Politik | Inland | Wahl
19.07.2017

Generation Y: "Tinder ist so grauslich geworden"

Hausbesuch bei den jungen Menschen der so genannten Generation Y. Wie sie wohnen, was sie lieben, wohin sie wollen. Oder zumindest sechs von ihnen.

Aus dem Tablet hört man zuerst nur das grelle Lachen, bevor ein Gesicht dazu auf dem Display erscheint. Es ist Fefe (30), die Mitbewohnerin von Julia (23) und Daniel (26), die gerade nicht in Wien ist. Aber wenn hier über die WG gesprochen wird, dann muss sie natürlich unbedingt dabei sein, bezeichnen Julia und Daniel sie doch liebevoll als "WG-Mama".

Keine Party-WG

Julia und Fefe haben sich beim Musikstudium kennengelernt. Beide spielen mehrere Instrumente. In Fefes Zimmer steht ein Klavier, in Julias zwei Zupfbretter. Daniel studiert digitale Medientechnologie und arbeitet bereits seit vier Jahren Teilzeit als Journalist. Diesen Job will er auch unbedingt weitermachen. Auch die beiden Mädels stehen schon fest im Berufsleben. "Ich will einen Job, der mir Spaß macht und mich erfüllt", erzählt Daniel. Alle drei schätzen vor allem das kulturelle Leben in Wien. "Stehplätze in der Staatsoper um drei Euro, das muss man sich einmal vorstellen!", schwärmt Julia.

Respekt und Feiern

Hier in der 100 m² großen Altbaumiete in der Schleifmühlgasse im vierten Bezirk findet man sich definitiv in keiner Party-WG wieder. "Ich gehe gerne aus am Wochenende, aber zu Hause will ich meine Ruhe haben", sagt Daniel. Allen drei ist ein respektvolles Miteinander mit Rücksichtnahme besonders wichtig. Manchmal wird gemeinsam gekocht, am Ende des Tages trifft man sich am Küchentisch, tauscht sich aus. "Keiner von uns würde in eine unordentliche Wohnung kommen wollen, da passen wir sehr gut zusammen."

Andere WG, alles anders.

Ortswechsel in die Lerchenfelder Straße im achten Wiener Gemeindebezirk. Auch eine WG. Alles anders. Ein alter Couchsessel vor der Eingangstüre, leere Vodka-Flaschen am Balkon, sich türmende Zigarettenstummel im Aschenbecher, ein Einkaufswagerl mitten im Wohnzimmer, zwei Katzen blicken gelangweilt ins jugendliche Lebenschaos.

Und kaum zu überhören: Sophias leidenschaftliches, schrilles Lachen, wenn sie von ihrem Leben erzählt. Wenn die 22-Jährige loslegt, dann fallen Begriffe wie Spaß, Freizeit, Yung Hurn, Jammen, Selbstverwirklichung, Quidditch, Tinder, Familie, Party, Feiern und noch mal Spaß. Vor allem der muss sein.

Quidditch? "Ja klar, kennst du das nicht? Der Sport von Harry Potter." Eine Freundin einer Freundin war im Quidditch-Verein, und so habe man schließlich in diese Wohngemeinschaft hier gefunden. Lange Geschichte, aber nicht so wichtig.

Grinser im Gesicht

Heute lebt sie mit zwei Freundinnen in einer 120-Quadratmeter-Wohnung. Schöne Parkettböden, hohe Räume, ein kleiner aber feiner Balkon. "Wir haben es damals selbst nicht glauben können, wie geil diese Wohnung ist", sagt sie laut und freut sich genauso wie damals bei der Schlüsselübergabe. Sophia ist diplomierte Elementarpädagogin, derzeit in einer Teilzeitanstellung als Sprachförderin. Nebenbei macht sie die Ausbildung zur integrativen Reit- und Voltigierpädagogin. Dennoch beschreibt sie ihr Leben als das einer Studentin. Vor allem jetzt. Im Sommer. "Die Badesachen packe ich jeden Tag gleich in der Früh ein, und dann geht es nach der Arbeit ab zum Kaiserwasser schwimmen."

Danach meist noch auf ein Bier, Leute treffen. Oder Musizieren, das sei gerade wieder "voll aktuell". "Ich bin erst seit Kurzem Single, ich muss schauen, wie das dann im Winter ist. Da werde sie sicher mehr zu Hause sein und hole einfach den ganzen Schlaf vom Sommer nach", sagt sie und lacht dabei über sich selbst. "Wenn ich abwäge, acht Stunden Schlaf und davor nur ein langweiliger Netflix-Abend einerseits. Oder wenig Schlaf, und ich war bis um eins mit Freunden unterwegs und hatte Spaß, so nehme ich Zweiteres. Ich gehe dann trotzdem voller Energie in die Arbeit. Aber dafür mit einem Grinsen im Gesicht."

"Tinder ist grauslich"

Gerade platzt ihre Mitbewohnerin Mary (23), Publizistikstudentin, bei der Türe herein. Genauso wie Sophia stammt sie eigentlich aus Oberösterreich, für beide war klar: Ab in die Hauptstadt. "Wien bietet so viele Möglichkeiten. Letztes Jahr habe ich einen DJane-Workshop besucht, heute lege ich selbst auf. Das ist doch verrückt!", schreit Mary lachend auf. Ihre Lebensgefährtin hat sie vor Kurzem auf Tinder kennengelernt.

Und Sophia, die wollte Tinder eigentlich gar nicht erwähnen: "Es ist so grauslich geworden." Sie rollt mit den großen Augen und dreht sich eine Zigarette. Irgendwie sei es für Männer selbstverständlich geworden, dass beim ersten Date gleich mehr passiert. Und überhaupt, die Vorlieben dahingehend seien auch Geschmackssache. Aber seit sie auf ihrem Profil vermerkt hat, dass auch rein platonische Freundschaften entstehen dürften, sei es erträglicher und besser geworden. Tinder gehört fix zur Freizeitbeschäftigung.

Sophia hat auf jeden Fall noch länger vor, in WGs zu leben. "Es ist mir nicht wichtig, eine eigene Wohnung zu haben. So viel bin ich nicht zu Hause, das zahlt sich für 600 Euro, die ich mindestens zahlen müsste, nicht aus. Außerdem möchte ich nicht alleine sein, es ist superlustig, ich bin der Mensch dafür. "

Noch zuhause geblieben

Ähnlich sieht es der 20-jährige Jakob, der derzeit noch bei seiner Mutter lebt. "Es ist preislich ideal, wenn ich mir den Markt so ansehe. Es gibt derzeit keinen Grund für mich, wegzuziehen." Das erste Studienjahr hat Jakob sich auf das Lernen konzentriert, ab Herbst wird er nebenbei arbeiten. Er will mit dem Physiotherapie-Master weitermachen.

Aber so unterschiedlich diese sechs jungen Menschen auch sind, auf die Frage, ob sie einmal selbst Kinder, Familie und eine fixe Partnerschaft haben möchten, haben alle ganz laut Ja gesagt.

Zahlen und Fakten
70 Prozent der 20- bis 24-jährigen Männer und 56 Prozent der gleichaltrigen Frauen wohnen noch bei den Eltern. Viele bleiben auch nach Abschluss des Studiums oder der Ausbildung zu Hause: 34 Prozent der 25- bis 29-jährigen Männer und 19 Prozent der gleichaltrigen Frauen leben noch immer bei den Eltern. Hauptgrund sind fehlende finanzielle Mittel, die es kaum zulassen, eine eigene Wohnung zu nehmen. Die Mietpreise steigen vor allem in Wien weiter stark an. So entscheiden sich viele Junge schließlich für eine WG.