Politik | Inland
21.06.2017

Wo Strache schon "salonfähig" ist

FPÖ-Chef glaubt, dass "Kern abschmieren wird" und erwartet Zweikampf mit Kurz.

Er lässt sich Zeit. Schüttelt erst Hände, von Fremden wie Bekannten, ehe er für Fotos und die Verkabelung mit dem Mikrofon zur Verfügung steht. Dann steht Heinz-Christian Strache am Pult. Auf vermeintlich ungewohntem Terrain.

In der Bel Etage des Wiener Café Landtmann haben sich an diesem Abend mehr Interessierte – darunter viele Wirtschaftstreibende und Anwälte – eingefunden als Platz finden. Und mehr Frauen, wie die Organisatorin des "Salon Z", Gabi Spiegelfeld, einleitend feststellt: "So viele Damen waren überhaupt noch nicht da. Das spricht für Dich." Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass die Gastgeberin das Personenkomitee von Sebastian Kurz organisiert.

Doch über den ÖVP-Chef verliert Strache bei seinem Impulsreferat kein Wort. Lieber spricht er über sich – "Ich bin der längstdienende Parteiobmann. Zurücktreten nur erfolglose Parteichefs." – und die SPÖ. Deren Kriterienkatalog enthalte "No-Na-Punkte", der Parteitagsbeschluss, nicht mit der FPÖ zu arbeiten, sei aufrecht, der Kanzler nicht durch eine Wahl legitimiert.

Bekannte blaue Argumente. Neu sind Straches Befund "Kern schmiert ab", den er später wiederholen wird, und so mancher Forderungspunkt.

Progression & Pepsi

Der Zuhörerschaft entsprechend geht es vorrangig um Wirtschafts-, nicht Migrationspolitik. Das FPÖ-Wirtschaftsprogramm will er "erst im Wahlkampf vorstellen, weil die Inhalte vor dem Sommer verpuffen", sagt Strache. Nur so viel gibt er preis: Die FPÖ will Abgabenquote und Lohnnebenkosten senken, verflachte Steuerstufen einführen, die kalte Progression jährlich anpassen und "keine Vermögenssteuern. Das ist ja kein gestohlenes Geld."

Dass es bei diversen Punkten Überschneidungen mit der ÖVP als auch SPÖ gibt, lässt Strache geflissentlich unerwähnt. Stattdessen wiederholt er Forderungen wie Verwaltungsreform und direkte Demokratie. Die Bevölkerung soll über den Kammerzwang, die Reduzierung der Sozialversicherungsträger (1 bis 2 statt 22) und die Abschaffung der ORF-Gebühren abstimmen. Das Publikum hört ihm aufmerksam zu, was auch daran liegen mag, dass Strache frei spricht, mit stetem Blickkontakt zum Auditorium. Nahezu unberührt bleiben sein Redemanuskript und das Pepsi am Pult.

Nach Exkursen über Bildung ("Ich bin gegen ein verpflichtendes Kindergartenjahr dafür für verpflichtende Deutsch-Vorschulen"), Verbote ("Jeder Gastronom soll die Möglichkeit eines Raucherbereichs haben. Ich will nicht eine Gesellschaft, wo alles verordnet wird bis zum Bardgeld-Verbot") und Mindestsicherung ("Meine Mutter bekommt 1100 Euro Pension, ein Wirtschaftsflüchtling 840 Euro Mindestsicherung. Wer nie in das System eingezahlt hat, der soll Sachleistungen und ein Taschengeld bekommen") schließt der FPÖ-Chef mit einer überraschenden Prognose.

"Ich glaube, dass die SPÖ abschmieren wird und an einen Zweikampf Kurz-Strache. Aber der Wahlkampf hat noch nicht begonnen. Ich freue mich jetzt auf Eure Fragen." Sofort wird Strache auf Kontrahent Kurz angesprochen und im Nu einsilbig.

"Kurz ist kurz im Amt." Er sei 6 Jahre Regierungsmitglied, habe bei Fehlentwicklungen mitgestimmt. Es gebe wohl "Schnittstellen" zur ÖVP in Wirtschafts- und zur SPÖ in Gesundheitsbelangen. Doch die FPÖ halte "bewusst Äquidistanz. Ich stehe für Inhalte und will 50 Prozent davon im Regierungsprogramm wiederfinden."

Außenminister Hofer

Ehe nach dem blauen "Schattenkabinett" gefragt wird, attestiert ein Herr aus der ersten Reihe, Strache sei nun "sprichwörtlich salonfähig geworden." Der FPÖ-Chef dankt, blickt ins Publikum und setzt eine Pointe, die mit Lachen belohnt wird: "Jeder hier im Raum würde das genau so gut machen wie die Minister jetzt." Tatsächlich kann sich Strache Herbert Kickl als Sozial-, Norbert Hofer als Außen- und Harald Vilimsky als Innenminister vorstellen. "Es wird auch zwei, drei Unabhängige geben, die darauf bestehen, erst nach der Wahl genannt zu werden."

Nach den offiziellen Fragen hat Strache selbst noch eine:"Derf ma’ rauchen?" Er wird selbiges später tun, sich noch lange unterhalten, ehe er tags darauf Besuch von jenen bekommt, um die auch bürgerliche Parteien in Deutschland nach wie vor einen großen Bogen machen: Strache empfängt mit Hofer eine AfD-Delegation im Parlament.