Politik
31.01.2012

Nigeria: „Das Problem sind die Polit-Eliten“

Ex-Präsident Obasanjo sprach mit dem KURIER auf dem Flug nach London über die Probleme Nigerias und Afrikas.

Was die ehemaligen Präsidenten Bill Clinton (USA) oder Luiz Inacio „Lula“ da Silva (Brasilien) für den amerikanischen Kontinent sind, ist der langjährige Ex-Staatschef Nigerias, Olusegun Obasanjo, gemeinsam mit Südafrikas früherem Staatsoberhaupt Thabo Mbeki, für den afrikanischen Kontinent: Allesamt drückten sie während ihrer Amtszeit einer ganzen Weltregion den Stempel auf. Heute sind sie elder statesmen , deren Expertise sehr gefragt ist.

Als solcher nahm Obasanjo am soeben zu Ende gegangenen Gipfel der Afrikanischen Union (AU) in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba teil. Bei seiner Abreise wurde das Polit-Schwergewicht auf dem Flughafen diskret zur Maschine mit Zielort London gebracht, wo er schnell in der Business-Class verschwand. Doch dem KURIER-Reporter, ebenfalls auf dem Rückweg nach Europa, blieb dies nicht verborgen, er bat um ein Gespräch – und erhielt spontan folgendes Interview.

KURIER: Nach den blutigen Ereignissen in Ihrem Heimatland (siehe unten) sehen manche schon einen Bürgerkrieg heraufdämmern. Sie auch?

Olusegun Obasanjo: Nein, das haben wir hinter uns (Biafra-Sezessionskrieg 1967-1970) . Diese Phase wird vorübergehen.

Aber es sind doch eklatante Spannungen in Nigeria zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden erkennbar.

Ja, aber es gibt keine wirkliche Kluft zwischen den beiden Landesteilen. Das Kernproblem stellen die politischen Eliten und jene Gruppen dar, die zu diesen aufschließen wollen: Diese Leute denken viel zu wenig national. Sie gehen den einfachen Weg und setzen auf Stammes-, Sprachen- und Religionszugehörigkeit.

Dabei müssten doch alle Gruppen befriedigt werden können: Der bevölkerungsreichste Staat Afrikas ist weltweit der fünftgrößte Erdöl-Exporteur. Zugleich aber lebt die Mehrheit in bitterer Armut. Woran liegt das?

An einer schlechten Regierungsführung und an der ebenso schlechten Verteilung der Erlöse aus dem Öl-Geschäft.

Ist das auch eine Art Selbstkritik?

Nein, zu meiner Zeit (1999-2007) ist die Armutsrate von 72 auf 52 Prozent gesunken. Heute geht sie wieder nach oben. Außerdem sind unter meiner Administration die Devisenreserven von 3,5 auf 45 Milliarden Dollar gestiegen, zugleich haben wir die Schulden um zwölf Milliarden auf 18 Milliarden Dollar reduziert.

Was muss passieren, dass Nigeria, aber auch die anderen Länder Afrikas, endlich auf die Beine kommen?

Ein wichtiger Aspekt ist der inner-afrikanische Handel, der auch Zentralthema beim AU-Gipfel war. Derzeit macht er nur elf Prozent aus. Können wir ihn auf 20 Prozent bringen, würde das 30 Milliarden Dollar zusätzlich generieren. Dieser inner-afrikanische Handel muss kommen, damit wir unabhängiger werden. Jetzt zum Beispiel sind wir von der Krise in Europa betroffen. Für diesen Schritt brauchen wir einen massiven Abbau der Zölle und neue Transportnetze.

Speziell in diesen Infrastruktur-Maßnahmen sind die Chinesen engagiert. Da sie auch sonst immer stärker in Afrika auftreten, befürchten manche schon eine Neo-Kolonialisierung.

Wo hat China das meiste Geld investiert? In den USA. Wird Amerika also von Peking kolonialisiert? Nein. Ich sehe die Gefahr für Afrika nicht.

Was machen Sie derzeit?

Ich war unter anderem als Vermittler in den Konflikten im Kongo und in Côte d’Ivoire tätig. Aber im Grunde meines Herzens bin ich Bauer. Ich bin so stolz auf meine Rinder- und Gemüsefarm in der Nähe von Lagos, die ich seit 1979 betreibe.

Obasanjo: Zwei Mal Staatschef in Nigeria

Herkunft Olusegun Obasanjo, der am 5. März 75 Jahre alt wird, stammt aus dem Süden Nigerias, gehört dem Yoruba-Volk an und ist Christ.

Offizierslaufbahn 1958 tritt er in die Armee ein und nimmt am Biafra-Krieg (1967-1970) teil. Nach dem Militärputsch 1975 wird er unter Murtala Mohammed Vize-Regierungschef, nach dessen Ermordung 1976 Staatspräsident. Als solcher bereitet Obasanjo die Gründung der II. Republik vor und übergibt 1979 die Macht an den gewählten Präsidenten.

Comeback Von 1980 bis 1995 hat Obasanjo internationale Funktionen inne, etwa bei Transparency International. Von 1995 bis 1998 ist er Häftling unter Militärdiktator Abacha, ehe er 1999 wieder zum Staatschef gewählt wird. Nach einer zweiten Periode gibt er 2007 die Macht ab.

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