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01.10.2017

"Es herrscht ein TV-Duell-Fieber"

Trotz der Flut von 27 TV-Debatten gibt es Rekordquoten. Was die Gründe dafür sind.

Man spricht von einer Inflation und einem Overkill. Gemeint ist der Rekord an TV-Duellen, mit dem die Wähler in diesem Wahlkampf erstmals konfrontiert sind. Stolze 27 TV-Konfrontationen sind es, die die Spitzenkandidaten bis zum Wahltag absolvieren. Addiert man die Sommergespräche und diverse andere Wahlsendungen noch dazu, kommt man sogar auf über 80 Polit-Sendungen (!).

Doch siehe da: Von einer Politik-Müdigkeit ist zur Halbzeit der TV-Duelle – 12 wurden bis jetzt absolviert – nichts zu merken. Weder bei den TV-Sehern, noch bei den Politikern. "Er herrscht eine Stimmung wie bei der Fußball-Europameisterschaft, die die Menschen ergriffen hat – eine Art TV-Duell-Fieber", bringt es Neos-Chef Matthias Strolz es auf den Punkt. Für den pinken Frontman sind die Duelle ein "Energizer".

Rekord für Privat-TV–Sender Puls4

Dieses "Fieber" spiegelt sich auch in den Quoten wider. Der Wahlkampf 2017 entwickelt sich zum TV-Hit. Die Fieberkurve ist gewaltig: Die erste Elefantenrunde auf Puls4 bescherte dem Privatsender Rekordwerte. In den Spitzen waren zu 728.000 Zuseher dabei. Ein Wert, den es noch nie bei Informationsprogrammen im Privat-TV gegeben hat.

Rechnet man die Analyse nach der Elefantenrunde dazu, verfolgten sogar über eine Millionen Zuseher das Match zwischen Bundeskanzler Christian Kern und seinen Herausforderern.

Auch der ORF kann sich trotz der großen Konkurrenz über ein großes Interesse freuen. Die erste Konfrontation zwischen FPÖ-Mann Norbert Hofer und der Grünen Ulrike Lunacek weist bisher die beste Quote auf: 762.000 verfolgten den Schlagabtausch.

Während sich in Deutschland Bundeskanzlerin Angela Merkel nur einer TV-Debatte mit ihrem Herausforderer Martin Schulz stellte, kann SPÖ-Kanzler Christian Kern der Flut an Zweier-Konfrontation überraschenderweise einiges abgewinnen. Mehr noch: "Die vielen Duelle nehmen den Druck. Man hat mehr Chancen, als wenn es nur zwei oder drei TV-Begegnungen gibt", so Kern. Fehler könne "man wieder ausmerzen".

Möglicherweise erinnert sich Kern noch an das TV-Duell zwischen Franz Vranitzky und Wolfgang Schüssel im Wahlkampf 1995. Der Altbundeskanzler kam damals schwer verkühlt ins Studio und wirkte gegen den putzmunteren Schüssel müde und abgekämpft. Weil man Vranitzky vor der Sendung auch noch einen Tee serviert hatte, schwitzte er sichtlich in der Sendung. Damals konnte ein verpatzter TV-Auftritt große Auswirkungen auf das Wahlergebnis haben. Heute heißt es: Nach der TV-Konfrontation ist vor der TV-Konfrontation.

Das ist gut so, weiß Ex-Kommunikationstrainer Strolz, denn "um sich eine Meinung zu bilden, braucht der Mensch sieben Berührungspunkte."

Medienexperte Gerald Gross führt die Rekordquoten auch darauf zurück, dass die Protagonisten allesamt rhetorisch auf höchstem Niveau debattieren: "Sie liefern durch die Bank eine sehr gute Performance ab. Demokratiepolitisch machen die Debatten Sinn, weil man die Kandidaten aus verschiedenen Perspektiven sieht."

Schade um Pilz

Als wirklichen Verlust sieht der Ex-ORF-Mann Gross, die Entscheidung des ORF, Peter Pilz nicht an den Konfrontationen teilnehmen zu lassen. Gerade bei der ersten Elefantenrunde auf Puls4 hat Pilz für Schwung gesorgt. "Er hat einen einzigartigen Stil und ist ein guter Storyteller. In der Elefantenrunde hat der Senior Pilz dem Youngster Kurz erzählt, wie das Leben funktioniert. Das kann nur er." Der Privatsender geht aber nicht nur in der Einladungspolitik andere Wege als der ORF. Auch die Studios und Moderationsstil könnten nicht unterschiedlicher sein. Puls4-Informationschefin Corinna Milborn setzt auf Dynamik und Show-Effekte wie Ja/Nein-Taferln oder Eingangsgeschenke, die die Diskutanten einander mitbringen. Die Spitzenkandidaten fühlen sich in dem modernen Format schnell wohl. "Das Geschenk am Beginn öffnet dich emotional. Wenn Strache Lunacek ein Foto von Eva Glawischnig schenkt, weiß man als Diskutant wohin die Reise in den kommenden 45 Minuten geht", sagt Strolz.

ORF altmodisch, Puls4 dynamisch

Auch die Stehpulte sorgen für mehr Elan in der Diskussion. "Irgendwie ist man angriffiger, wenn man steht. Die Puls4-Duelle polarisieren mehr. Beim ORF-Setting kommt man dafür mehr in die Sachpolitik rein", schildert Strolz seine Innensicht.

Als "langweilig, altmodisch und zu starr" bezeichnet Gross das ORF-Studio. Der Medienexperte ist "enttäuscht, dass der ORF das Setting von den früheren Wahlkämpfen übernommen hat und keine Innovationen bringt.

Und wie beurteilen die Kandidaten ihre Performance selbst? Kanzler Kern ist mit sich und seiner bisherigen TV-Auftritten "im Reinen" und findet sie bis jetzt "sehr passabel." Obwohl er sich bei den Themen mehr Vielfalt wünschen würde. "Ich als Kanzler muss die ganze Breite an Themen abdecken und kann nicht auf One-Hit-Wunder-Themen setzen wie die anderen."

Der pinke Frontman Strolz nimmt die Sache ernst, sucht die Ruhe vor den Live-Auftritten und ist zufrieden, denn er weiß die TV-Duelle können das "Spiel verändern".