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01.10.2017

Zeugnisverteilung: Wahlplakate im KURIER-Check

Werbeprofi Puttner bewertet für den KURIER die Plakat-Botschaften der Parteien im Wahlkampf-Finale.

Neben dem überaus dichten Programm an TV-Konfrontationen in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen dominieren die Plakate und Videos der Spitzenkandidaten den Wahlkampf. Nur noch zwei Wochen sind es bis zum Wahlsonntag 15. Oktober.

Werbeprofi Gerhard Puttner bewertet für den KURIER die neuesten Plakate und Botschaften der Kandidaten aus werbepsychologischer Sicht – stets mit einem Schuss Humor versehen. Der ausgewiesene Fachmann verteilt dabei wie bei Buch- oder Film-Besprechungen Sterne von 1 (sehr dürftig) bis 5 (sehr gut). "Unglaublich, aber Wahl" amüsiert sich Puttner über mehr oder weniger geglückte Werbeauftritte. Er selbst wurde vor allem mit Markenartikel-Werbung (z. B. "Nur ein Mercedes ist ein Mercedes") und erfolgreichen Politkampagnen bekannt. In dieser Woche gefällt ihm das Sujet von Kanzler Christian Kern "mit dem süßen Mädl" neben sich am besten.

"Kreisky, schau oba" (5 von 5)

Der Titelverteidiger gänzlich neu gewandet: statt Slim-Fit-Anzug, Krawatte und edlem Schnürschuh zeigt sich Christian Kern erstmals leger in Jeans, Hemd und Sneakers. Top-Werber Gerhard Puttner ist von den Kinder-Plakaten angetan: „Christian Kern entwickelt in seiner Werbung jetzt das Idealprofil. Vom coolen Erfolgsmanager zum SPÖ-Kanzler im Dienst, jetzt aber mit persönlichem Human Touch. Und das alles im Kreisky Zimmer mit fröhlichem Kind. Das kann nicht falsch sein.“ Der für die Zielgruppen Frauen und Senioren geradezu ideale Subtext laute: „Ja, der Kreisky, der war noch ana.“

"Kurz Calling" (4,5 von 5)

Im Print und auf Plakaten komme Sebastian Kurz mit sehr viel Stil daher. „Im Fernsehen muss er noch das Steak liefern: Entschlossenheit und Führungsqualität. Krankl hätte gesagt, alles andere ist primär“, meint Puttner. Im neuen Bergsteiger-Video liefert der Kanzlerkandidat das werbepsychologisch geforderte „Aufsteiger-Feeling“. Das Plakat in Schwarz-Türkis verdichtet die Botschaft: „Diesmal Kurz“.

Der ÖVP-Chef setze auf die Wendestimmung im Land, es sei Zeit, es brauche Veränderung, also ihn. Die Botschaft denkbar simpel: Kurz würde Kurz anrufen. Puttner schmunzelt: „Sebastian Kurz ist naturschön, aufpassen muss er vor einer fototechnischen Über-Inszenierung. Und der Blick zurück kann bei seinen Erfolgen ja nicht als ‚Look Back in Anger‘ ausgelegt werden.“

"Bei der Strahlkraft ..." (3,5 von 5)

„HC hat’s vor-gedacht, die anderen nur nach-gemacht“, lautet die blaue Botschaft. „Vorgedacht statt vorgemacht“, assoziiert Puttner mit Heinz-Christian Straches Anspruch. „Hier handelt es sich um ein klares Kapitel aus der Transaktion-Analyse namens ‚Hilfe, ich bin vergewaltigt worden, alles haben sie mir weggenommen‘: Die Flüchtlinge, den Grenzschutz, die Sicherheitsgarantie. Und jetzt kommen die auch noch mit dem Burka-Verbot.“ Werbepsychologisch sei das Sujet freilich ein äußerst gelungenes Beispiel für Political Storytelling. Weniger gelungen sei der übermäßige Photoshop-Einsatz für Straches straffen Look. Stimmig zur Story der „leicht angefressene“ Gesichtsausdruck. Puttner: „Aber jetzt kommt meine HC-Revanche für alle diese anderen Spätzünder. Bei der Strahlkraft meiner blauen Augen!“

"Sag' mir, wo die Wähler sind" (2 von 5)

Von Europa, über Klima bis zu Schwarz-Blau-Pfui serviert Ulrike Lunacek grüne Klassiker. „Sag’ mir, wo die Wähler sind“, assoziiert Puttner liedertechnisch mit so manchem Plakat und Gesichtsausdruck. Im jüngsten Video sieht man die Grünen-Spitzenkandidatin beim Schwimmen, ihrem Lieblingssport. Lunacek wird sehr grundsätzlich, während sie ihre Bahnen zieht. Anders als in so mancher TV-Debatte geht sie im Schwimmbecken nicht unter. Die Botschaft mitunter schon.

"Gute Fee" für Pink (3 von 5)

„Na endlich, herunter mit der Spiegelbildmaske! Spitzenkandidat Matthias Strolz – ohne dynamisierte TV-Bewegungen – lässt galant Irmgard Griss den Vortritt. Der guten Fee, die dem vifen Matthias 19 Prozent im Körberl mitgebracht hat“, lobt Puttner das neue Neos-Plakat.

Jetzt sei auch die geheime Werbebotschaft des Balkens mit der Spiegelschrift über den Augen endlich klar geworden. Puttner: „Es ging von Anfang an um Irmgard Griss.“ Problematisch sei maximal das mitschwingende Eingeständnis: Griss könne als ehemalige Höchstrichterin ihre 800.000 Stimmen vom ersten Durchgang der Hofburgwahl für die Neos zur Nationalratswahl „vorladen“. Der Top-Werber hinterfragt auch die pinke Doppelspitze: „Sind zwei USP’s besser als einer?“

"Meister im 0-Euro-Wahlkampf" (4 von 5)

Peter Pilz schafft mit minimalem Aufwand maximale Aufmerksamkeit. Und er hält werbetechnisch Kurs, wo andere schlingern. Sein einziges Plakat hat er um einen Aufkleber ergänzt. Jetzt verspricht der Ex-Grüne für „Null Euro Steuergeld 100 Prozent Kontrolle“.

Sonst blieb das Bild von Pilz als Adabei im letzten U-Ausschuss hängen. Puttner gefällt die Frische: "Pilz gibt erfolgreich den ‚Hoppla, hier komm’ ich‘. Und er ist der Meister des Null-Euro-Wahlkampfes."