Politik | Inland | Wahl
21.07.2017

Generation Y: Schuhe anzünden statt Suppe ausschenken

Soziales Engagement sieht für die heutigen Jungen ganz anders aus als für frühere Generationen.

Warum die "Generation Y" immer wieder als "Generation der Weltverbesserer" tituliert wird, ist auch Martina Schorn ein Rätsel. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Jugendkulturforschung, Soziologin, Politologin und selbst auch eine Y-lerin, wenn man so möchte. Was ganz klar gesagt werden kann: Die klassische Freiwilligenarbeit ist unter den jungen Menschen weniger beliebt als früher. Immer noch sind es aber insgesamt rund 20 Prozent der jungen Erwachsenen, also anteilsmäßig gleich viele wie in den 1990ern, die sich sozial engagieren. Das Engagement sieht bloß anders aus.

Kurier: Sie beschäftigen sich mit dem Thema Jugend und Ehrenamt. Was halten Sie von der Zuschreibung "Generation Weltverbesserer"?

Martina Schorn: Generell sind Zuschreibungen mit Vorsicht zu genießen. Man muss hier immer zwischen zwei Arten von Jugendlichen unterscheiden: Den sogenannten jugendkulturellen Jugendlichen und den Mainstream-Jugendlichen.

Und worin liegt der Unterschied dieser Gruppen?

Erstere sind jene, die sehr stark die Kultur einer Alterskohorte widerspiegeln, die sich stark im öffentlichen Diskurs einbringen, sichtbar im Internet aktiv sind. Sie sind quasi das Gesicht der Jugend. Mainstream-Jugendliche sind all das nicht. Und wenn man nun Zuschreibungen formuliert, orientiert man sich an den Jugendkulturellen, weil sie für den Zeitgeist stehen.

Die Mehrheit ist aber der Mainstream.

Ganz genau. Alle Jugendlichen sind nicht die "Generation Y", ganz im Gegenteil, es ist eine Minderheit. Es ist immer nur ein kleiner Ausschnitt der Realität, der gewisse Merkmale trägt. Diese Merkmale werden zudem zugespitzt, es handelt sich um die auffälligsten, um jene, die eine gute Unterscheidung von früheren Generationen ermöglichen. Diese Begriffe sind sehr idealtypisch. Den "einen" Jugendlichen, auf den alle Merkmale, die man etwa der "Generation Y" zuschreibt, zutreffen, den gibt es nicht. Es handelt sich um soziologische Konstrukte.

So ist die "Generation Weltverbesserer" als Konstrukt entstanden?

Ja, so ist es. Tatsächlich ist es nämlich so, dass die Bereitschaft, sich sozial zu engagieren, weltverbesserisch tätig werden zu wollen, in den letzten Jahren und Jahrzehnten bei dieser Kohorte im Generationenvergleich rückläufig ist, das heißt, heute engagieren sich weniger Jugendliche im klassischen Sinn, als es noch vor 20 Jahren der Fall war.

Gibt es also kein Engagement mehr von junger Seite?

Doch, aber es hat sich gewandelt. Der Begriff Weltverbesserer bedeutet für diese Generation weniger freiwillige Vereinsarbeit oder Ehrenamt, sondern beispielsweise selbst jungunternehmerisch tätig zu werden. Ein Startup zu gründen, eine gute Idee zu haben, mit der man gesellschaftliche Probleme löst. Apps entwickeln, die auch einen gesellschaftlichen Nutzen haben. Immer aber auch mit einem persönlichen Nutzen verbunden.

Welche Rolle spielt der digitale Wandel?

Eine enorm große. Wenn wir rein von sozialem, freiwilligem, modernem Engagement sprechen, dann gibt es heutzutage bei den Jungen drei verschiedene Formen. Erstens die klassische Freiwilligenarbeit, zum Beispiel Suppe ausschenken für Obdachlose. Zweitens gibt es die Aktivisten, die themenspezifisch laut werden. Das können Globalisierungskritik sein, Konsumboykott, Bewusster Verzicht, Dumpstern, Markenverzicht. Und drittens gibt es die passiven Clicktivisten. Junge Menschen, die sich auf den Sozialen Medien lautstark für gewisse Themen stark machen, die Bewusstsein schaffen, Hashtags etablieren. Ein gutes Beispiel für modernen jugendlichen Aktivismus aus der näheren Vergangenheit ist das Verbrennen der New Balance Schuhe beispielsweise, mit dem man die Marke New Balance boykottiert hat, die Donald Trump im Wahlkampf unterstützt hatte. Dieser Boykott wurde über Social Media verbreitet.

Welche Form ist hierzulande am verbreitetsten?

Die dritte, die Clicktivisten. Innerhalb dieser sind sie eher weiblich. Vor allem auf Instagram findet man großteils Frauen, die sich dort stark machen. Für Themen wie Tierversuche, Bodyshaming oder "Hass im Netz". Interessant ist, dass man Frauen hier eher in den modernen Formen des sozialen Engagements findet. Und Männer immer noch eher in den klassischen Formen, zum Beispiel in Vereinen.

Wenn ein Rückgang der klassischen Freiwilligenarbeit unter den Jungen verzeichnet wird, ist das doch sicher ein Problem für diese Organisationen und auch gesellschaftlich.

Ja, das ist ein Problem. Vor allem in einer Gesellschaft, die immer älter wird. Wo im Pflegebereich ein großer Bedarf an Freiwilligen ist. Was wir den Organisationen als Institut beratend immer mitgeben, ist, sich für die Jungen besser zu öffnen und attraktiver zu gestalten. Langfristige Bindungen interessieren diese Generation dahingehend nicht mehr. Kurze Projekte mit klarem Ziel, wo ein persönlicher Nutzen erkennbar ist, wären gut. Genauso wie den Erlebnischarakter mehr herauszustreichen. Es ist ein sehr pragmatischer Zugang zum Ehrenamt, den die Jungen einnehmen.