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Politik
09/18/2012

Kunterbunter Nachmittag

Es gibt sie, die Orte, an denen Schüler am Nachmittag nicht nur beaufsichtigt werden. Ein Lokal­augenschein.

von Martin Burger

Sascha Hauser zählt "bis 0,5", dann springt Dominik vom Matratzenstapel weg und schlägt dabei einen perfekten Vorwärtssalto. "Bei 1", also ein bisserl später, heben die übrigen Burschen der Neigungsgruppe "Parkour" (Hindernisse überwinden) ab. Sascha ist Parkour-Profi und Nachmittagstrainer in der Ganztagsschule Anton-Sattler-Gasse – und voll des Lobes für seine Springinkerln: "Manche haben das Bewegungsgen, die begreifen die Moves irrsinnig schnell. Wenn man ihnen sagt, spann’ die Beine, spann’ die Arme, dann können die das umsetzen."

Für die fast 400 Schüler am Standort Wien – 22 gibt es ein umfangreiches Freizeitprogramm. Ein Auszug: Fischen, Theater, Shinergy, Schlagzeug, Hip-Hop, Zumba und Tennis. Fast für jeden ist etwas dabei, ob mit oder ohne Bewegungsdrang. Schaut so die ideale Ganztagsschule aus oder wird hier Unterhaltung auf hohem Niveau geboten?

Ein Blick hinter die Kulissen beginnt mit einem Besuch bei Direktorin Katharina Reindl und ihrer Fachlehrerin Sabine Bogner. "Was wir machen, ist legal", stellt Reindl anfangs klar. Wir hatten nichts Gegenteiliges angenommen, bitten die Direktorin daher um Erklärung: Gruppengrößen von nur zwölf Schülern "dürften wir gar nicht haben", sagt Reindl. Durch einen speziellen Berechnungsschlüssel komme man aber "übers Jahr gesehen" auf die vorgeschriebene Zahl von 19 Schülern. Und bewege sich im gesetzlichen Rahmen.

Das umfangreiche Angebot an Freizeitaktivitäten erfordert Eigeninitiative der Lehrer. Es werden nämlich nicht nur Trainer engagiert, die ihre Workshops oft günstiger anbieten als normal, jeder Kurs muss von zwei Pädagogen betreut werden.

Mehrkosten

50 Euro extra im Jahr ist den Eltern diese Abwechslung vom grauen Lernalltag wert. Für therapeutische Reit-Kurse mit Islandpferden sind noch einmal zehn Euro extra zu zahlen. Bogner: "Wir machen aus den wenigen Ressourcen das Möglichste, das ist die Wahrheit."

In der Anton-Sattler-Gasse wird nicht nur das gelöst, was Bildungsforscher Stefan Hopmann  das "Kustodialproblem" nennt, also die Betreuung der Kinder berufstätiger Eltern, sondern es werden Kinder gefördert, die "sonst vor dem Computer oder im Gemeindebau herumhängen", sagt Bogner.

Reindl: "Zu uns kommen Schüler aus ganz Wien." Es sind Jugendliche wie der eloquente Thomas, 12, für den das Training an den Parcour-Hürden ein Traum ist: "Ich trau’ mich schon einen Rückwärtssalto machen".

Reifeprüfung

Oder wie der selbstbewusste Roland, 13: "Wenn wir auf der Donauinsel üben, was uns der Sascha gezeigt hat, dann schauen die Leute bewundernd her und fragen, wie wir das machen." Der begabte Dominik sagt nur: "Es macht einfach Spaß." Der 14-Jährige lässt lieber seine Sprungtechnik für sich sprechen. Parkour-Traceur Sascha Hauser (Szenename "Cionn") ist stolz auf seine Helden: "Die Hindernisse im Parcour sind wie Hindernisse im Leben, die Burschen reifen hier zu Männern heran."

Trotzdem sind die Pädagoginnen nicht rundum zufrieden. Zu einer Ganztagsschule würden nicht nur Klassenzimmer und Turnsäle gehören, sondern auch Ruheräume, "so richtig g’miatliche Knotzzimmer" (Bogner), wo Schüler zwischendurch die Beine auf der Couch hochlagern könnten. Solche "Chillräume" würden genauso fehlen wie Beamer. Reindl: "Zwei bräuchten wir für die Medienerziehung." Auch das Schulbudget könnte üppiger sein, so wie damals, als man noch ein Pilotversuch war. Chancen auf Besserung? Abwarten. Sabine Bogner nüchtern: "Manchmal steht man im Regen."

 

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