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14.07.2017

Welche Studienrichtungen Zukunft haben

"Soll ich studieren und wenn ja, was denn bloß?" Diese Frage begleitet Zigtausende junge Menschen über den Sommer. Der KURIER hat sich umgehört und Experten um Antworten gebeten.

46.000 Schüler sind heuer zur Matura angetreten. Bis zum Herbst wird sich der Großteil von ihnen vor allem mit einer Frage beschäftigen: "Was soll ich denn studieren?" Zu den unzähligen eigenen Gedanken kommen bei dieser Entscheidungsfindung noch die gut gemeinten Empfehlungen aus dem Bekanntenkreis: "Studier’ doch Lehramt! Lehrer werden händeringend gesucht." – "Mach etwas an der TU, technische Berufe werden immer wichtiger." – "Oh, bloß nicht Psychologie, das ist schon so überlaufen und damit findest du dann sicher keinen Job."

Doch welche sind tatsächlich die Studienrichtungen der Zukunft? Wie wird sich das Studieren an sich verändern? Und macht es überhaupt noch Sinn eine Hochschule zu besuchen? Denn während die Arbeitslosigkeit in Österreich generell sinkt, steigt sie unter Hochschulabsolventen. Im Juni waren 23.315 Akademiker arbeitslos gemeldet, dazu kamen 5151 in Schulungen. Das ist ein Plus von 0,9 Prozent im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum. "Aber ja, Studieren macht auf jeden Fall Sinn", meint Sabine Putz, Leiterin der Abteilung Arbeitsmarktforschung und Berufsinformation beim AMS, "es werden genug Akademiker gesucht. Denn diese Personen haben gelernt, sich rasch eigenes Wissen anzueignen. Ein Asset, das in jedem Beruf später von Vorteil ist." Und auch wenn die Zahl der arbeitslosen Akademiker steigt: Sie machen trotzdem nur 3,4 Prozent aller Akademiker aus.

Gesuchte Lehrer

Lehrer werden laut Sabine Putz wohl weiterhin sehr gefragt sein. Abgesehen vom Schulbereich (hier kommt eine Pensionswelle auf Österreich zu) wird auch die Erwachsenenbildung immer mehr Thema werden. "Die Halbwertszeit von Wissen wird immer geringer", sagt Putz. "Auch Menschen, die im Berufsleben stehen, besuchen Schulungen – nicht nur im fachlichen Bereich, auch zur Persönlichkeitsbildung." Ein ganz anderer Bereich mit viel Nachfrage sei das Thema Datenschutz, sowohl in Bezug auf juristisches Fachwissen, als auch auf Anwendungswissen im IT-Bereich.

Für die Universitäten gilt es also, auf die sich ändernden wirtschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen zu reagieren, Lehrpläne und Studien anzupassen, das Online-Angebot zu erhöhen, Seminarplätze aufzustocken.

Technik und Chemie

Die MINT-Studien (Fächer aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) sind an der Technischen Universität Wien laut Vizerektor Kurt Matyas gefragter denn je.

Digitalisierung ist ein wichtiges Schlagwort. Ab dem Studienjahr 2018/19 wird daher für alle Studienrichtungen an der TU die Veranstaltung "Einführung in die Informatik" angeboten.

An der Universität Wien gibt es indes ab kommendem Herbst einen ganz neuen Master, nämlich "Lebensmittelchemie". "In Zeiten, in denen der nächste Lebensmittelskandal hinter der nächsten Ecke wartet, wird dieses Gebiet immer wichtiger", sagt Professorin Doris Marko, die sich seit Jahren für die Errichtung dieses Master einsetzt: "Den Absolventen eröffnen sich viele Arbeitsfelder, etwa in der Entwicklung, Überwachung oder Sicherheit von Lebensmitteln. Und es ist eigentlich der einzige Master in Chemie, bei dem man kein Doktorat anhängen muss, um einen Job zu finden."

An der Wirtschaftsuniversität Wien sind zur Zeit zwar keine neuen Studienrichtungen angedacht. Auf eine Entwicklung wird aber jedenfalls reagiert: Die größere Mobilität unter Studierenden.

Immer seltener würden diese ihren Bachelor und Master an einer Uni absolvieren, zumindest ein Auslandssemester wählen die meisten. Die Lehrgänge müssen also anschlussfähig sein, sodass man sie ohne Vorkenntnisse von einer bestimmten Uni belegen kann.

Immer mobiler

Das Thema Mobilität und Flexibilität beschäftigt auch die Uni Wien. Immer mehr Studierende möchten sich mit dem Master in eine andere Richtung entwickeln: "Erweiterungscurricula heißt hier der Schlüssel, um ein nicht-facheinschlägiges Masterstudium anschließen zu können", sagt Rektor Heinz W. Engl.

Seit 2016 ist zum Beispiel das betriebswirtschaftliche Masterstudium auch für Bachelor-Absolventen von geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Studien zugänglich.

Gleichzeitig kommen immer mehr Studierende aus der ganzen Welt für ein Auslandssemester nach Österreich. Im vergangenen Jahr waren es 4301 Personen. An der WU gibt es jährlich etwa 1000 sogenannte "Incomings". Acht von 15 Masterlehrgängen werden hier bereits auf Englisch abgehalten. Auch in anderen Lehrgängen werden immer mehr Kurse in englischer Sprache angeboten. Es ist ein Trend – da sind sich die Hochschulvertreter einig – der sich ebenso wie die Digitalisierung weiter ausbreiten wird.

Umfrage: Glauben Sie, mit ihrem Studium einen Job zu finden?

Maximilian Hauptmann, 21:

„Job finden nach dem Studium? Bei dem Thema bin ich Gott sei Dank entspannt. Ich arbeite jetzt schon nebenbei als Lektor bei einem Buchverlag. Genau diese Richtung wollte ich mit meinem Studium – Literaturwissenschaften und Philosophie – auch einschlagen. Das hat sich also wirklich bilderbuchmäßig ergeben.“

Elena Sideres, 25:

„Ich rechne nicht damit, nach meinem Studium rasch eine Arbeit zu finden. Ich studiere Psychologie und werde danach wohl erst mal noch eine Ausbildung machen. Im Studium gibt es ja kaum einen Praxisbezug. Das war mir vor dem Beginn meines Studiums allerdings nicht wirklich bewusst. Ich hätte mir mehr Aufklärung gewünscht.“

Thomas Walter, 31:

„Ich war auf einer HTL und habe zunächst im Elektronik-Bereich gearbeitet. Aber dann ist mir klar geworden, dass ich in meinem Beruf lieber mit Menschen zu tun haben möchte. Jetzt studiere ich Englisch und Chemie auf Lehramt. Dass ich nach dem Studium einen Job finde, denke ich schon. Studienkollegen werden schon jetzt abgeworben.“