Politik
20.03.2012

Noch schweißt die Tragödie Frankreich zusammen

Frankreichs Präsident ehrte die Toten, indem er seinen Wahlkampf bis Mittwoch aussetzte.

Ein einziger namhafter Politiker scherte bisher aus dem Konsens aus, mit dem Frankreichs Spitzen auf die Mord-Serie reagierten. Dieser Konsens reicht weit: Nicolas Sarkozy erklärte seine Kampagne für die Präsidentenwahl bis zur Beerdigung der drei Soldaten am Mittwoch für ausgesetzt. Der Sozialist François Hollande sagte eine Kundgebung ab und beschwor fast wortgleich mit Sarkozy „die Einheit der Republik gegenüber der Barbarei“. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen beteuerte: „Heute gibt es keine Linke und keine Rechte mehr, nur das französische Volk, das in seinem Herzen getroffen ist.“

Lediglich der Zentrumspolitiker François Bayrou hielt eine Wahlkampf-Veranstaltung ab, die er in eine „Nachdenk-Sitzung“ umbenannte. Der in den Umfragen mit 13 Prozent viertgereihte Präsidentschaftskandidat sprach von einer „Gesellschaft, die an ihren Spaltungen krankt“. Man habe im Wahlkampf „mit dem Finger auf die einen oder anderen wegen ihrer Abstammung oder sozialen Lage gezeigt“, bedauerte Bayrou. Dieser Vorwurf galt in erster Linie Sarkozy.

Der Präsident und seine Entourage hatten Roma-Migranten ins Visier genommen, und zuletzt ihre Kampagne auf die Einwanderung aus dem Maghreb, auf muslimische Gemeinschaftsbildungen und den Missbrauch des Wohlfahrtsstaats durch Sozialhilfeempfänger konzentriert. Dabei hatte sich Sarkozy die Themen von Marine Le Pen vorgeben lassen, allerdings mit dem Unterschied, dass er Migranten immer wieder auch als „Bereicherung“ bezeichnete.

Bruchlinien

Die Warnungen von Bayrou haben etwas Respektables an sich, sie erscheinen aber im jetzigen Kontext überdreht, auch wenn man die Gratwanderung von Sarkozy zwischen rechtspopulistischer Demagogie und republikanischer Integrations-Bejahung problematisch finden kann. Frankreichs Juden fürchten in ihrem Alltag kaum rechtsradikale Grüppchen, sondern vor a­llem Attacken durch Jugendliche, die sich an der Schnittstelle zwischen Kriminalität und radikal-islamistischer Ideologie bewegen.

Gleichzeitig leiden die Jugendlichen aus muslimischen Migrantenfamilien unter – ungeschriebenen, aber realen – Diskriminierungen im Alltag. Viele Franzosen haben das Gefühl, ihr Land könnte und müsste diese Bruchlinien jetzt überwinden angesichts der Tatsache, dass ein „Monster“ (so Präsident Sarkozy) sich gleichermaßen an jüdischen Kindern und Soldaten aus muslimischen und karibischen Familien vergangen hat.