtheit hielt der 44. Präsident der USA seine Antrittsrede. Was zeichnet seine Rhetorik aus? Eine Analyse.

Auch wenn die Meinungen über die Antrittsrede von Barack Obama teilweise auseinandergehen (siehe "Kommentar), bleibt eines unbestritten: Obama ist ein genialer Redner. Doch was macht Obama so unwiderstehlich? Was seine Auftritte so einprägsam? Rhetoriktrainer Stefan Gössler hat sich mit diesem Thema auseinandergesetzt. "Jeder Politiker verwendet bestimmte Muster. Auch Obama - aber in kürzester Zeit mehr als jeder andere. Außerdem verwendet er eine sehr bildhafte Sprache", erklärt Gössler gegenüber KURIER.at und gibt gleich ein Beispiel: "Obama sagt etwa: 760.000 Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren. Das lässt er aber nicht so im Raum stehen, er erklärt die Auswirkungen auf den Einzelnen. Damit spricht er sofort an, was die Menschen berührt, was das für ihr Leben bedeutet."

Ebenfalls typisch für Obama ist eine grundlegende Regel (siehe Interview) eines guten Redners: Wortwiederholungen. Die typischste ist der berühmte Ausspruch "Yes, we can!"
Gössler: "Wiederholungen zählen zu den einfachsten und im Vergleich dazu
wirksamsten Werkzeugen der Rhetorik. Sie wurden zu einem Markenzeichen Barack Obamas: die wortwörtlichen Wiederholungen am Satz- bzw. Absatzanfang. In der Rhetorik werden sie auch Anaphern (Bsp.: "Wer soll nun die Kinder lehren und die Wissenschaft vermehren? Wer soll nun für Lämpel leiten seines Amtes Tätigkeiten?" aus "Max und Moritz" von Wilhelm Busch) genannt. Obama nutzt diese Wiederholungen, um seine Rede zu strukturieren. Er gibt so seinen Argumenten mehr Gewicht. Oft ist in jeder folgenden Wiederholung ein weiteres Beispiel oder ein weiterer Beweis, der sein Argument unterstützt."
Barack Obama bedient sich aber nicht nur der Wortwiederholungen am Satzanfang als Werkzeug. Seltener, aber sehr gekonnt, benutzt er Wortwiederholungen am Satzende. Diese Figur, Epipher (Bsp.: Mir geht es gut. Meinem Vater geht es gut. Dem Rest meiner Familie geht es gut. Allen geht es gut.) genannt, ist wesentlich herausfordernder als die Anapher.

"Auch in Österreich gibt es Politiker, die oft wiederholen, allerdings immer mit den gleichen Sätzen. Das ist falsch. Ein Thema, ein Argument wird bei Obama durch verschiedene Metaphern und Geschichten noch mal wiederholt", so Gössler der Obama als einen "Leonardo da Vinci der Worte" bezeichnet, denn: "Er berührt mehr als jeder andere."

"Pilz, der Dialektiker"

Gössler zieht auch Vergleiche zu europäischen Politikern. "Schröder war immer der Weltmännische, der 'Großkopferte'. Obama gibt sich als 'einer von uns'. Er stellt Verbindungen her. So sagt er etwa, dass er wisse, wie es ist, ohne Vater aufzuwachsen, da ihm das gleiche passiert sei."

Auch in Österreich gibt es gute Rhetoriker. Gössler: "Unbestritten war Jörg Haider ein sehr guter Redner, auch wenn seine Botschaften fürchterlich waren. Ebenso gut finde ich Wolfgang Schüssel und Peter Pilz. Vor allem Pilz ist ein grandioser Dialektiker (Anm. die Logik des Widerspruchs oder die Methode des Philosophierens unter Berücksichtigung kritischer Gegensätze). Deswegen haben in einem U-Ausschuss auch viele Angst vor ihm."

"Ich bin einer von euch"

Immer wieder hebt Obama sehr stark das "Ich bin einer von euch"-Thema hervor. "Und das obwohl er etwa Harvard-Absolvent ist. Doch Obama bekam viele Privatspenden, kleine Summen von etwa 50 Dollar, weil er einfach die Massen begeisterte."

Laut Gössler hat Obamas Konkurrent McCain zwei große Fehler gemacht. "Er hat sich nicht von Bush distanziert. Auch ein klassischer Fehler der ÖVP übrigens, die darauf gebaut haben, dass die Politik von früher schon so gepasst hat. Der zweite Fehler war Sarah Palin, sie hat McCain viele Stimmen gekostet." So hat Palin etwa betont, das "wahre Amerika" verstehe sie, während es für Obama immer nur ein Amerika gab, ohne Unterschied.

Eine weitere Redekunst Obamas steht unter dem Begriff "Reframing", das heißt, er dreht eine Botschaft um. Einem Geschehen wird dadurch ein anderer Sinn zugewiesen.

Gössler: "Eigentlich hat McCain viel mehr politische Erfahrung, das war sein großer Pluspunkt. Darauf hätte er bauen können. Doch was macht Obama? Er sagt zu ihm 'Du warst 26 Jahre im Senat und hast nichts gemacht.' Damit hat er McCains wichtigstes Argument genommen."

(KURIER.at) Erstellt am
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