Familie ElSaeed: In Syrien besaßen die Lehrer ein Haus und eine große Farm. Auf der Flucht blieb ihr einziger Besitz ein Handy

© KURIER/Gilbert Novy

Wer sind die, die da kommen?
08/30/2015

Wer sind die, die da kommen?

Syrien, Irak und Afghanistan sind jene Länder, aus denen die meisten Menschen nach Österreich fliehen. Was trieb sie fort? Was können und worauf hoffen sie? Drei KURIER-Porträts – stellvertretend für Tausende.

von Laila Daneshmandi, Christian Böhmer

"Die Kinder! Die Regierung wirft Bomben auf Zivilisten und tötet dabei Hunderte Kinder! Schauen Sie sich das an!"

Aymann ElSaeed hat es schon oft gesehen, das Video. Doch jedes Mal ist er wieder fassungslos und zornig.

Verwandte schicken ihm ab und zu Video-Links aus Syrien; es sind Szenen aus dem Inferno, Bilder von toten Kindern, die auf Pick-up-Trucks geschlichtet werden.

Vielleicht sollte er sich die verwackelten Aufnahmen gar nicht ansehen – sie regen den Vater zu sehr auf. Aber andererseits: Hier war er einmal zu Hause. In Daraa, einer syrischen Stadt, die keine 40 Kilometer Luftlinie vom See Genezareth entfernt liegt, war ElSaeed Mathematik-Lehrer.

Jetzt sitzt er auf seinem Bett in einem Wiener Flüchtlingsheim in Wien-Alsergrund und starrt fassungslos auf das Handy – es ist alles an materiellem Besitz, was ihm blieb.

150 Schafe

Die ElSaaeds waren eine wohlhabende Familie. Vater Aymann hat Hauptschüler unterrichtet; Mutter Khadije kümmerte sich um Volksschulkinder. Und weil sie damals in Daraa eine Farm bewirtschafteten, die 40 Kühe und mehr als 150 Schafe zählte, ging es den ElSaaeds gut. Bis zum Bürgerkrieg.

"Mein Bruder kämpfte in der staatlichen Armee. Aber als er sah, welche Verbrechen begangen werden, desertierte er."

Aymanns Bruder lebt heute in einem Flüchtlingslager in Jordanien, aber die Regierung verdächtige auch die ElSaeeds – die Blutsverwandten mussten doch wissen, wo der Deserteur steckt?

"Wir sind bei Bekannten untergetaucht", sagt Herr ElSaeed. Irgendwann brannte das Haus, angezündet von den Regierungstruppen; auch die Farm wurde devastiert, und bis auf das Geld, das man bei sich hatte, war aller Besitz verloren. "Als das Haus brannte, entschieden wir: Wir müssen weg."

Der Rest ist die "klassische Flucht-Geschichte": Über die Türkei, Griechenland und den Balkan kamen die ElSaeeds mit Schleppern nach Österreich. Der kleine Anas hat mit seinen fünf Jahren viel Schlimmes gesehen. Er ist schüchtern, lacht kaum. Ibrahim, Mohammed und Abdul Rahman haben die Strapazen besser verkraftet. Sie lachen viel, machen gerade einen Deutschkurs.

Als wir fragen, ob sie überlegen, wieder nach Syrien zurückzugehen, beginnt Frau ElSaeed zu weinen.

"Sie vermisst ihre Heimat sehr", sagt die Dolmetscherin. Aber an ein Zurück ist jetzt nicht zu denken. Nicht, wenn ihre Söhne überleben sollen.

www.kurier.at/integration

Schwanger über die Berge

Für afghanische Verhältnisse war sie in ihrer Heimat eine Revoluzzerin. Die 35-jährige Najibeh Ahmadi hat in ihrem Dorf als Lehrerin gearbeitet und Kindern – Buben wie Mädchen–Lesen und Schreiben beigebracht. „Einfach war es nicht, eine Frau ist ja dort nichts wert, aber ich habe sehr gerne unterrichet“, erzählt sie.

Ab 4 Uhr Früh kümmerte sie sich um Ali, ihren Sohn, um ihreZiegen, kochte, bevor sie und ihr Mann, ein Polizist, arbeiten gingen. Nach der Schule bestellte sie noch das Land. Für afghanische Verhältnisse hat sie mit 30 sehr spät ihr erstes Kind bekommen – doch Frau Ahmadi ist ehrgeizig und sie weiß, was sie will.

Eines Tages kam ihr Mann nicht mehr nach Hause. „Ich habe eine Woche lang nichts von ihm gehört und wusste nicht, ob er noch lebt.“ Dann läutete endlich das Telefon. Endlich ein Lebenszeichen. Die Taliban hatten ihn bei Gefechten als Geisel genommen Polizisten werden gerne für Erpressungen entführt – meist kehren sie nicht zurück. Doch ihm gelang es zu fliehen.

„Er hat mir gesagt, ich soll alles nehmen, was einen Wert hat und dann sind wir weggegangen.“ Das Land, die Ziegen, die Schüler blieben zurück. Unter ihrem Herzen trug sie schon ihr zweites Kind. „Wir sind den ganzen Weg bis Istanbul mit meinem Sohn Ali im Arm großteils zu Fuß gegangen – durch die Wüste, über die Berge, durch Schnee. Eine Frau hat sich unterwegs das Bein gebrochen und wurde einfach hinterhergezogen. Ich weiß nicht, was dann aus ihr geworden ist.“

In Istanbul schliefen sie zwei Tage im Park, dann ging es per Boot nach Griechenland. „Meine Schuhe waren da schon durchgetreten.“ Sie zeigt Narben an ihren Füßen. Schlepper brachten sie in Transportern weiter. „Wir haben uns aus Kartons kleine Kabinen gebaut. Ich weiß nicht wie lange wir gefahren sind, bis wir wieder irgendwo ausgesetzt wurden.“

Inzwischen lebt die Familie in einem Heim der Diakonie, ihr jüngster Sohn, Ilias, ist heute eineinhalb Jahre alt. Frau Ahmadi ist noch immer ehrgeizig. „Ich will so schnell wie möglich deutsch lernen und am liebsten Geographie studieren und als Geographin arbeiten. Das wäre mein Traum.“

kjökljölkj Für afghanische Verhältnisse war sie in ihrer Heimat eine Revoluzzerin. Die 35-jährige Najibeh Ahmadi hat in ihrem Dorf als Lehrerin gearbeitet und Kindern – Buben wie Mädchen – Lesen und Schreiben beigebracht. „Einfach war es nicht, eine Frau ist ja dort nichts wert, aber ich habe sehr gerne unterrichet“, erzählt sie. Ab 4 Uhr Früh kümmerte sie sich um Ali, ihren Sohn, um ihre Ziegen, kochte, bevor sie und ihr Mann, ein Polizist, arbeiten gingen. Nach der Schule bestellte sie noch das Land. Für afghanische Verhältnisse hat sie mit 30 sehr spät ihr erstes Kind bekommen – doch Frau Ahmadi ist ehrgeizig und sie weiß, was sie will. Eines Tages kam ihr Mann nicht mehr nach Hause. „Ich habe eine Woche lang nichts von ihm gehört und wusste nicht, ob er noch lebt.“ Dann läutete endlich das Telefon. Endlich ein Lebenszeichen. Die Taliban hatten ihn bei Gefechten als Geisel genommen. Polizisten werden gerne für Erpressungen entführt – meist kehren sie nicht zurück. Doch ihm gelang es zu fliehen. „Er hat mir gesagt, ich soll alles nehmen, was einen Wert hat und dann sind wir weggegangen.“ Das Land, die Ziegen, die Schüler blieben zurück. Unter ihrem Herzen trug sie schon ihr zweites Kind. „Wir sind den ganzen Weg bis Istanbul mit meinem Sohn Ali im Arm großteils zu Fuß gegangen – durch die Wüste, über die Berge, durch Schnee. Eine Frau hat sich unterwegs das Bein gebrochen und wurde einfach hinterhergezogen. Ich weiß nicht, was dann aus ihr geworden ist.“ In Istanbul schliefen sie zwei Tage im Park, dann ging es per Boot nach Griechenland. „Meine Schuhe waren da schon durchgetreten.“ Sie zeigt Narben an ihren Füßen. Schlepper brachten sie in Transportern weiter. „Wir haben uns aus Kartons kleine Kabinen gebaut. Ich weiß nicht wie lange wir gefahren sind, bis wir wieder irgendwo ausgesetzt wurden.“ Inzwischen lebt die Familie in einem Heim der Diakonie, ihr jüngster Sohn, Ilias, ist heute eineinhalb Jahre alt. Frau Ahmadi ist noch immer ehrgeizig. „Ich will so schnell wie möglich deutsch lernen und am liebsten Geographie studieren und als Geographin arbeiten. Das wäre mein Traum.“

Ich liebe Strauss

Yasim Sharif ist ein distinguierter Herr. Er trägt Polo, sein Bart ist akurat gestutzt. Der gebürtige Iraker antwortet leise – er will sich nicht wichtig nehmen; und obwohl er formidabel Deutsch spricht, hat er für das Treffen um einen Dolmetsch gebeten – er will sich ordentlich ausdrücken.

Yasim Sharif kommt aus Bagdad, und für einen Araber weiß er auffallend viel über Österreich. „Ich war mit 16 Jahren in Europa auf Urlaub. Seit damals beschäftige ich mich mit ihrer Kultur. Goethe, Schiller, Mozart, was für Künstler! Ich liebe Strauss, besonders ,An der Schönen blauen Donau‘.“

Vielleicht wäre Sharif Zeit seines Lebens als Urlauber nach Österreich gekommen. Als Erdöl-Ingenieur verdiente er bestens, hatte ein schönes Haus, ein gutes Leben.

Dann kam der Krieg, und die Familie flüchtete vor dem Tod. „Wir sind nach Syrien gegangen, ich habe dort sechs Jahre lang gearbeitet. Wir haben die Sprache gesprochen, die Kinder konnten in die Schule gehen.“

2011 ging die Familie zurück – in Syrien war Bürgerkrieg. „Aber auch im Irak war es extrem gefährlich. Bewaffnete Clans kontrollieren das Land. Wenn man sich mit denen nicht arrangiert, ist man in Gefahr.“ Sharif wollte sich mit den Warlords nicht arrangieren – und musste fortan um sein Leben fürchten. „Im Irak haben Analphabeten das Sagen. Es ist nicht zu glauben.“

Vor zwei Jahren nahm der Ingenieur viel Geld, kaufte Flugtickets nach Wien und zahlte Schmiergeld für die Papiere. „Ich bekam nur zwei Visa. Wir entschieden, dass ich fliegen muss, weil mein Leben in Gefahr ist. Und ich habe meine Mutter mitgenommen, weil sie schwer krank ist.“

Frau und Kinder blieben bei Verwandten in Bagdad. „Damit die Behörden nicht wissen, wo sie sind.“ Irgendwann, so hofft er, wird er sie in Sicherheit bringen können. Bis dahin muss er warten. Frust? Nein, darüber will Sharif nicht sprechen. „Ich danke Österreich und seinen Menschen, dass ich hier sein darf.“

Nur eine Bitte hat er. „Ich würde gerne arbeiten, meinen Teil beitragen. Ich will niemandem zur Last fallen.“

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