Politik 08.04.2012

Nazi-Beifall für Günter Grass

Die NPD feiert seine Israel-Kritik als "befreienden Tabubruch". Ralf Hochhuth nennt den Autor einen "SS-Mann".

Mit Applaus von dieser Seite hatte Günter Grass wohl nicht gerechnet: Auf der Webseite der rechtsextremen NPD wird der 84-jährige Literaturnobelpreisträger für sein scharf kritisiertes Anti-I­srael-Gedicht in den höchsten Tönen gelobt: " Günter Grass kommt im hohen Alter das Verdienst eines befreienden Tabubruchs zu", schreibt der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel. Grass habe eine "mächtige Schneise" für Kritik am "jüdischen Aggressionsstaat" geschlagen. Grass hatte Israel als Gefahr für den Weltfrieden bezeichnet, weil er Erstschlag gegen Iran diskutiert wird.

Gegen die NPD laufen in Deutschland gerade Vorarbeiten für ein neuerliches Verbotsverfahren. Der 37-jährige Gansel tat sich schon mehrfach als Verharmloser der Nazi-Gräuel hervor. So verweigerte er 2005 im Dresdner Landtag das Gedenken an Nazi- und Kriegsopfer.

Auch vom anderen Ende des politischen Farbenspektrums erhält Grass Zustimmung. Wolfgang Gehrcke, der 1968 an der Neugründung der Deutschen Kommunistischen Partei beteiligt war und heute für die Linke im Bundestag sitzt, gab Grass recht. Auch aus dem Iran kam Dank, Grass habe mit dem Gedicht "die Wahrheit gesagt".

"Anmaßende Albernheit"

Von allen anderen Seiten hingegen hagelt es Kritik: "Du bist geblieben, was Du freiwillig geworden bist: der SS-Mann, der das 60 Jahre verschwiegen hat, aber den Bundeskanzler Kohl anpöbelte, weil der Hand in Hand mit einem amerikanischen Präsidenten einen Soldatenfriedhof besuchte, auf dem auch 40 SS-Gefallene liegen – nie gab es einen meisterhafteren Tartuffe (berühmter Betrüger in einer Komödie von Molière, Anm.) als Dich!" Das schrieb der Dramatiker Rolf Hochhuth in einem offenen Brief. Der 81-Jährige hat sich in seinen Stücken oft mit der NS-Zeit auseinandergesetzt. Jetzt wirft er Grass "anmaßende Albernheit" vor, weil der den Israelis den Kauf eines deutschen U-Boots verbieten wolle, "das möglicherweise allein ihrem kleinen Staat die letzte Sicherheit geben kann, von einer engst benachbarten Atommacht buchstäblich über Nacht nicht ausgerottet zu werden."

Über  das "ekelhaftes Gedicht", das politisch und literarisch wertlos sei, ärgerte sich der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki Grass in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Grass stelle "die Welt auf den Kopf". "Der Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil. Das ist eine Gemeinheit, so etwas zu publizieren", so Reich-Ranicki. Das Gedicht sei ein geplanter Schlag nicht nur gegen Israel, sondern gegen alle Juden.

Auch der US-Autor Daniel Jonah Goldhagen ("Hitlers willige Vollstrecker") meldete sich zu Wort. Die "aberwitzige Behauptung" von Grass, Israel drohe mit der präventiven Vernichtung des iranischen Volkes sei "entweder eine antisemitische Fantasie oder eine groteske zynische Erfindung, die bei vielen Deutschen ins Spiel kommt, wenn es um die Projektion des Nazismus auf die Juden und Israel geht".

"Kampagne"

In Göttingen wurde ein von Grass gestiftetes Denkmal beschmiert: "SS! Günni Halts Maul", hinterließen die Täter.

Grass selbst weist alle Vorwürfe zurück und sieht sich als Opfer einer Kampagne. Inhaltlich will er nichts zurücknehmen, eine Formulierung würde er angesichts des Protests aber präzisieren: "Ich würde den pauschalen Begriff ,Israel" vermeiden." Seine Kritik richte sich gegen die Regierung unter Benjamin Netanyahu. "Die kritisiere ich: eine Politik, die gegen jede UN-Resolution den Siedlungsbau fortsetzt. Ich kritisiere eine Politik, die Israel mehr und mehr Feinde schafft."

 

( Kurier ) Erstellt am 08.04.2012