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30.06.2017

Der Pflegeregress ist weg – viele Baustellen bleiben

Die Alterung der Gesellschaft gibt den Takt in der Pflegefinanzierung vor. Experten nennen viele zusätzliche Probleme in der Altenbetreuung.

Der Pflegeregress wurde am Donnerstag abgeschafft – ein Meilenstein, zu dem sich SPÖ und ÖVP nach viel Hickhack durchgerungen haben.

40.000 Bewohnern von Heimen wird zur Deckung der Kosten ein Pflegeregress vom Privatvermögen (Ersparnisse, Eigenheim) abverlangt. Viele Tausend Betroffene wäre in den kommenden Jahren dazu gekommen.

Auf die Freude folgt die Ernüchterung: In der Pflege bleiben viele Baustellen offen, die demographische Entwicklung bereitet Sorgen.

Die Senioren ab 65 werden in 40 Jahren die Bevölkerungsmehrheit ausmachen. Alle Prognosen sagen: Die staatlichen Kosten für Pflegegeld und Pflegedienstleistungen werden dramatisch steigen. Moderne Betreuungsformen (betreutes Wohnen, Senioren-WG’s), neue Finanzierungsquellen, ein Durchforsten des Systems auf Effizienzpotenziale wären die logische Folge.

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Zuständig sind die Bundesländer, das bedeutet im Detail neun unterschiedliche Herangehensweisen und Regelungen. Die Politik ist also gefordert und verspricht im Wahlkampf sehr viel.

SPÖ-Sozialminister Alois Stöger wollte nach dem jüngsten Pflege-Gipfel in Zukunft 50 Prozent der Kosten für mobile Pflegedienste übernehmen. Er wollte aber auch eine Milliarde Euro in die Qualitätsverbesserung der Pflegeberufe investieren. Ohne die von der SPÖ geforderte Erbschaftssteuer ist das alles kaum zu finanzieren.

Der neue ÖVP-Chef Sebastian Kurz will lieber das System effizienter machen und den Zuzug ins Sozialsystem beschränken. Experten zweifeln, ob damit große Summen aufzubringen sind. Ein wenig Zeit bleibt freilich noch: Durch die Schaffung des Pflegefonds ist das System bis 2021 ausfinanziert.

Parallel zu diesen Fragen gilt es immer wieder an die Lebenssituation der Pflegebedürftigen zu denken. Zuletzt hat die Volksanwaltschaft üble Missstände in Heimen aufgedeckt.

Pflege wird alle Altersgruppen umfassen“

Interview mit Ursula Frohner, sie ist Präsidentin des Österr. Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes.

KURIER: Der Pflegeregress wird abgeschafft. Aber wie soll die Pflege von morgen aussehen? Ursula Frohner: Gesundheits- und Krankenpflege hört beim Spitalsausgang nicht auf: Da beginnt sie oft erst richtig. Pflege wird sich mehr in ambulante Einrichtungen verlagern. Und sie wird komplexer: Die Lebenserwartung steigt – aber im höheren Alter haben die Menschen mehrere Erkrankungen. Pflege wird auch mehr als heute alle Altersgruppen umfassen – im Sinne einer vorbeugenden Beratung. Im Gegensatz zu anderen Ländern fehlt es in Österreich etwa an einer Schulgesundheitspflege. Etwa, um Kinder mit chronischen Krankheiten zu unterstützen. Pflege wird stärker auch einen Schwerpunkt darauf legen, die Zahl der gesunden Lebensjahre zu erhöhen. Dazu wird es notwendig sein, dass freiberufliches Pflegepersonal mit den Kassen abrechnen kann, etwa Therapieschulungen. All diesen Entwicklungen gegenüber steht ein häufig sehr stereotypes, oft bagatellisierendes Bild von Pflege. Und die Pflegeleistungen werden fast ausschließlich immer nur als Kostenfaktor diskutiert.

Sind die Primärversorgungszentrem nicht ein Fortschritt? Der Grundgedanke ist richtig – die Kompetenzen der Pflege mit Allgemeinmedizinern und anderen Berufen zu bündeln. Aber das kann nur funktionieren, wenn es auf Augenhöhe passiert. In dem Gesetz ist aber ein Beruf sehr prominent hervorgehoben. Es geht immer um das „Team rund um den Hausarzt“. Das ist nach wie vor sehr hierarchisch, an diesen Strukturen wird offenbar nicht gerüttelt. Wir werden in dem Gesetz nicht gleichwertig behandelt. Dabei sollte eigentlich der Patient im Mittelpunkt stehen.Es ist nicht klar, welcher Prozentsatz der Mittel für die Pflege zur Verfügung steht und für welche Leistungen. Dazu braucht es bundesweit einheitliche Kriterien, insbesondere für Pflegeleistungen zu Hause. Und diese haben wir derzeit nicht. Es ist ein Gesetz mit großen Lücken.

Pflegefachkräfte übernehmen zunehmend medizinische Routinetätigkeiten. Wären hier mehr Kompetenzen notwendig? Ja, etwa beim Medikamentenregime wie der Verordnung von Schmerzmedikamenten: Dass wir mit einer entsprechenden Ausbildung – nach einer ärztlichen Erstverschreibung – eine Bedarfsmedikation durchführen dürfen. Also etwa in der Nacht bei starken Schmerzen die Dosis in einem vorgegebenen Rahmen erhöhen dürfen. Es ist auch ein Anachronismus, dass etwa Inkontinenzprodukte nach wie vor nur Ärzte verordnen dürfen.

Wie groß ist der Mangel an Pflegekräften derzeit? Eine valide Zahl zu sagen ist derzeit schwierig. Es gibt aber schon jetzt genug offene Stellen für diplomiertes Personal, die nicht nachbesetzt werden können – und in den nächsten Jahren gehen viele Pflegekräfte in Pension. Wir müssen die Attraktivität des Berufes weiter erhöhen – die neue dreistufige Ausbildung (Pflegeassistenz, ein Jahr; Pflegefachassistenz, zwei Jahre; gehobene Pflegefachkräfte mit dreijähriger FH-Ausbildung, Anm.) ist da ein Schritt, eine leistungsorientierte Bezahlung wäre ein zweiter. Mit einem Anteil von 65 % an allen Gesundheitsberufen tragen wir das System.

Ein Mal wöchentlich steht Gedächtnistraining auf dem Programm

"Frohsinn" – auf diesen Namen ist das niederösterreichische Landespflegeheim in Zwettl gleich unterhalb des Krankenhauses getauft. Eine heitere Stimmung ist tatsächlich spürbar, als der KURIER zu Besuch ist. Auch wenn die Pflegekräfte von großen Herausforderungen sprechen, weil sie immer öfter mit Demenz- und psychiatrischen Erkrankungen sowie mit der Hochaltrigkeit zu tun hätten, zeigt sich hier, dass der zwischenmenschliche Umgang nicht zu kurz kommt. "Wir holen die Patienten dort ab, wo sie geistig gerade stehen, und achten auf ihre Biografie, Werte und ihr Verhalten", sagt Pflegedienstleiterin Silvia Neugschwandtner.

Um den mehr als 100 Bewohnern in Zwettl mehr zu bieten, als nur Pflege und Betreuung, spielen ehrenamtliche Mitarbeiter eine zentrale Rolle. Im Haus Frohsinn kommen täglich Freiwillige vorbei, um den Pflegebedürftigen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu geben. Das Angebot reicht von Besuchsdienst über Geschichten vorlesen, Spazieren gehen bis hin zu Musizieren, Stricken oder Basteln.

"Seit drei Jahren spiele ich mit den Bewohnern immer am Dienstag Karten. Es macht Spaß und ist schön zu sehen, wie viel Dankbarkeit man zurück bekommt", erzählt Margarete Weiß, während sie das "Herz Ass" ausspielt, um die "Pik Dame" von Frau Pfeiffer zu stechen.

Nur wenige Meter weiter geht es ruhiger zu. Dort sitzt die frühere Volksschullehrerin Helga Zöhrer, 82, mit drei Hausbewohnern rund um einen Tisch. Darauf liegen unterschiedlich farbige Plastik-Buchstaben. "Wichtig ist, dass die Bewohner ihr Hirn anstrengen müssen", sagt Zöhrer. Deshalb steht einmal in der Woche Gedächtnistraining auf dem Programm. Angelika hat als Aufwärmübung ihren Namen fast fertig buchstabiert vor sich liegen. Es fehlt nur noch das letzte "A".

"Meistens suchen wir uns ein Thema und müssen dazu Begriffe finden. Heute kommt ’Garten’ dran", sagt Zöhrer. Seit dem Tod ihres Mannes ist sie gerne im Pflegeheim, weil sie hinter dieser Tätigkeit eine sinnvolle Aufgabe sieht.

Auch Tiere sind willkommen. "Hummel" ist ein ausgebildeter Therapiehund. Er kann knifflige Aufgaben – "Leckerlis" aus einer Holzdose holen – lösen. "Wir haben die Ausbildung gemacht, damit auch andere mit meinem Hund Spaß haben können", erzählt Besitzerin Margarete Kapeller, die seit 2012 ehrenamtlich tätig ist. "Es ist schön zu sehen, wenn Hummel traurige Menschen zumindest für einen Moment wieder fröhlich machen kann", sagt die Hundebesitzerin.

"Wir spüren, dass diese Abwechslung den Bewohnern gut tut. Uns fehlt oft die Zeit, um uns so intensiv mit ihnen zu beschäftigen. So ist das Ehrenamt eine wichtige Ergänzung zu unserer Pflegearbeit", sagt Neugschwandtner. 2015 stellten in NÖ ca. 1900 Ehrenamtliche 280.000 freiwillige Stunden in den Heimen bereit.