Kein Kaufhaus, kein Postbus, eine Schule

307 Menschen wohnen in der Gemeinde Bretstein, die gegen eine weitere Abwanderung kämpft.

Die Gemeinde ist 9100 Hektar groß und lang gezogen, trotzdem geht in Bretstein alles den Bach hinunter. Kaufhaus gibt es längst keines mehr im engen Seitental. Aber wenigstens zwei Gasthäuser.

Wer unter den Erwachsenen kein Auto hat, müsste zehn Kilometer zu Fuß zum Arzt, zum Supermarkt und zum Friseur in die Nachbargemeinde Möderbrugg gehen. Doch Bürgermeister Hermann Beren (ÖVP) hat ein Taxishuttle installieren lassen. Dieses Service bringt auch die älteren Schüler raus aus dem Tal. Denn die Postlinie pfeift schon lange auf die obersteirische Gemeinde.

Groß war die Aufregung im Ort, als die SPÖ kürzlich die einklassige Volksschule mit derzeit neun Schülern schließen lassen wollte. Beren: "Wir haben 320 Unterstützungserklärungen gesammelt. Einige Geschäftstreibende und Jagdbesitzer haben sich sogar bereit erklärt, monatlich mehrere Hundert Euro beizusteuern, damit wir unsere Schule erhalten können." Pünktlich zum steirischen Ferienbeginn avisiert die ÖVP: Alles abgeblasen, Schule bleibt vorerst, SPÖ versöhnlich.

Billige Baugründe

"Ein Ort ohne Schule verliert an Identität", sagt Lehrerin Elfriede Gruber. Denn vieles spiele sich auch für die Erwachsenen rund um die Schule ab. In zwei Jahren habe sie ohnehin wieder 13 Kinder, hat sie am Computer errechnet.

Ja, ein reges und freudvolles Vereinsleben haben sie, die Bretsteiner, vom Musik- bis zum Eisschützen-Verein. Und die intakte Natur bringt auch Lebensqualität. Vehement wird daher gegen weitere Abwanderung gekämpft. "Wir haben Baugründe aufgeschlossen und um acht Euro pro Quadratmeter an Jungfamilien verkauft", hat der Bürgermeister die Bevölkerungszahl zum Diskontpreis erhöht. In der Gemeindekasse schaut's nicht so rosig aus: Der Jahresabgang 2010 betrug 64.000 Euro, wegen der Solidarabgabe an den Sozialhilfeverband, obwohl in Bretstein alte Leute noch daheim gepflegt werden.

Fast nur Pendler

Erwerbstätige trifft ein hartes Los. "Unsere Leute müssen täglich bis zu 50 Kilometer auspendeln. Manche bleiben die Woche über sogar in Wien", sagt Beren. Viele Bauern hätten aufgehört, beschreibt er die Kleinstruktur in der Milchwirtschaft.
307 Menschen wohnen in Bretstein. "In der Vorwoche kam ein Mädchen zur Welt", zählt es der Ortschef schon mit. Stolz wurde ein Storch aus Holz an der Gemeindestraße aufgestellt.
Die Bretsteiner lassen sich - noch - nicht entmutigen: "Wir bauen ein Kleinkraftwerk am Bretsteinbach und sind dann energieautark", erklärt Beren. Mit Holz für Biomasse lasse sich auch noch vieles gestalten.

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(kurier / Ulrike Jantscher) Erstellt am
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