Christian Kern: Die Lockerheit des Pizzaboten fehlt

PLAKATPRÄSENTATION SPÖ: KERN
Foto: APA/HANS KLAUS TECHT Christian Kern am Feitag bei der Präsentation der neuen Plakatkampagne.

Die SPÖ versucht sich im Linkspopulismus. Ihr jüngstes Video symbolisiert den Strategiewechsel.

Der Kanzler sitzt an einem mächtigen Holztisch, er hat Vertraute um sich geschart, darunter zwei Minister.

Die Wände sind vertäfelt, Stehlampen spenden bescheidenes Licht. Und nachdem eine "Expertin" eine ganze Reihe an ausnehmend erfreulichen Wirtschaftsdaten referiert hat, steht Christian Kern mit bierernster Miene auf, dreht sich zum Publikum und sagt Sätze wie: "Obwohl Österreich reich geworden ist, spüren Sie es nicht!" und "Verlangen Sie das, was Ihnen zusteht!"

Seit Freitagabend kursiert im Netz das Video "Was Ihnen zusteht. Episode 1".

Zehntausende haben es binnen weniger Stunden angeklickt. Es ist der Auftakt einer Reihe an Spots, mit denen die SPÖ von nun an jeden Freitag jeweils um 20.15 Uhr für erhöhte Aufmerksamkeit auf der Facebook-Seite des SPÖ-Chefs sorgen will.

screenshot.PNG Foto: Screenshot SPÖ

Die Bildsprache ist an die Politik-Serie "House of Cards" angelehnt, heißt es in der Wahlkampfzentrale der SPÖ. Und tatsächlich erinnert die Inszenierung dramaturgisch an die erfolgreiche US-Serie, wobei: Mit Serien-"Held" Frank Underwood, also dem Fleisch gewordenen Bösen in der Politik, will und soll Christian Kern selbstredend nicht assoziiert werden.

Robin Wright, Kevin Spacey, Michael Kelly, 5 Foto: AP/David Giesbrecht Nur in Sachen Ästhetik ein Vorbild: Frank Underwood in der Polit-Serie 'House of Cards'

Für den KURIER haben der Chef des OGM-Instituts, Wolfgang Bachmayer, und der Medientrainer und frühere ORF-Anchorman Gerald Gross das Werbe-Video analysiert. Und sowohl die politischen Inhalte wie auch die Optik des rund eineinhalbminütigen Wahlkampf-Streifens sind ausnehmend aufschlussreich, was künftigen Kurs und Kampagne der Sozialdemokraten angeht.

"Der Spot illustriert bzw. dokumentiert nicht weniger als einen Strategiewechsel der SPÖ", sagt Wolfgang Bachmayer. "In Wels (bei seiner Grundsatzrede) hat Kern den smarten Ex-Manager gegeben, der Österreich und die SPÖ mit einer modernen und optimistischen Vision der Sozialdemokratie in die Zukunft führen wollte."

Davon sei im aktuellen Spot – wie überhaupt in der gesamten SPÖ-Kampagne – wenig übrig: ",Holt Euch, was Euch zusteht’, das ist ein offensiver, fast aggressiver Slogan, der an den Klassenkampf erinnert. Für eine Gewerkschaft passt das gut – aber zu einem Vertrauen vermittelnden Kanzler?"

Bachmayer hält den Strategiewechsel der Roten zwar generell für richtig: "Die SPÖ muss versuchen, die negative Abwärtsspirale zu durchbrechen."

Gleichwohl sei es fraglich, ob Christian Kern die richtige Führungsfigur für einen Wahlkampf nach dem Motto "Vorwärts Genossen, zurück in die Vergangenheit!" sei.

Warum glaubt Bachmayer das? "Kerns Image war bislang das des smart-modernen Managers und Sozialdemokraten. Jetzt propagiert er einen linkspopulistischen Kurs, der nicht davor zurückschreckt zu sagen: ,Hol Dir dein Stück vom Kuchen’ – der also auch an Neid-Motive appelliert."

Ob linkspopulistisch oder nicht, darüber will Gerald Gross gar nicht groß urteilen.

Der frühere ORF-Moderator ortet aber ebenfalls einen Wechsel – und zwar in der handwerklichen Bildsprache.

"Das Video, in dem sich der Kanzler als Pizzabote präsentierte, war ein Versuch kreativ zu sein – zudem ein eher humorbetonter."

Das sei beim aktuellen Video nun anders: "Für gewöhnlich inszenieren sich Regierungschefs in Räumen mit viel Glas und durchlässigen Stahlkonstruktionen – man will Überblick und Transparenz kommunizieren", sagt Gross. Das sei im erwähnten Streifen nicht der Fall: "Die Bildsprache ist eher düster, man sieht viel dunkles Holz, die Atmosphäre ist festungsartig." Und während die gespielte Expertin zwar extrem erfreuliche Fakten und Wirtschaftsdaten referiere, sitze der Kanzler mit einer sehr ernsten Miene im Bild. Gross: "Es fehlt ihm, wenn man so will, hier ein bisserl die Lockerheit des Pizzaboten."

(kurier) Erstellt am
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