Politik 20.01.2012

Kroatien: Nr. 28 vor der Tür der EU

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Kommenden Sonntag dürfte die Mehrheit der Kroaten für den für Mitte 2013 geplanten Beitritt zur Europäischen Union stimmen.

Wir wissen, dass wir nur in der EU eine Chance haben.“ Darko Grivicic hat sich schon seit Langem darauf eingestellt, ab Mitte kommenden Jahres Bürger des jüngsten EU-Landes zu sein. Doch Begeisterung ist aus den Worten des Präsidenten der kroatischen Landwirtschaftskammer kaum herauszuhören. Auch als künftiges Mitglied der EU stehen Kroatien in den kommenden Monaten angesichts seiner schweren Wirtschaftskrise harte Zeiten bevor, weiß Grivicic. Doch vor den Toren der EU zu bleiben, das ist für den Bauernfunktionär so wie für die Mehrheit der Kroaten keine Option.

Übermorgen, Sonntag, werden die Kroaten erneut zur Wahlurne gebeten. Nach der Parlamentswahl im Dezember, aus der eine links-liberale Koalition unter Führung des Sozialdemokraten Zoran Milanović als Sieger hervorging, sollen sie in einem Referendum darüber abstimmen, ob ihr Land der Europäischen Union beitreten soll oder nicht.

Aktuellen Umfragen zufolge sind wenige Tage vor der Abstimmung zwischen 55 und knapp 60 Prozent der Kroaten für die EU-Mitgliedschaft. Alle Parlamentsparteien, außer der Rechtspartei mit einem von 151 Mandataren im Sabor, befürworten den Beitritt.

Keine Euphorie

Doch von EU-Euphorie ist unter den rund vier Millionen Kroaten wenig zu spüren. Dass auch als 28. und jüngstes EU-Mitgliedsland in Kroatien nicht plötzlich Milch und Honig fließen werden, weiß man im Adriastaat – noch lange bevor die EU von Wirtschafts- und Eurokrise geschüttelt wurde. Zu tief ist die Flaute im eigenen Land: Im Vorjahr schrumpfte die Wirtschaft trotz florierender Tourismuseinnahmen um 0,2 Prozent. Und auch heuer wird das BIP nur um kaum spürbare 0,4 Prozent wachsen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 18 Prozent und steigt weiter. 1,2 Millionen Pensionisten stehen nur 1,4 Millionen Erwerbstätigen gegenüber – was wiederum den schwer verschuldeten Staat vor massive Finanzierungsprobleme stellt.

„Die kroatische Wirtschaftsstruktur ist schwach, die Bevölkerung überaltet“, schildert Wirtschaftskammerpräsident Nadan Vidosevic. „Einzelne Sektoren werden Tiefschläge hinnehmen müssen“, fürchtet er und weiß doch, dass eine Steigerung der kroatischen Wettbewerbsfähigkeit nur über den großen, gemeinsamen EU-Markt führt. „Der EU-Beitritt wird die Probleme Kroatiens nicht lösen, aber er ist eine Möglichkeit, größere Schritte zu machen“, glaubt auch der Zagreber Politologe Luka Brkic.

Die Gegner eines EU-Beitrittes hingegen fürchten, dass sich ihre ohnehin schon schwierige wirtschaftliche Lage noch weiter verschlimmern wird: „Wir werden europäische Preise haben und kroatische Gehälter kriegen.“ Derzeit liegt der kroatische Durchschnittslohn bei umgerechnet rund 730 Euro.

Tief sitzen aber auch die Ängste, reiche Deutsche würden die kroatische Küste aufkaufen und Brüssel die lieb gewonnenen traditionellen Speisen und Getränke verbieten. „Warum sollen wir überhaupt in die EU?“, maulte am Wochenende ein junger Mann bei einer Veranstaltung von EU-Gegnern in Zagreb. „Wir sind doch sowieso in Europa.“

Erstellt am 20.01.2012