Islamischer Arzt: "Ruf ist ramponiert"

Mediziner Hamidi fühlt sich von seinen Kritikern missverstanden
Foto: hamidi-000/Nihad Amara

Ahmet Hamidi wurde vorgeworfen, erklärt zu haben, dass Sport ungesund sei. "Verzerrte Medienberichterstattung", sagt er.

Bewegen, bewegen, bewegen." Diese drei Worte gibt Ahmet Hamidi all seinen Patienten auf den Weg mit. Es verwundert somit, dass ausgerechnet er, der einzige niedergelassene Internist Wiens mit türkischen Wurzeln, im Juni in die Schlagzeilen geriet. Der Diabetes-Spezialist, der zwei Jahrzehnte lang Vizepräsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich war, stand bei einem interreligiösen Dialog am Podium und tags darauf im Kreuzfeuer der Kritik. Zu viel Sport, antwortete er auf eine Publikumsfrage, sei ungesund. Warum der Ratschlag keineswegs Frauen, sondern Spitzensportlern galt, und weshalb seine Tochter in die Luft ging, erklärt er im Gespräch.

KURIER: Würden Sie Ihrer Tochter zu Sport raten?
Ahmet Hamidi:
Meine Tochter hat die Maria Regina Schule (eine katholische Privatschule in Wien) besucht und dort sogar einen Sportpreis gewonnen. Sie schwimmt wie ein Fisch.

Wieso soll dann Sport für Frauen oder Mädchen ungesund sein?
Sie sprechen von der Aussage, die ich anlässlich eines interreligiösen Dialogs in Wiener Neustadt in Anwesenheit verschiedener Kirchenvertreter und politischer Funktionäre angeblich getätigt haben soll. Bei dieser Veranstaltung habe ich aber als Arzt lediglich ausgeführt, dass extremer Spitzensport ohne regelmäßige medizinische Kontrolle ungesund sein kann und auch Hormonstörungen hervorrufen kann.

Frauen, sagten Sie, haben aber einen größeren Nachteil. Stimmt das?
Ich habe nie gesagt, dass Frauen keinen Sport machen sollen, weil dann angeblich die Brüste kleiner werden würden oder das Haarwachstum zunehme. Eine solche Ansicht halt ich auch für absurd. Sie müssen sich vorstellen, dass meine Tochter, die selbst Sportlerin ist, diesen Artikel gelesen hat, als Sie gerade in Istanbul war und mich völlig empört anrief. Sie fragte nur "Wie können die so etwas schreiben, wo du doch selbst eine sportliche Tochter hast?". Spitzensport kann ungesund sein. Das gilt für Männer und für Frauen gleichermaßen. Deswegen sind die bereits erwähnten medizinischen Kontrollen unerlässlich.

Sie sind dennoch als Vizepräsident der Glaubensgemeinschaft zurückgetreten. Weshalb?
Die Wahlen haben kurz vor meinem Rücktritt stattgefunden. Es war schon lange klar, dass ich nicht mehr kandidieren werde. Ich wäre nominiert worden und habe damit klargemacht, dass ich nicht mehr kandidieren möchte. Mit den Berichten hat daher mein Rücktritt nichts zu tun. Er war schon längst von mir geplant.

Glauben Sie, dass die Kritik an Ihrem Auftritt so scharf war, weil Sie Moslem sind?

Das will ich nicht beurteilen. Aber die Sache hatte natürlich gravierende Konsequenzen für mich.

Und die wären?
Mein guter Ruf, den ich mir in 30 Jahren ärztlicher Tätigkeit aufgebaut habe, wurde durch die verzerrte Medienberichterstattung gefährdet.

Sie wurden als Radikaler bezeichnet. Wie radikal sind Sie, wenn es um das Verhältnis von Mann und Frau geht?
Der Islam betont, dass Frau und Mann gleichwertig sind und gleichgestellt sind. Das ist auch meine Meinung. Wobei ich darüber hinausgehend sage, dass Frauen sogar mehr wert sind, weil sie zum Beispiel in der Kindererziehung häufig mehr leisten.

Sie sind Fachinspektor für islamischen Unterricht. Warum meiden viele muslimische Mädchen den Schwimmunterricht?
Wie bereits erwähnt, ist meine Tochter selbst Schwimmerin. Ich mache die Leute immer darauf aufmerksam, dass das Schulsystem in Österreich Schwimmen im Sportunterricht vorschreibt. Abgesehen davon, gibt es aber leider viele Eltern, die nicht richtig aufgeklärt sind. Die glauben, dass sogar ihre siebenjährige Tochter nicht schwimmen darf. Das hat meines Erachtens mit dem Islam nichts zu tun. Selbstverständlich muss man aber akzeptieren, wenn sich jemand beim Schwimmen unwohl fühlt. Man muss eben die Gründe hinterfragen und allenfalls beratend zur Seite stehen. Wenn keine andere Möglichkeit besteht, könnte man verstärkt Lösungen wie die, die derzeit bereits im Wiener Jörgerbad durchgeführt wird, anbieten. Dort erhalten Mädchen getrennten Schwimmunterricht. Außerdem gibt es auch spezielle Schwimmkleidung.

Weil Sie die Schwimmkleidung erwähnen: Was denken Sie sich, wenn Sie siebenjährige Mädchen mit einem Kopftuch in Schulklassen sehen?
Das ist Sitte und Tradition und hat mit Religion wenig zu tun. Ich unterstütze das nicht und lehne das auch ab. Wofür? Bei Erwachsenen sehe ich das anders, weil sie aufgeklärt und überzeugt sind und wissen, warum sie ein Kopftuch tragen. Das ist dann Ihre eigene Entscheidung, die ich respektiere.

Studien sagen, dass Migrantinnen im Gesundheitssystem benachteiligt sind. Ist das auch Ihre Erfahrung?
Das österreichische Gesundheitssystem ist eines der besten der Welt. Die erste Generation der Gastarbeiter profitiert nicht sehr vom System, weil sie Sprach- oder Informationsdefizite hat. Jene, die hier geboren sind, die haben diesbezüglich kaum Probleme.

Wie kann man das lösen?
Indem es Ärzte gibt, die geschult sind und die jeweilige Muttersprache sprechen.

Erzeugt das nicht eine Parallelgesellschaft?
Ich würde das nicht im Allgemeinen empfehlen, sondern es geht um die Gastarbeiter-Generation - das sind nicht viele. Am wichtigsten ist und bleibt aber Aufklärung.

Zur Person: Arzt und Theologe

Vita Dr.med.univ. Ahmet Hamidi, geb. 1954 in der Türkei. Studium der Theologie, Pädagogik und Medizin, Facharztausbildung zum Internisten an der II. Med.Univ.-Klinik bei Prof.Geyer, 1987 FA für Innere Medizin, 1990-1997 Leiter der Diabetes-Ambulanz der WGKK, seit 1997 Internist und Diabetikerspezialist im 10. Bezirk, Fachinspektor beim Stadtschulrat für Wien. Mitgliedschaften: Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin, Ethik-Kommissionen, Weltethos.

(KURIER) Erstellt am
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