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Baustelle Uni
11/02/2012

WU-Rektor: "Studierende werden gequält"

WU-Rektor Christoph Badelt kritisiert die Regierung hart. Die Uni-Politik sei verlogen, Leidtragende seien die Hochschüler.

von Bernhard Gaul

Bernhard Gaul KURIER: Kommenden Freitag will die Regierung bei ihrer Klausur eine Lösung zu den Studiengebühren präsentieren. Was schlagen Sie vor?
Christoph Badelt: Um ehrlich zu sein, sind wir in den Rektoraten beim Thema Studiengebühren schon so genervt, dass wir nur irgendeine Lösung wollen, die rechtlich klar ist. Dieses ewige Hin und Her geht uns maßlos auf die Nerven und ist eine Zumutung. Die Lösung sollte die Universitäten halt nicht schlechter stellen als vorher. Aber das Thema Studiengebühren ist sicher nicht unsere zentrale Frage, sondern nur ein künstlich hochgespieltes Problem.

Welche Lösung wollen Sie?
Persönlich fände ich es gut, wenn die Universitäten Studiengebühren in einer gewisser Bandbreite einheben könnten. Ich halte Studiengebühren für wesentlich gerechter; das Gratisstudium ist eine Umverteilung von den Ärmeren zu den Reicheren.

Finalisiert werden auch die Koalitionsverhandlungen zur Studienplatzfinanzierung. Was erwarten Sie sich für die Wirtschaftsuni?

Eine vernünftige Studienplatzfinanzierung kann ohne Zugangsregeln nicht funktionieren. Wie stark die Regeln wirken, hängt wesentlich davon ab, welche Kapazitäten an den Unis ausgebildet werden können.

Wie viele Studenten können Sie ausbilden?
Wir haben Kapazität für 1300 Studienanfänger beim Bachelor-Studium. Das steht so auch in Dokumenten, die von uns und dem Ministerium unterschrieben worden sind. 1300 Plätze in dem Sinn, dass Studierende vom ersten bis zum letzten Semester betreut werden können, in Klassengrößen, die genau in unseren Leistungsvereinbarungen festgelegt sind.

Es gibt derzeit keine Zugangsregeln an der WU. Wie viele Studenten nehmen Sie im Schnitt jedes Jahr auf?
Wir hatten in den letzten Jahren bei den Bachelors (Studienbeginner) Anfängerzahlen zwischen 4500 und 6500 Personen – also das Vier- bis Fünffache dessen, was wir ausbilden können.

Dennoch nehmen Sie alle, die sich anmelden, auf?
Natürlich können wir eine beliebige Zahl an Studenten ins Studium
hereinnehmen, wenn es nur darum geht, sie in einer Studieneingangsphase so auszuwählen, dass am Schluss 1300 Personen herauskommen. Aber ich halte es für enorm problematisch, nicht zuzugeben, dass wir nicht mehr durch die Eingangsphase lassen können.

Bei Wirtschaftsstudien sollen Zugangsregeln kommen. Wird das Problem also gelöst?
Nein. Man sagt mir, die Regierung wird Zugangsregeln beschließen, aber wir werden viel mehr aufnehmen müssen, als wir ausbilden können. Damit wird die tatsächliche Auswahl wieder erst in der Studieneingangsphase erfolgen. Und das halte ich ehrlich gesagt, je nach meiner Stimmungslage, für unsachlich bis zum Zynismus zum Quadrat. Denn wir werden zuerst eine Zulassungsprüfung machen – und danach wird erst recht wieder ausgesiebt. Das ist doch absurd, aber genau das zeichnet sich ab.

Wie viele werden Sie ausbilden müssen?
Mein Wissensstand ist: Es wird Zugangsregeln geben, die Zahl der Anfängerplätze wird sich an den Zahlen der vergangenen Jahre orientieren. Der Durchschnitt der vergangenen drei Jahre liegt bei 5500 Anfängerplätzen. Dafür habe ich aber garantiert keine Kapazitäten.

Sie bilden jetzt schon nur 1300 Studenten pro Jahrgang im Bachelorstudium aus?
Das Verlogene daran ist, dass jeder weiß, dass das so gemacht wird, auch bisher, ohne Zugangsregeln. Wir haben damit Drop-out-Raten, die wesentlich höher sind als vertretbar wären. Nur darf es offiziell nicht so gemacht werden. Offiziell dürfen Sie nicht sagen, Sie nehmen nur die besten 1300, sondern Sie müssen Prüfungen so streng machen, so schikanös, dass zum Schluss zufällig nur 1300 übrig bleiben. Das halte ich für einen Zynismus. Und es ist total ineffizient, weil die Studierenden gequält werden. Für manche Studenten dauert es einige Semester, bis sie merken, dass sie das nicht schaffen. Das ist für sie doch vergeudete Lebenszeit. Die Studenten werden zu Versagern gestempelt, nur weil die hohe Bundesregierung sagt, der Hochschulzugang ist frei.

Sie haben Zugangsregeln bei Masterstudien beantragt. Wie wurde das entschieden?
Der Antrag ist bis heute ignoriert worden. Ich habe überhaupt keine Reaktion bekommen. In Wien sagt man: Ned amal ignoriert.

Wer hätte handeln müssen?
Rechtlich braucht es eine Verordnung der Bundesregierung. Realpolitisch braucht es eine Einigung der Koalition. Nachdem die Koalition seit Monaten um Zugangsregeln ringt, hat man offensichtlich gemeint, warten wir mal diese Verhandlungen ab. Fakt ist, dass bisher nichts passiert ist.

Wie groß ist das Problem bei den Masterstudien?
Unterschiedlich, aber die deutschsprachigen Master­studien sind extrem überlaufen. Im Fach Management haben wir etwa nach Prüfung der Zulassungsbedingungen 449 Personen, die ein Recht hätten, zu studieren, aber nur 60 Plätze. Bei Finanzwirtschaft und Rechnungswesen sind es 294, da haben wir auch nur 60 Ausbildungsplätze.

 

Diesen Zynismus muss man sich vorstellen

Was passiert dann?
Manche geben angesichts der Zahlen frustriert auf, die anderen müssen in Assessmentphasen – und werden dann bis November so selektiert, dass nur 60 übrig bleiben. Diese jungen Menschen haben damit ein ganzes Jahr verloren, weil die Masterprogramme nur im Winter starten. Diesen Zynismus muss man sich vorstellen. Alles nur, weil es keine offizielle Möglichkeit gibt, sie bereits vorher auszuwählen.

Warum findet diese Selektion nicht schon im Juni statt, damit sich die Studenten noch für ein anderes Studium einschreiben können?
So eine Regelung gibt es nur bei den englischsprachigen Masterprogrammen, weil wir es damals ins Gesetz schreiben konnten. Bei den deutschsprachigen Programmen konnten wir das nicht erreichen. Das geht politisch nicht, hat man mir gesagt.

Weil die SPÖ das ablehnt?
So sagt das der Minister.

Wer sollte bestimmen, wie viele Anfängerplätze die Unis anbieten sollen?
Da bin ich schon bei der SPÖ: Das ist eine politische Entscheidung, das kann nicht die Universität selbst entscheiden. Aber wer A sagt, muss auch B sagen. Dann muss die Politik auch das Geld bereit stellen, um diese Leute auszubilden.

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