Politik
19.10.2012

Kinder mit KZ-Filmen eingeschüchtert

Im Wiener Kinderheim im Schloss Wilhelminenberg wurden Kinder psychisch und physisch gebrochen.

Der Horror geht weiter. Im ersten Teil des KURIER-Interviews sprachen Eva L., 49, und Julia K., 47, über das sexuelle Martyrium, das sie in den 1970er-Jahren im Kinderheim am Wilhelminenberg erleben mussten: Serienvergewaltigungen durch Fremde und Erzieher. Heute erzählen die beiden Frauen, die mit 6 und 8 Jahren in das Heim kamen, über die sadistischen Erziehungsmethoden der sogenannten "Schwestern" am Wilhelminenberg.

KURIER: Wann sind Sie in das Kinderheim der Stadt Wien im Schloss Wilhelminenberg gekommen?

Eva L.: Im Jahr 1970. Meine Schwester war bis zur Schließung 1977 dort, ich ein wenig kürzer.

In den amtlichen Aufzeichnungen steht 1972.

Eva L.: Das stimmt nicht. Ich bin mit acht Jahren in das Heim gekommen. Wir durften uns nicht von den klei­neren Geschwistern verabschieden. Diese Schreie meiner Geschwister werde ich nie vergessen. (weint) Dann hat die Hölle begonnen. Die richtige Hölle.

Erinnern Sie sich an die ersten Eindrücke?

Eva L.: Wie ich dort hingekommen bin, wurden wir in Empfang genommen im Beisein sehr, sehr vieler anderer Kinder. Es wurde gesagt, dass wir Zigeuner sind. Dreckige, diebische, verlogene Zigeuner, die nicht das Recht haben, zu leben (weint) .

Julia K.:

Die Heimleiterin, die hat so einen Pudel gehabt, hat uns zu dieser Tante gebracht, zur Schwester B.. Alle Gruppen haben Namen gehabt. Wir waren bei den Hasen. Wir waren einige Zeit dort, und dann haben wir ins Bett genässt. Wenn wir ins Bett gemacht haben, hat sie uns an den Haaren gezogen und mit dem Kopf ins Lulu hineingehalten.

Wen meinen Sie mit "sie"?

Julia K.: Die Schwester Linda. Dann hat sie uns so geschlagen, dass ich nur mehr geschrien habe. Die anderen Kinder haben das natürlich auch alles mitbekommen. Aber die wurden ja auch dermaßen geschlagen, dass wir alle Angst hatten.

Eva L.: Nach kurzer Zeit haben meine Schwester und ich Mumps bekommen. Wir sind in die Krankenabteilung gekommen. Da waren Gitter­stäbe vor den Fenstern. Es war dort sehr grausam und brutal. Wir waren in einem ganz kleinen Zimmer, da war so ein kleiner Vorraum und. . . (weint) da hat man uns eingesperrt. Da war keine Dusche, nur ein Waschbecken und ein WC. In der Tür war so ein Türschlitz, eine Klappe, da haben sie uns das Essen durch­geschoben.

Klingt wie im Gefängnis.

Julia K.: Wir haben geweint, es war niemand da, der uns irgendwie was Liebes sagen konnte. Wir haben ein Kreuz gehabt in diesem Zimmer, wir haben uns hingekniet und gebetet. Wir haben selbst versucht, uns ein bisschen Trost zu geben und von der Mama zu sprechen. Das hat uns dann wieder etwas Mut gegeben.

Wir waren immer al­leine in dem Krankenzimmer. Am Abend ist eine Schwester gekommen mit einem Holzstäbchen und hat uns eine braune, komisch riechende Creme raufgeschmiert. Dann sind wir wieder zurück ins Heim gekommen. Da gab es grundlose Schläge und Beschimpfungen.

Wer hat Sie geschlagen?

Eva L.: Die Erzieherinnen. Die Männer haben uns nie geschlagen, aber uns dann was anderes angetan (gemeint sind sexuelle Übergriffe, siehe KURIER vom Sonntag) . Es waren sehr viele Erzieherinnen, die Waltraud, die B.. Aber am schlimmsten von allen war die Schwester Rosalinde. So hat sie sich genannt. Linda haben wir zu ihr gesagt.

Was hat diese Schwester Linda gemacht?

Eva L.: Die Kinder, die zu mir und meiner Schwester lieb waren, sind sofort bestraft worden. Linda hat immer gesagt, wir haben nicht das Recht, zu leben. Sie hat uns immer Zigeuner gerufen. Wenn wir nicht fertiggegessen haben, hat sie uns gezwungen, dass wir aufessen. Wenn wir erbrochen haben, hat sie uns gezwungen, dass wir das Erbrochene aufessen. Das haben sehr viele Kinder getan, aber ich nicht.

Julia K.: Es war auch so, dass meine Schwester mit nas-sen Handtüchern geschlagen wurde. . . (weint) Die hat sie total zusammengeschlagen.

"Die Erzieherinnen quälten zum Spaß"

Wer hat das getan?

Julia K.: Die Linda.

Eva L.: Linda hat mich an den Haaren in den Waschraum gezerrt, hat mich aufs Brutalste in die Ecke geschlagen oder mit dem Kopf ins volle Waschbecken getaucht. Sie hat ein Handtuch genommen, einen Knoten reingemacht, hat ihn nass gemacht und auf mich eingeschlagen.

Ist das öfter vorgekommen?

Eva L.: Das war so oft, dass ich es nicht zählen kann. Die war wie von Sinnen.

Gab es Zeugen?

Eva L.: Da war ich alleine. Aber das hat sie auch mit anderen Kindern gemacht, nicht nur mit mir. Danach musste ich stundenlang knien mit dem ganzen nassen Gewand.

Julia K.: Auch beim Essen haben sie uns gequält. Wenn es was gegeben hat. Manchmal haben wir nur Suppe bekommen und nichts anderes. Oder wir haben Durst gehabt und wollten Wasser trinken. Die hat uns nicht einmal Wasser trinken lassen. Den Waschraum hat sie abgesperrt. Da war ein Abteil, da waren nur WCs. Da sind wir reingegangen und haben das Wasser aus der Toilette getrunken, weil wir schon so einen Durst gehabt haben.

Können Sie sich noch an andere Vorfälle erinnern?

Eva L.: Wenn sie (Schwester Linda, Anm.) zornig war, hat sie uns in der Nacht grundlos aus den Betten gezerrt und wir mussten knien. Wir haben uns nie auf den Unterricht konzentrieren können, weil wir nicht sehr viele Nächte gehabt haben, wo wir schlafen haben dürfen.

Wo wurden Sie unter­richtet?

Eva L.: Wir sind im Heim in die Schule gegangen. Ich war vorher in der Volksschule. Dort haben sie uns gleich in die Sonderschule gesteckt.

Julia K.: Ich war in der Sonderschule. . . Erste Klasse, zweite Klasse, dritte Klasse und hab’ lauter Einser gehabt. Hab’ mir gedacht – komisch?!

Im Vorgespräch haben Sie erzählt, dass Sie einen Film vorgespielt bekommen haben.

Julia K.: Ja, das war von dem Konzentrationslager. Da wurde gezeigt, wie es den Menschen gegangen ist, die der Hitler vergast hat.

Eva L.: Ja genau, das war im Keller. Da war so ein Filmvorführraum. Da hat Linda uns Dias und Filme gezeigt. Sie hat gesagt, das, was wir sehen, ist ein Konzentrationslager. Da waren viele dunkle Menschen wie meine Schwester und ich (weint) . . . Sie hat gesagt, dass die auch umgebracht worden sind und ob wir jetzt endlich verstehen, dass wir dort auch hingehören und dass wir nicht das Recht haben, zu leben.

Zurück zu den Ver­letzungen. Hat die niemand bemerkt?

Julia K.: Wir wurden ja oft geprügelt. Die Erzieherinnen haben dann gemeint, wir sind krank und dürfen nicht raus und auch keinen Besuch empfangen. Und dann haben sie gesagt: "Seht’s ihr, so werden wir das immer machen." Wir haben alles gemacht, was die zu uns gesagt haben. Alles.

Eva L.: Linda hat mich einmal so geschlagen, dass ich auf einen rostigen Nagel gefallen bin. Ich habe eine Blutvergiftung bekommen. Das war ihr alles egal, die hat das richtig genossen. Und einen richtigen Spaß daran gehabt, wenn sie uns quälen konnte.

Julia K.: Die hat ja mit den Gabeln geschossen nach uns. Die hat mit den Schlapfen geschossen, hat mit den Sesseln geschossen, hat uns das Stockerl nachgeschossen. Meiner Schwester hat sie ein Messer reingehaut. Wir haben alle geschrien. Wir haben geglaubt, die bringt uns um.

Kamen die Kinder ins Spital, wenn sie verletzt waren ?

Julia K.: Es wurden viele Kinder. . . Ich wurde ja auch verletzt. Ich wurde von einer Schwester die Stiegen runtergeschmissen. Ich hatte einen angeschwollenen Knöchel, konnte nicht mehr gehen, wo eine andere Schwester mit mir ins Spital mitgefahren ist mit der Rettung.

Die Ärzte haben nicht nachgefragt?

Julia K.: Die haben sich gesagt: "Das sind die Heimkinder." Die Erzieherinnen haben die Kinder aufgehusst. Sie haben gesagt "Schlagt’s die oder die."

Eva L.: Wir mussten gemeinsam zur Dusche. Da waren mehrere Duschkabinen. Nach dem Einseifen haben sie den Haupthahn abgedreht. Sie haben uns zittern lassen und das wirklich genossen. Dann sind sie schauen gekommen, ob wir überall eingeseift sind. Sie haben uns auch berührt, was wir nicht wollten. Die sind gestanden und haben gelacht und haben einfach nicht mehr das Wasser aufgedreht, damit wir uns nicht abduschen können.

Julia K.: Das war Katastrophe pur. Wir haben gebibbert.

Eva L.: Wenn es sehr heiß war, hat sich die Rosalinde in einen Liegestuhl gelegt, und wir haben uns in die Brennnesseln stellen und Kniebeugen machen müssen. Die hat es richtig genossen, dass wir Schmerzen ertragen mussten.

Rachegedanken?

Eva L.: Da ist in mir schon sehr viel Hass aufgestiegen. Ich habe mir oft vorgestellt, wie das ist, wenn ich auf sie einschlagen könnte – so aggressive Gedanken halt. Alle wollten wir gemeinsam einen Plan machen, dass wir von dieser Person loskommen.

Und heute?

Eva L.: Rache will ich wirklich nicht. Früher hatte ich sicher ein Hassgefühl. Jetzt, wo ich älter bin, habe ich irrsinnig großes Mitleid mit diesen Menschen, weil das sind kranke Menschen. Normale Menschen machen das mit Kindern nicht. Kinder sind das Wertvollste auf der Welt. Kindern nimmt man nicht jede Zukunftschance. Heute würde ich gerne wissen, wie ich wäre, wenn die mir das alles nicht angetan hätten. Ich vermisse mich. Ich bin auf der Suche nach mir.