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19.08.2017

"Schau an, da Cap Pepi is a do"

SPÖ-Urgestein Josef Cap kämpft um den Einzug ins Parlament – und geht dafür sogar auf den Neustifter Kirtag. Ein Auswärtsspiel.

"Hallo, darf ich Sie kurz stören? Wollen Sie auch Sebastian Kurz unterstützen?" Der Angesprochene verzieht kurz das Gesicht, lehnt den ÖVP-Flyer dankend ab und antwortet: "Du, das ist wirklich nett von dir. Aber nein, eigentlich nicht". Der junge ÖVP-Wahlkampfhelfer soll an diesem frühen Freitagabend einer der wenigen bleiben, die Josef Cap am Neustifter Kirtag nicht erkennen. Hier, wo Dirndln knapp und weiße Spritzer billig sind, alle paar Meter Lebkuchenherzen mit kitschigen Sprüchen erstanden werden können und einem die gewöhnungsbedürftige Duftmischung aus Langos und Bier entgegen weht, bläst auch das SPÖ-Urgestein zum Wahlkampf. "Ich weiß, es ist nicht ganz mein Terrain", erklärt der Sozialdemokrat. Lederne trägt Cap keine, stattdessen ein kariertes Hilfiger-Kurzarmhemd und eine Jeanshose.

"Werbe für mich und meine Sachen"

Doch es geht schließlich um einiges, nämlich um nicht weniger als den Fortbestand seiner politischen Karriere. Seit 34 Jahren sitzt Cap im Parlament, heuer droht der rote Rekordabgeordnete leer auszugehen. Auf der SPÖ-Bundesliste ist er lediglich auf dem abgeschlagenen 33. Platz gereiht. Also muss er es – wie im Jahr 1983, als er nach seinen legendären drei Fragen an den einstigen SPÖ-Chef im Burgenland erstmals sein rhetorisches Talent zur Schau stellte und einen Hype unter Tausenden Linken auslöste – wieder über Vorzugsstimmen versuchen. Im Wahlkreis Wien-Nord-West – also in Döbling, Hernals, Währing und Ottakring – muss sich Cap vom aussichtslosen Platz zwei mit mindestens 5000 Vorzugsstimmen an die Spitze vorkämpfen.

Trotz allem kommt Cap bei seinem Auswärtsspiel am Neustifter Kirtag gut an, man kennt ihn hier. "Der Kern hat Sie nicht gut aufgestellt, oder?", fragt ein älterer Herr mit Sonnenbrille im grauen Haar und einem Seidel Bier vor sich. "Deswegen brauche ich ja Vorzugsstimmen", entgegnet Cap. Mit seiner Stimme könne er jedenfalls rechnen, sagt der Mann nach einem kurze Gespräch. Nachsatz: "Schade wär’s ja um Sie". Cap tratscht noch ein wenig mit ihm, wie er es mit zig anderen an diesem Tag auch tut, drückt ihm einen Flyer mit seinem Bild und der Aufschrift "Erfahrung zählt" in die Hand und schreitet voran. Ein paar Meter weiter, unter einem Sonnenschirm neben dem "Alles Zirbe"-Stand, ruft ihm ein Mann zu: "Schau an, der Cap Pepi is a do". Im Fernsehen, lässt ihn eine Sitznachbarin wissen, "schauen Sie älter aus". Ein anderer fragt, warum er sich das alles noch antut: "Also ich würd mich auf eine Insel vertschüssen und Urlaub machen", schlägt er Cap vor. Dieser lehnt ab, es mache ihm immer noch Spaß – "ich liebe es halt, mit den Leuten zu arbeiten."

Auch diese Kirtags-Tour, so der passionierte Marathonläufer, bereite ihm Freude. "Mir taugen diese klassischen Wahlkampfmethoden, da hört man, was los ist", sagt Cap. Auf Kritik an der SPÖ-Kampagne, geäußert etwa von einem Selbstständigen, der über den roten "Hol dir, was dir zusteht"-Slogan herzieht, reagiert Cap relativ kühl. "Heute werbe ich für mich und meine Sachen", erklärt er. Und wenn’s am Ende doch nicht reicht? "Damit setze ich mich erst am 16. Oktober auseinander".

Bad in der Wähler-Menge

Eine junge Frau mit knallroten Haaren muss zweimal hinschauen, bis sie überzeugt ist, wer da wenige Meter neben ihr am Eingang des Neustifter Kirtags steht: Norbert Hofer, in Trachtenjanker, Jeans und mit Sonnenbrille auf der Nase. "Es ist super, dass der aufgekreuzt ist", sagt sie, "der ist viel besser als der Häupl." Ob sie sich traut, um ein Autogramm zu bitten, weiß sie aber noch nicht. Eine andere Besucherin ist weniger zögerlich. Sie hat schon fünf Selfies mit Johann Gudenus von vergangenen Kirtagen – und vor wenigen Sekunden kam ein neues dazu.Gelegenheiten für Autogrammjäger boten sich bei der diesjährigen Eröffnung des Kirtags genügend: EU-Abgeordneter Harald Vilimsky (FPÖ), Bildungsministerin Sonja Hammerschmid und Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (beide SPÖ), Landesparteiobmann Gernot Blümel, Klubobmann Manfred Juraczka und Außenminister Sebastian Kurz (alle ÖVP)mischten sich am Freitagabend im Neustifter Heurigen-Grätzel unters Volk. Ulrike Lunacek (Grüne) und Beate Meinl-Reisinger (NEOS) sind für das Wochenende angekündigt.

Einer vom Volk

Dieser politische Almauftrieb wundert Peter Filzmaier nicht. Derartige Veranstaltungen seien für Politiker "wertvoll", sagt der Politikwissenschafter. Während Partei-Events eher negativ konnotiert seien, würden Freizeitveranstaltungen die Gelegenheit bieten, sich in einer "Feel-Good"-Atmosphäre zu präsentieren. "Die Botschaft ist immer die gleiche, nämlich: Ich bin einer von euch, ich teile eure Alltagsvergnügen und Sorgen", erklärt Filzmaier. Bei einer Wahl werde über Volksvertreter abgestimmt, "darum nehmen Politiker jede Chance wahr, einer vom Volk zu sein." Aus Filzmaiers Sicht können Facebook und Instagram den Besuch vor Ort nicht ersetzen. Wichtig sei der Mix.

Zwischen den Heurigen warten aber zahlreiche Fallen auf die Politiker. Um etwaigen Koalitionsspekulation vorzubeugen, müssen sie achtgeben, mit wem sie in die Kameras lächeln, sagt Filzmaier. Um glaubwürdig zu sein, sei es außerdem wichtig, nicht erst im Intensivwahlkampf mit dem Besuch von populären Events zu beginnen. Dass Politiker diesen Rat nicht immer beherzigen, deutete Michael Ludwig in seiner Eröffnungsrede an. "Wenn besonders viele Politiker da sind, könnte es sein, dass bald Wahlen sind", sagte er scherzhaft. Die Lacher im Publikum blieben aus.