Zum 90. Geburtstag: Geschichten vom Dr. Portisch

Hugo Portisch
Foto: Kurier/Juerg Christandl Hugo Portisch.

Heute feiert er seinen 90. Geburtstag. Ernstes und Heiteres aus dem Leben der Journalisten-Legende.

Wenn in diesen Tagen viel von Hugo Portisch die Rede ist, geht es meist um den Journalisten. Er ist aber auch ein Mann mit Charakter, geprägt von Bescheidenheit und viel Humor, wie Freunde und Kollegen hier erzählen.

ZiB-2-Anchorman Armin Wolf outet sich als "Riesen-Fan von Hugo Portisch" und hat bei der ersten Begegnung instinktiv "Herr Professor" zu ihm gesagt, worauf Portisch freundlich erwiderte: "Kein Professor, das wollte ich nie."Das spielt für Armin Wolf keine Rolle, "weil jeder davon ausgeht, dass er Professor ist. Denn wer, wenn nicht er?"Alt-Bundespräsident Heinz Fischer erhielt durch Portisch Unterricht in Höherer Schwammerl-Kunde. "Hugo besuchte uns auf der Hohen Wand", erzählt Fischer. "Ich dachte immer, dass es dort keine genießbaren Pilze gibt. Bis er und seine Frau Traude zum Schwammerlsuchen kamen. Überall dort, wo ich nichts als Laub gesehen habe, haben sie Schwammerln gefunden. Seit diesen Lehrstunden ist die Hohe Wand für uns ein ergiebiges Schwammerl-Revier."

Portisch durchschaut alles, weiß Heinz Nußbaumer, den Portisch 1967, kurz vor Ausbruch des Sechstagekrieges, als jungen außenpolitischen Redakteur des KURIER nach Israel schickte. "Als ich in der Negev-Wüste einige Mirage-Kampfflugzeuge fotografierte, wurde ich wegen Spionageverdachts festgenommen. Sobald die Militärs den Film aus meiner Kamera geholt und erkannt hatten, dass die Aufnahmen harmlos waren, ließen sie mich wieder frei."Nußbaumer schrieb die Story seiner Verhaftung nieder, musste sie aber, ehe er sie per Fax an den KURIER schicken wollte, der Militärzensur in Tel Aviv vorlegen. Der Zensor meinte: "Das geht viel freundlicher. Verhaftung und Verhör – das klingt nicht wirklich positiv."

Noch im Bann seiner Festnahme schrieb Nußbaumer auf Anordnung des Zensors die Geschichte drei Mal um, wobei sie immer milder wurde, bis sie einem Werbetext glich, in dem stand, dass "die hilfsbereite israelische Armee uns Journalisten sogar die Filme entwickelte".Chefredakteur Hugo Portisch las das Manuskript und erkannte sofort: "Der Nußbaumer ist verhaftet worden – und darf’s nicht schreiben!"

So stand es am nächsten Tag dann auch im KURIER.Die berührende Geschichte vom Tod Heribert Meisels beweist Portischs menschliche Größe: Der Sportreporter lag 1966, nur 46 Jahre alt, sterbenskrank im Kaiser-Franz-Josef-Spital, schrieb von dort aber jeden Tag seine KURIER-Kolumne. Auch dann noch, als er mit schwersten Morphinen behandelt wurde, seine Texte immer kryptischer wurden und nicht mehr in Druck gehen konnten. Hugo Portisch wollte verhindern, dass sein verdienter Mitarbeiter eines Tages die Zeitung aufschlägt, in der seine Kolumne fehlte. Und so ließ er täglich einige KURIER-Ausgaben drucken, die nur ins Kaiser-Franz-Josef-Spital ausgeliefert wurden. Der Sportreporter konnte so bis zum letzten Tag seines Lebens seine Kommentare lesen.

Hugo Portisch Foto: Kurier/Juerg Christandl

Portisch war der erste Journalist, der im Vietnamkrieg ein Interview mit dem nordvietnamesischen Außenminister Nguyen Duy Trinh erhielt. Wie es dazu kam, beschreibt er in seinen Erinnerungen "Aufregend war es immer": Der Minister hielt sich 1968 in Paris auf, wo er mit Henry Kissinger verhandelte. Portisch: "Ich bat bei den Nordvietnamesen um das Interview und erhielt über die österreichische Botschaft in Paris die Nachricht, dass es wahrscheinlich zustandekommen würde. Es sei aber nicht ganz sicher, es bedürfte noch der Zusage aus der nordvietnamesischen Hauptstadt Hanoi."Portisch informierte ORF-Chefredakteur Franz Kreuzer, dass das Interview vermutlich klappen würde: "Bitte sorge dafür", sagte Portisch zu ihm, "dass ein Kamerateam nach Paris kommt, aber schick es erst, wenn ich ganz sicher weiß, ob ich das Interview wirklich bekomme".

Ausgerechnet an diesem Tag war im ORF kein Kamerateam frei. Bis auf eines, das aber die Sendung des Fernsehkochs aufzeichnete. Kreuzer rief in der Koch-Sendung an: "Ihr müsst’s sofort abbrechen, wenn es heißt, dass das Team nach Paris fliegt." Nach einiger Zeit meldete sich der Kameramann bei Kreuzer und fragte: "Wir sind mit der Hauptspeis fertig, jetzt kommt die Mehlspeis dran. Können wir die Zwetschgenknödeln noch filmen oder nicht?"Daraufhin Kreuzer: "Was für a blöde Frag. Ob ihr die Zwetschgenknödeln noch filmen könnt’s oder nicht, wird in Hanoi entschieden."

Wie wichtig Portisch die Meinung anderer, auch jüngerer Kollegen ist, beweist diese Geschichte: KURIER-Herausgeber Helmut Brandstätter war im Jänner 1982 seit wenigen Tagen Jungredakteur im ORF, als Portisch in der Zeit im Bild die Welt erklärte. "Danach", so Brandstätter, "kam er in die Redaktion, wo ich allein saß, und fragte mich: ,Finden Sie, dass ich recht hatte?’" Der Jungredakteur war verunsichert: "Der große Portisch will von mir wissen, ob er recht hat?" Aber der bestand auf einer Diskussion. Brandstätter empfand sie als Ritterschlag.

Hugo Portisch Foto: Kurier/Juerg Christandl

Im Sommer 1992 wurde Brandstätter vom ORF-Informations-Intendanten Johannes Kunz nach Moskau geschickt. "Ich war Hauptabteilungsleiter Zeitgeschehen und sollte mit Portisch in einem Archiv angeblich exklusive Filme über das Lenin-Mausoleum prüfen. Hugo war ja immer auf der Suche nach gutem Material, und die Russen verkauften damals alles. Der Archiv-Chef empfing uns um 9 Uhr früh mit einem großen Glas Cognac für jeden. Ich sagte leise zu Hugo, dass ich um diese Zeit keinen Schnaps vertrage. Darauf er: ,Kein Problem, der ist froh wenn er nachher auch deinen trinken kann.’"

"Als sich die Ära Waldheim ihrem Ende zuneigte", erinnert sich Heinz Fischer, "gab es Bestrebungen, einen überparteilichen Präsidentschaftskandidaten aufzustellen. Ich war damals beim Ehepaar Portisch eingeladen und fragte Hugo, ob er sich eine Kandidatur vorstellen könnte. Seine Antwort lautete kurz und entschieden: Nein, das käme für ihn nicht infrage, er bräuchte seine Freiheit. Damit war die Sache erledigt und wir haben den Rest des Abends über andere Themen gesprochen.

"Ich selbst habe diese Portisch-Schnurre erlebt: Als er mir 2002 im Radiokulturhaus vor Publikum für Ö1 aus seinem Leben erzählte, ließen wir die Staatsvertrags-Bilder aus seiner Fernsehserie Österreich II zuspielen. Danach unterbrach eine Dame im Publikum – sie war die Frau eines ehemaligen ÖVP-Ministers – die Sendung und schrie "Zensur des ORF!", weil Außenminister Leopold Figl nicht lang genug gezeigt worden sei. Es war eine eigenartige Situation, dass sich eine Zuhörerin laut in eine Live-Aufzeichnung einschaltete.Portisch reagierte ebenso professionell wie charmant: "Liebe gnädige Frau, hier wird keine Zensur geübt. Das war der kurze Auszug aus einer 90-Minuten-Sendung, in der Leopold Figl ausführlich zu Wort kommt. Aber ich danke Ihnen sehr herzlich für Ihre Wortmeldung, es ist ganz wichtig, dass Sie einen so großen Mann wie Leopold Figl ausdrücklich erwähnen."

Applaus aus dem Publikum, und auch die Zuruferin war zufrieden. "Sollte ich jemals ein Lexikon des Lachens schreiben", sagt Heinz Nußbaumer, "würde ich darin unbedingt den Portisch-Lacher aufnehmen. Das ist etwas ganz Besonderes – und wenige Menschen lachen so viel und so gern wie er."Wie Portisch seinen heutigen Festtag verbringt? Als Freund Nußbaumer ihm vorgestern diese Frage stellte, lachte der Jubilar: "Vor lauter Glückwünschen hab ich den eigentlichen Geburtstag vergessen – und mir für Sonntag eine Schreibhilfe organisiert, der ich das Vorwort für die 2. Auflage meines Trump-Buchs diktiere ..." Ganz Hugo Portisch.

(kurier) Erstellt am
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