Politik | Inland
08.07.2017

Bewegung auf rot-blauem Battleground

Christian Kern auf Wahlkampftour im Murtal, wo die FPÖ der SPÖ jüngst die Vorherrschaft nahm.

"Viel g’schwitzt ham ma ned, aber ein bissl Bewegung ham ma g’macht." Ein kleiner Seitenhieb auf Sebastian Kurz’ neue, türkisfarbene Bewegung vulgo Volkspartei?

Vielleicht erwartbar, aber das hatte er damit nicht im Sinn. SPÖ-Chef Christian Kern wollte damit nur arglos eine Resümee seines (inoffiziellen) Wahlkampfauftakts in der Steiermark ziehen – eine Wanderung, die ihn Donnerstagnachmittag in die Seetaler Alpen führte.

Viel bewegen konnte sich der Kanzler aufgrund der hohen Selfie-Dichte nicht. Die Wanderung glich eher einem Meet & Greet mit Fotoshooting.

Von den rund 500 Mit-Wanderern – neben einigen steirischen Genossen auch die Landtagsabgeordnete Gabriele Kolar – bat so gut wie jeder um ein Foto mit Kern, bzw. mit dem Christian. Am Berg gibt es nämlich kein "Sie", wie er selbst vormachte. "Woher kommst Du denn genau?" oder "Welche Themen beschäftigen Dich?", wollte der Kanzler beim knapp einstündigen Bergauf-Schlendern von den Obersteirern wissen.

"Vollholler" als Geschenk

So sorgte sich eine Dame Ende 50, dass das Pensionsalter weiter angehoben werden könnte. "Irgendwann kennan mir a nimma", sagte sie zu Kern, der ihr versicherte, dass es so etwas mit ihm als Kanzler nicht geben werde. "Weil es nicht gerecht ist", betonte der oberste Sozialdemokrat.

Warum der SPÖ-Chef eigentlich hier beim Wandern mit dem Wahlkämpfen anfängt? Thema war immer wieder sein persönlicher Bezug zur Region: Ehefrau Eveline Steinberger-Kern kommt aus dem nahen St. Johann am Tauern, ihr Vater war beim Wandern dabei. Von der Großcousine seiner Frau bekam er eine Hollerstaude überreicht: "Da hast jetzt deinen Vollholler", meinte Johanna Steinberger in Anspielung an Kerns Kommentar zu Sebastian Kurz’ Plänen, die Mittelmeerroute zu schließen.

Der Ort war aber auch wahlkampftechnisch geschickt gewählt: Die Obersteiermark ist ja eher als Industrie- denn als Wandergebiet bekannt. Große Werke wie die Magna in Graz und der Maschinenbauer ATB in Spielberg bieten hier Tausende Arbeitsplätze.

Und diese Arbeiter will die SPÖ zurückgewinnen. Bei der Nationalratswahl 2013 wurde die Steiermark blau eingefärbt – die FPÖ lag mit 24 Prozent erstmals knapp vor der SPÖ. Besonders herb waren die Verluste auch bei der Landtagswahl 2015 hier im Bezirk Murtal: Die FPÖ gewann satte 17,7 Prozentpunkte dazu, die SPÖ verlor fast 12,5 Prozentpunkte (Gesamt-Steiermark nur minus 9 Prozent). Für einen Wahlkampfauftakt war die Wanderung wohl ein schlechtes Omen. Unten beim Losmarschieren: Sonne. Oben angekommen: Wolkenbruch. Die Volksfeststimmung an den Biertischen währte deshalb nur kurz.

Kein Zucker-Kanzler

Kern blieb von Regen und Wind unbeeindruckt, schlug auf der Bühne das Angebot eines Schirms aus ("Geht schon, ich bin ja nicht aus Zucker") und suchte in seiner Rede mit dem jüngsten Erfolg der Sozialdemokraten zu punkten: der Abschaffung des Pflegeregresses. Ab 2018 kann das Land nicht mehr auf privates Vermögen zugreifen, um Pflegekosten mitzufinanzieren.

Für die Menschen hier sei das eine enorme Erleichterung, sagte Wolfgang Moitzi, ehemaliger Chef der Sozialistischen Jugend, im KURIER-Gespräch und schilderte das Schicksal vieler: "Da arbeitest du 40, 45 Jahre, damit du dir ein Haus finanzieren kannst, kriegst plötzlich einen Schlaganfall und das Land schnappt sich alles." Klar sei das Thema Flüchtlinge – wie überall in Österreich – auch hier brisant. Speziell in der Obersteiermark liege der Fokus aber auf SPÖ-Klassikern wie Arbeit und Soziales, sagt Moitzi: "Das sind Themen, mit denen man hier Mehrheiten gewinnen kann. Nicht mit großen akademischen Debatten um irgendwelche Islam-Kindergärten."

Beim Fest bei der Winterleiten-Hütte bedachte ihn Großcousine Johanna neben der "Vollholler"-Staude als Mitbringsel auch noch mit zwei Marmeladengläsern: Eines mit rotem und schwarzem Gelee sowie eines mit rotem und blauem. Ihr persönlich schmecke rot-schwarz besser: "Das ist weniger extrem." Vor der Koalitionspartner-Wahl kann Kern so seine Geschmacksknospen selber noch einmal testen.

- Raffaela Lindorfer, Lukas Kreimer