Politik | Inland
03.11.2015

Verschwörungstheorien im rechten Milieu

Antisemitismus und Verschwörungstheorien haben im Netz Hochkonjunktur.

Die USA, oder genauer: das jüdische Finanzkapital, haben die Flüchtlingskrise ausgelöst, um ein Ziel zu erreichen: Sie wollen Europa wirtschaftlich ruinieren.

So lautete zusammengefasst die Behauptung, die die FPÖ-Nationalratsmandatarin Susanne Winter am Wochenende auf ihrer Facebook-Seite zustimmend kommentierte – und die sie nun die Partei-Mitgliedschaft kostet. Die Theorie, wonach die Geschehnisse in Europa auf einen perfiden Plan der Wall Street zurückzuführen seien, gehört zum Bizarrsten, womit Verschwörungstheoretiker aufwarten. Tatsache ist, dass sich die wirren Behauptungen im Internet hartnäckig halten und schnell verbreiten. Der KURIER hat die krudesten Theorien unter die Lupe genommen.

"Die USA haben den Islamischen Staat gegründet und sind hauptverantwortlich für die Flüchtlingswelle."

Diese und andere irrwitzige Theorien verbreiten Menschen wie Selfmade-Millionär Ronny Seunig. In einem von Seunig finanzierten Magazin, das in einer Auflage von 200.000 Stück erscheint und von Ex-FPÖ-Klubchef Peter Westenthaler redaktionell unterstützt wird, schwadronieren Autoren über die Welt-Verschwörung – inklusive der These, die USA hätten bei 9/11 das World Trade Center selbst gesprengt.

Einer empirischen Überprüfung halten derlei Behauptungen nicht stand. "Wer glaubt, die USA stünden hinter der Gründung bzw. Organisation des Islamischen Staates, der blendet völlig aus, was der IS tut. Er hat keine klare Struktur, agiert teils erratisch, jedenfalls aber gegen die Interessen der USA", sagt Vedran Dzihic vom Österreichischen Institut für Internationale Politik (OIIP) zum KURIER.

Der IS unterstütze die USA nicht, sondern gefährde wesentliche außenpolitische Ziele wie die Sicherheit Israels oder die Sicherheit strategisch wichtiger Erdöl-Vorkommen. "Die USA sind eher ratlos, wie dem IS beizukommen ist. Die Behauptung, wonach sie hinter dem IS stünden, ist schlichtweg stupide."

"Die USA versuchen die Zahl der Flüchtlinge hochzuhalten, um die Europäer mit Zuwanderern zu vermischen. Ziel: Der IQ soll gesenkt, die Identität zerstört werden."

"Die Behauptung einer systematischen und verschwörerischen ,Umvolkung‘ zum Zweck der leichteren Beherrschbarkeit der in lauter Individuen zerfallenden Gemeinschaft ist fixer Bestandteil antisemitischer Diskurse", sagt Andreas Peham, Experte für Rechtsextremismus am Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. Das Problem bei dieser Verschwörungstheorie: Sie ist nicht nur nicht belegbar, sondern auch extrem rassistisch.

"Die ,Asyl-Industrie‘, zu der NGOs und Politiker gehören, verdient sehr gut an der Flüchtlingskrise."

Zu den rhetorisch geschicktesten Vertretern dieser These gehört der deutsche Publizist Udo Ulfkotte. In online-Interviews (darunter das FPÖ-nahe unzensuriert-tv) behauptet Ulfkotte, Politiker und NGOs wie die Caritas würden sich "die Taschen vollstopfen".

"Es ist perfid zu behaupten, Flüchtlingshilfe sei ein Geschäft", sagt Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Wien. "Ohne Spenden und freiwillige Arbeit wäre die Betreuung nicht zu schaffen", sagt Schwertner und bringt ein Beispiel: "Bei jeder Wohngemeinschaft mit minderjährigen Asylwerbern (Kinder, die rund um die Uhr betreut werden) schießen wir im Jahr zwischen 50.000 und 70.000 Euro aus Spenden zu."

Sepp Schellhorn gehört zu jenen Politikern, denen gern unterstellt wird, sie würden von der Flüchtlingskrise profitieren. Der Neos-Abgeordnete ist im "Zivilberuf" Gastwirt und hat in seinem Betrieb Flüchtlinge untergebracht. Zu dem Vorhalt, er verdiene an der Zuwanderung, schüttelt er fassungslos den Kopf: "Ich bekomme 12,5 Euro pro Tag und Flüchtling, sonst nichts." Damit sind Kost und Logis abgegolten; die kolportierten "Prämienzahlungen" sind laut Schellhorn nichts als eine Lüge.

"Das internationale jüdische Finanzkapital hat Flüchtlingskrise und Syrien-Konflikt initiiert, um Europa wirtschaftlich zu schwächen."

Abgesehen davon, dass diese Weltverschwörungstheorie klar antisemitisch ist, widerspricht sie völlig den wirtschaftlichen Fakten. Laut Untersuchungen des Zentrums für Transatlantische Beziehungen an der renommierten Johns Hopkins Universität sind die USA und Europa die füreinander wichtigsten Handelspartner: 55 % des globalen Investments der Vereinigten Staaten fließen direkt nach Europa. Und mit rund 740 Milliarden US-Dollar (Stand: 2013) haben die USA allein in der Bundesrepublik Deutschland um mehr als ein Drittel mehr Kapital investiert als in ganz Südamerika. "Wenn es weltweit zwei Partner gibt, dann die EU und die USA", sagt OIIP-Experte Dzihic. Es sei nachgerade absurd, dass die Amerikaner diese Beziehung zerstören wollten. "Das würde ihnen unmittelbar selbst schaden."

Wer Verschwörungen verbreitet, der lügt

Hätten wir die Frau Abgeordnete zum Nationalrat Susanne Winter einfach ignorieren sollen? Antisemitische Rülpser hören wir schon lange, nicht nur, aber fast nur aus der FPÖ. Oder den Abgeordneten Höbart, Obmann der NÖ-FPÖ, der es wirklich lustig findet, dass Flüchtlinge im Mittelmeer zu Tausenden ertrinken? Ja, vielleicht, aber nur dann, wenn wir endgültig resigniert hätten, dass es ein Mindestniveau in der öffentlichen Diskussion geben sollte. Tun wir aber nicht.

Die Buberln des Jörg Haider waren stolz auf ihre mangelnde Bildung. Frischfröhlich formulierten sie jeden denkbaren Unsinn – "Wiesenthal hat in der Pfeife vom Jörg Platz" – und meinten dann lächelnd, sie hätten nicht gewusst, was sie da gesagt haben. In Straches Truppe ersetzen viele Unbildung durch Halbbildung, die sie in obskuren Internet-Seiten finden. Da heißt es, dass Jörg Haider ermordet wurde, weil er Juden und Freimaurern im Weg war. Es gibt Websites, wo fantasiert wird, dass Kondensstreifen von Flugzeugen uns als "Chemtrails" vergiften. Dann weiß jemand, dass die USA Flüchtlinge nach Europa schicken, um uns zu zerstören, während andere Weltverschwörer ganz sicher wissen, dass Merkel, Faymann und natürlich auch die FAZ nur sagen und schreiben dürfen, was der amerikanische Präsident anschafft. Der hat zwar wenig Zeit, weil er gerade einen Weltkrieg gegen China plant, aber nachdenken darf man bei diesem Irrsinn ohnehin nicht.

Das alles ist erfunden, dumm und wirr. Das soll lesen, wer will. Dass aber FPÖ-Chef Strache, der je nach Lage Bürgermeister oder Bundeskanzler werden will, zu dem Schwachsinn sagt, man wisse nicht so genau, ob nicht doch etwas dran ist, muss uns allen Sorgen machen. - Helmut Brandstätter