Politik | Inland
26.01.2018

Wer wird Wiener SPÖ-Chef? Vranitzky für Signal gegen Rot-Blau

Alt-Bundeskanzler verlangt im KURIER-Interview "klare Abgrenzung von der FPÖ".

Franz Vranitzky, der von 1986 bis 1997 SPÖ-Bundeskanzler war, befürwortet, dass nun in Wien erstmals zwei Kandidaten – Andreas Schieder und Michael Ludwig – für das Amt des Wiener SPÖ-Chefs kandidieren: "Ich glaube, man sollte sich in der Demokratie nicht vor neuen Wegen schrecken. Bisher gab es zwar keine Kampfabstimmung um den Vorsitz der Wiener Partei. Aber ich glaube nicht, dass das alte Sprichwort immer gelten muss, ’Das haben wir noch nie so gemacht, und da könnte ja jeder daherkommen’."

Für Vranitzky unterscheiden sich die beiden Kandidaten formal kaum: "Beide sind Sozialdemokraten, beide Wiener Politiker, beide von der Nachfolgegeneration. Der Generationswechsel ist ein wesentlicher Aspekt."

Abgrenzung zur FPÖ

Aber inhaltlich? Vranitzky: "Für mich ist wichtig, insbesondere mit Blick auf die vergangenen 48 Stunden, dass es eine wirklich klare Abgrenzung von der FPÖ geben muss und eine Festlegung, mit der FPÖ auch keine Regierung zu bilden", spielt der ehemalige Regierungschef auf die Causa Landbauer (siehe Seite 5) an. "Das Ganze kann ja niemanden, der sich ein bisschen in der Innenpolitik auskennt, überrascht haben. Wir haben leider diesen braunen Bodensatz in der Politik, der nicht sehr groß, aber vorhanden ist. Und der spannt sich vom Sager Jörg Haiders über die "ordentlichen Beschäftigungspolitik" der Nazis bis zur siebenten Million. Wir haben das in der Vergangenheit immer wieder erlebt und können uns kaum berechtigte Hoffnung machen, dass es damit zu Ende ist."

Zurück zur Wahl des Wiener SPÖ-Chefs: "Ich erwarte mir vom neuen Wiener SPÖ-Chef auch eine aktive und offene Europapolitik, das ist auch für eine europäische Hauptstadt ganz wichtig."

Als klare Tendenz für Schieder will Vranitzky seine Aussagen nicht verstanden wissen, aber: "Ich spreche keine Präferenz aus bezüglich der Person, aber eine Präferenz bezüglich der Inhalte."

Gewählt wird der neue Wiener SPÖ-Chef zwar offiziell erst morgen. Doch in den höchsten roten Parteikreisen rechnet man offenbar schon fix damit, dass einer die Wahl schon für sich entschieden hat – nämlich Wohnbaustadtrat Michael Ludwig. Geht die Wahlprognose auf, dann steht die SPÖ vor der Frage: Wie schaut die Zukunft von Gegenkandidat Andreas Schieder aus? Für den langjährigen geschäftsführenden SPÖ-Klubobmann ist die Sache klar. In mehreren Interviews legte er sich fest, dass er weiterhin SPÖ-Klubchef bleiben will, wenn er als Wahlverlierer aus dem Match um Wien hervorgeht.

Doch SPÖ-Chef Christian Kern scheint andere Pläne zu haben. Wie man aus gut informierten SPÖ-Kreisen hört, hat er bereits beim Wohnbaustadtrat angeklopft, um Ludwig zu überzeugen, dass dieser Schieder in sein künftiges Regierungsteam aufnehmen soll. Schieder, der Erfahrungen als Staatssekretär im Finanzministerium sammelte, würde einen guten Finanz-Stadtrat abgeben. "Das würde ich Ludwig nicht raten, sich den Gegenspieler ins Team zu holen. Schieder wäre der ideale Spitzenkandidat für die EU-Wahlen im Mai 2019. Nach Brüssel passt Schieder bestens", resümiert allerdings ein prominenter Roter.

Als neuen Klubobmann soll Kern seinen ehemaligen Kanzleramtsminister Thomas Drozda favorisieren. Bevor Drozda als Minister in das Kabinett von Kern im Mai 2016 wechselte, managte er acht Jahre lang die Vereinigten Bühnen Wien. Im Umkehrschluss heißt das: Drozda bekleidete stets äußerst gut dotierte Jobs. Seit der Wahl ist Drozda nun einfacher SPÖ-Abgeordneter. Als geschäftsführender SPÖ-Klubobmann würde er seine Gage prompt von 8.756 Euro brutto auf 14.885 Euro aufbessern.

Gewinnt Ludwig tatsächlich morgen die Wahl, dann sitzt auch das Stadträtinnen-Duo Renate Brauner und Sandra Frauenberger ordentlich in der Bredouille. Auch wenn nach außen hin der Wahlkampf fair ablief, übten Brauner und Frauenberger hinter den Kulissen heftigen Druck auf die Delegierten aus. Sie bombardierten sie nonstop mit SMS, sich beispielsweise auf Facebook pro Schieder auszusprechen. "Das passierte auf sehr dreiste Art. Der Druck, der ausgeübt wird, ist unappetitlich und geht nach hinten los", so ein Delegierter. Und meint weiter: "Geht Ludwig als Sieger über die Ziellinie, sind beide schnell weg".