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Nach Ursula Stenzels Parteiwechsel
09/06/2015

Was, bitte sehr, ist bürgerlich?

Jahrzehntelang wählte der Mittelstand "schwarz". Wird jetzt alles anders?

von Georg Markus

Frühstück im Landtmann, dann hinüber ins Büro, mittags Tafelspitz im Sacher, abends zur Schnitzler-Premiere ins Burgtheater und schließlich mit Freunden in die Eden-Bar. Klarerweise von früh bis spät makellos gekleidet und frisiert. Das ist bürgerlich, und in dieses Schema passte Frau Ursula Stenzel perfekt. Durch ihren Wechsel zu den Blauen freilich ist der Begriff ein wenig durcheinander gekommen. Was, bitte sehr, ist bürgerlich?

Das Bürgertum ist in Jahrhunderten gewachsen und viele, die diesem Stand angehörten, waren stolz darauf, sich vom Adel, dem Klerus, den Arbeitern und dem Bauernstand abzuheben. Im Zeitalter der Aufklärung, der Französischen und der "bürgerlichen" Revolution des Jahres 1848 wurden Bürgerrechte erkämpft, die es den – meist im städtischen Bereich lebenden – Bürgern ermöglichten, als Unternehmer, als Kaufleute oder Bankiers zu hohem Ansehen und Wohlstand zu gelangen.

In den Kleinadel

Im Fin-de-Siècle finanzierten Angehörige des Großbürgertums den Bau der Wiener Ringstraße und anderer Repräsentationsobjekte, wofür sie (als Freiherren oder Barone) in den Kleinadel aufsteigen konnten. Es gab aber auch Bürger, die Bürger bleiben wollten. Als Kaiser Franz Joseph etwa dem Industriellen und Mäzen Nikolaus Dumba anbot, in den erblichen Adelsstand erhoben zu werden, lehnte dieser mit den Worten ab: "Ich bin lieber Euer Majestät erster Bürger als sein letzter Aristokrat. "Neben Großbürgern wie Dumba – der die Errichtung des Wiener Konzerthauses, des Musikvereins und des Künstlerhauses ermöglicht hat – gab und gibt es auch Kleinbürger, meist Handwerker, und den bis heute von allen politischen Parteien heiß umkämpften Mittelstand, der sich aus Beamten, Angestellten und aus Freiberuflern wie Ärzten und Rechtsanwälten rekrutiert.

Der Mittelstand

Der Mittelstand wählte meist deutschliberal oder christlichsozial. Von den Nazis wurde er – durch Krieg und die Auslöschung und Vertreibung des jüdischen Bürgertums – stark dezimiert.In der Zweiten Republik gehörten die Bürgerlichen dann – solange sie mit dem Begriff "konservativ" gleichzusetzen waren – exklusiv der ÖVP. Bis es Bruno Kreisky gelang, nicht wenige von ihnen "ein Stück des Weges" mit sich gehen zu lassen. Nach Abtreten des "roten Großbürgers" Kreisky und des "Bankers" und "Nadelstreifsozialisten" Franz Vranitzky fischten Grüne und zuletzt die NEOS im Teich der Bürgerlichen. Aber auch Jörg Haider tat so, als vertrete er bürgerliche Werte. Die, die ihm bei Wahlen folgten, verschwiegen das oft verschämt in Umfragen.

Stenzel hat ein Problem

Ursula Stenzel hingegen hat mit ihrem "Outing" kein Problem. Von Wolfgang Schüssel, der vor 15 Jahren Schwarz-Blau ins Leben rief, in die Politik geholt, glaubt sie, dass Strache und seine Jünger das sind, was man gemeinhin bürgerlich nennt. Wie ja auch die frühere ORF-Generaldirektorin Monika Lindner dachte, die Truppe um Frank Stronach sei bürgerlich. Es dauerte ganze drei Tage, bis sie eines anderen belehrt wurde und auf ihre Kandidatur bei den Nationalratswahlen 2013 verzichtete.

Fliegender Wechsel

Ursula Stenzel dürfte sich ihren fliegenden Wechsel von der immer noch bürgerlichen ÖVP zur FPÖ, aus der zuweilen fremdenfeindliche und antieuropäische Töne dringen, genauer überlegt haben. Und doch: Einige ihrer bürgerlichen Freunde werden ihr dabei abhanden kommen.Im Landtmann, im Sacher und in der Eden-Bar.