SORA-Wahlforscher Hofinger und Ogris: Probleme mit der „Rückerinnerung“

© APA/ROBERT JAEGER

Demoskopen-Flop
10/12/2015

Wahlverlierer Hochrechner

Warum sich die Wahl-Prognose binnen einer Stunde von Niederlage auf Sieg gedreht hat.

von Karin Leitner

Sonntag, 11. Oktober, kurz vor 17 Uhr. Hunderttausende sitzen in und außerhalb Wiens vor dem Fernseher – und warten auf die erste Trendschätzung zur Gemeinderatswahl. Sie kommt vom SORA-Institut – und ergibt: 34,5 bis 37,5 Prozent für die SPÖ; 33 bis 36 Prozent für die FPÖ; 10,5 bis 12,5 Prozent für die Grünen; 8 bis 10 Prozent für die ÖVP; 5 bis 7 Prozent für die Neos. Der ORF-Moderator signalisiert Dramatik: "Schnallen Sie sich an." Damit wäre nämlich offen, ob Blau Rot vom ersten Platz verdrängt.

Sonntag, 11. Oktober, 18 Uhr. Die erste Hochrechnung von SORA ist da – und die weicht von der Trendschätzung dramatisch ab. Die SPÖ kommt auf 39,5 Prozent, die FPÖ auf 30,9 Prozent, die Ökopartei auf 11,6 Prozent, die ÖVP auf 9,5 Prozent; den Neos werden 6,2 Prozent ausgewiesen. Kein Kopf-an-Kopf von Rot und Blau, sondern ein großer Abstand zwischen diesen Parteien.

Trendschätzung 17 Uhr

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ORF Screenshot 11. 10. 2015…
ORF Screenshot 11. 10. 2015

Hochrechnung 18 Uhr

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ORF Screenshot 11. 10. 2015 18.00 Uhr…
ORF Screenshot 11. 10. 2015 18.00 Uhr

Wie kann es zu derart unterschiedlichen Ergebnissen kommen? Die Trendschätzung, genannt "Poll of the Polls", basiert auf Umfragen der vergangenen Wochen und auf Daten, die SORA erhoben hat: zwischen dem Mittwoch davor und dem Wahlsonntag wurden 2000 Menschen befragt. Der Mittelwert aus den Umfragen wird nach Stichprobengröße und Nähe zum Wahltag gewichtet. Die erste Hochrechnung basiert auf ausgezählten Stimmen – 13,9 Prozent waren das um 18 Uhr.

SORA-Forscher Christoph Hofinger gesteht ein, "dass es uns aufgestellt hat". Warum, erklärt er so: "Die Menschen werden auch gefragt, was sie bei der Wien-Wahl 2010 und bei der Nationalratswahl 2013 gewählt haben. Parteien, die in den Rückerinnerungsfragen unter bzw. über dem Wahlergebnis liegen, werden mittels Gewichtung korrigiert." 2010 habe das funktioniert. Diesmal habe es bei der "Rückerinnerung" mancher wohl gehapert: "Einige, die schon früher zur FPÖ gewechselt sind, haben in der Erinnerung 2010 noch SPÖ gewählt – obwohl sie da schon gewechselt hatten." Das habe die Prognose verzerrt. Und so gelte es, bei dieser Methode nachzuschärfen. Oder fortan – wie in Deutschland – Leute vor dem Wahllokal zu befragen: "Das ist aber organisatorisch und finanziell aufwendig. In Wien müssten das, in repräsentativen Sprengeln, insgesamt 12.000 Wähler sein." Zu Meinungsumfragen merkt Hofinger an: "Es sollte genauer ausgeschildert werden, nach welchen Kriterien gewichtet wird, nach welcher Methode hochgerechnet wird."

Boulevardmedien hatten Umfragen veröffentlicht, bei denen SPÖ und FPÖ fast gleichauf lagen. Österreich schlagzeilte noch am Wahlsonntag: "Häupl nur 1 % vor HC Strache". In einer OGM-Umfrage für den KURIER, publiziert sieben Tage vor der Wahl, wurden der SPÖ 37 bis 38 Prozent vorausgesagt. Die FPÖ lag, gestützt auf 800 Befragte, bei 33 bis 34 Prozent. Dies kam dem Wahlresultat am nächsten. Und so will OGM-Chef Wolfgang Bachmayer für Fehlvorhersagen anderer Meinungsforscher nicht geradestehen: "Wir haben im KURIER prognostiziert, dass die SPÖ mit fünf Prozent eindeutig vorne liegt, von einem Kopf-an-Kopf-Rennen war nicht die Rede." Das sei anderswo ausgerufen worden: "Das war eine von der SPÖ geschickt inszenierte Strategie, die besonders von Boulevardmedien und den dort veröffentlichten Umfragen verstärkt wurde." Grundvoraussetzung für gute Polit-Umfragen seien Fachkompetenz und Unabhängigkeit.

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