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10.10.2017

Kurz gegen Strache: Aggressives Duell statt Kuschelkurs in Schwarz-blau

Am Sonntag kuschelten Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache beim Puls4-Duell noch. Damit war gestern Schluss. Strache unterstellte Kurz "dramatisches Versagen".

Eigentlich rollte Sebastian Kurz gleich in der Minute eins den roten Teppich für seinen blauen Kontrahenten aus. Doch Heinz-Christian Strache verweigerte. Er wollte den ausgebreiteten Red Carpet partout nicht betreten. Statt einen Kuschelkurs suchte Strache vielmehr den Infight mit dem ÖVP-Spitzenkandidaten – und den bekam er dann auch. Phasenweise – vor allem beim schwarz-blauen Kernthema Integration und Zuwanderung – entwickelte sich der Zweikampf zu einem unmoderierten Duell. ORF-Moderator Tarek Leitner bekam die beiden Parteichefs nicht in den Griff. "Strache war hart, aber zivilisiert in der Argumentation", bilanziert Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer.

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Doch zurück zum Auftakt des Duells: Kurz erklärte Strache und sich selbst bereits zum zweiten Mal innerhalb von 48 Stunden zu den aussichtsreichsten Anwärtern für das Bundeskanzleramt. Davon wollte der blaue Parteichef nichts wissen.

Strache definierte vielmehr in den ersten fünf Minuten sein Ziel: Sich als den Schmied und den "jungen sympathischen Mann", wie Strache Sebastian Kurz nannte, als den Schmiedl darzustellen. "Da wusste man sofort, dass der Ton rau werden würde", sagt Mediencoach Gerald Groß, der für den KURIER die Wahlduelle beobachtet.

Der FPÖ-Chef unterstellte dem Außenminister ein "dramatisches Versagen" bei der Integration und vor allem im Jahr 2015 als die Flüchtlinge unkontrolliert nach Österreich kommen konnten. Es hagelte einen Vorwurf nach dem anderen. Strache listete akribisch auf, mit welchen Zitaten Kurz in den vergangenen Jahren aufhorchen ließ. Etwa, dass der "Islam zu Österreich gehöre." Oder: "Dass der durchschnittliche Zuwanderer gebildeter ist als der Österreicher". Detto kritisierte Strache, dass Kurz den Muslimen zum islamischen Opferfest gratulierte. "Das ist nicht mein Integrationsverständnis."

Lange hatte man den "alten Strache" gesucht bei den bisherigen TV-Duellen, vier Tage vor der Wahl tauchte er plötzlich wieder auf: Aggressiv, hart – kombiniert mit persönlichen Angriffen.

Antisemitische Codes

Vielleicht zählte zu diesem Konzept auch, antisemitische Signale auszusenden. Denn der FPÖ-Chef warf Kurz vor, eine 100.000 Euro Spende von Georg Muzicant erhalten zu haben. Jener Muzicant sei aber auch gleichzeitig an der Foresight-Company von Evelyn Steinberger-Kern beteiligt. Hier ortete der FPÖ-Chef zwielichtige Seilschaften zwischen SPÖ und ÖVP.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Familie Muzicant zum Thema in der Politik wird. Zur Erinnerung: Vater Ariel Muzicant war schon ein Opfer des verstorbenen FPÖ-Chefs Jörg Haider. Sein Sager "Wie kann jemand Ariel heißen, der soviel Dreck am Stecken hat?" sorgte seinerzeit für einen Skandal. Autor dieses antisemitischen Zitats war übrigens der heutige FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl.

Welche Botschaft Strache mit dieser Aussage aussenden wollte, blieb den Experten rätselhaft. So auch OGM-Chef Bachmayer – er konnte die genaue Ursache nicht erkennen oder ausmachen, ob antisemitische Reflexe dafür verantwortlichen waren. "Eigentlich hätte er dieses Argument bei der Diskussion mit Christian Kern einbringen sollen. Das hätte den Kanzler viel mehr in die Bredouille gebracht als Kurz", so Bachmayer.

Doch wie reagierte Kurz auf die Attacken des Blauen? Gelassen und punktuell auch überraschend flapsig. Etwa als er Straches Kritik angesichts der Versäumnisse in der Flüchtlingsfrage so konterte: "Herr Strache, Sie sind im falschen TV-Duell und glauben, dass Sie einem Vertreter des linken Flügels gegenübersitzen."

Chamäleon Strache

Der FPÖ-Chef entpuppte sich während des Duells zu einem politischen Chamäleon. "Mal schlüpfte er in die Rolle eines Roten, dann gab er sich sogar als Grüner aus, als er gegen CETA wetterte und fürchtete, dass Gentechnik-Produkte durch die Hintertüre kommen", so Groß.

Zum Finale bekam Strache nochmals die Chance, Kurz herabzuwürdigen. Tarek Leitner wollte wissen, ob die FPÖ einer Richtlinienkompetenz für den Bundeskanzler zustimmen würden? "Es ist ein Armutszeugnis, wenn man so etwas als Bundeskanzler braucht", meinte der FPÖ-Chef.

Fazit der Experten: "Strache scheint erkannt zu haben, dass der Kuschelkurs, wie man es beim Puls4-Duell erlebt hat, für ihn tödlich ist. Seine Wähler wollen keinen streichelweichen Strache", urteilen Gerald Groß und OGM-Chef Bachmayer unisono.