Rubina Möhring, Präsidentin von Reporter ohne Grenzen Österreich.

© KURIER/Franz Gruber

Unsere Präsidenten
10/27/2016

Querdenkerin, die sich für Pressefreiheit einsetzt

Österreich steht ohne Präsidenten da? Mitnichten! Rubina Möhring ist Präsidentin von Reporter ohne Grenzen Österreich. Mit Video-Ansprache.

von Christian Schwarz

(Über 120.000 Präsidenten gibt es in Österreich. Einige von ihnen porträtieren wir in unserer neuen kurier.at-Serie "Unsere Präsidenten" - so lange, bis Österreich wieder einen Bundespräsidenten hat)

Wir schreiben das Jahr 2001. Es ist die Zeit der blau-schwarzen Koalition in Österreich. Rubina Möhring ist Redakteurin bei der Zeit im Bild (ZiB) im ORF. Für eine Abend-ZiB hat Möhring einen Beitrag über die Klage von Ariel Muzicant gegen Jörg Haider vorbereitet. Der Kärntner Landeshautpmann hatte den damaligen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde bei einer seiner berüchtigten Aschermittwochs-Reden schwer beleidigt („Ich verstehe überhaupt nicht, wie einer, der Ariel heißt, so viel Dreck am Stecken haben kann“). Auf einmal erfährt die Redakteurin, dass der Bericht auf die quotenschwache Mittags-ZiB verschoben wurde. Der Beitrag „hat dem Herrn Westenthaler gar nicht gefallen“, sagt Rubina Möhring und kann heute darüber lachen. Nach der politischen Intervention ist klar, man möchte sie nicht mehr in der ZiB-Redaktion haben, sie wird in die Wissenschaftsredaktion abgeschoben. Querköpfe wie Rubina Möhring sind zur damaligen Zeit in der im in der Nachrichtensparte offenbar unerwünscht.

"Dann dachte ich mir: ist eh schon wurscht"

Bald darauf wird ihr der Posten als Präsidentin von Reporter ohne Grenzen Österreich angeboten. Dann kam in Möhring wieder der Querkopf durch: „Ich habe mir dann gedacht, ob ich beruflich noch mehr Ärger haben will. Dann sagte ich zu mir selbst ‚ist eh schon wurscht‘ und habe das Angebot angenommen“. Ihr war auch wichtig ein Vorbild für die jungen Kolleginnen und Kollegen zu sein, um ihnen zu zeigen, dass man noch mit aufrechtem Gang durch den ORF gehen könne. Das Angebot für den Präsidentinnen-Posten bekam sich damals von Franz Bauer, Präsident der Journalistengewerkschaft. „Als Franz dann nochmal gewählt wurde, war das für ihn nicht mehr miteinander vereinbar“, sagt Möhring, „dann hat er mich gefragt, ob ich das machen will“. In der Nichtregierungsorganisation engagiert sie sich neben ihrer Arbeit im ORF für die Meinungs- und Pressefreiheit und setzt sich für die Rechte von Journalisten weltweit ein.

Da war Rubina Möhring bereits über 30 Jahre in Österreich. Die gebürtige Deutsche wollte zuerst gar nicht nach Österreich. 1967 bekam ihr Vater Philipp, Rechtsanwalt am Bundesgerichtshof, und seine Familie die österreichische Ehren-Staatsbürgerschaft verliehen. Deshalb wollte ihr Vater, dass sie das Land kennenlernt. Im Winter 1969 kam sie im Alter von zwanzig Jahren nach Wien, um Geschichte zu studieren. Während dieser Zeit formte sich auch ihr Wunsch, Journalistin zu werden. „Ich bin irrsinnig neugierig und wissbegierig und hatte das Bedürfnis mein Wissen mitzuteilen und nicht nur für das eigene Schatzkästchen zu arbeiten“, sagt Möhring.

Alle setzten sich, "ich stand auf und ging"

Weiter bestärkt in ihrer Entscheidung, hat sie die Erinnerung an ihre erste Vorlesung an der Universität Wien. „Damals trug ich Schlabberpulli, Jeans, Turnschuhe. Um mich herum im Hörsaal saßen Mädchen mit Faltenröcken, Haarreifen und Seidenschals. Die Burschen trugen keine Jeans, sondern richtige Hosen, hatten ordentliche Seitenscheitel“. Alles sehr bieder und ordentlich. Als dann der Professor den Saal betrat standen alle Studenten auf. Rubina Möhring blieb sitzen. „Dann ging der Professor vor zum Katheder und forderte die Studenten auf sich zu setzen. Alle setzten sich. „Ich stand auf und ging“, das war nicht die Welt eines Querkopfs. „Daraufhin wollte ich herausfinden, ob ich zur Journalistin tauge“ - gegen den Willen ihres Vaters.

Im Sommer 1970 bekam sie die Möglichkeit bei der österreichischen Tageszeitung Die Presse als Volontärin anzufangen. „Das war die beste Schule, die ich mir vorstellen konnte. Dort hat man richtig recherchieren und einen guten Schreibstil gelernt“, sagt Möhring. Nach zwei Jahren stand sie dann vor der Entscheidung: „Bleibe ich oder gehe ich, werde ich zur ‚Mumie‘ oder bleibe ich lebendig?“ Die Presse galt unter dem damaligen Chefredakteur Otto Schulmeister als sehr konservativ. „Ich hatte Angst, dass ich mich mit 22 Jahren zu sehr anpassen würde“.

Nach ihrer Zeit bei der Presse beendete Möhring ihr Studium und bekam danach 1976 die Chance beim ORF anzufangen. Eine Sendung, die „genau mein Ding war“: dem Club 2, bekannt dafür gesellschaftskritische Themen aufzugreifen. Mit der Geburt ihres ersten Sohnes einige Jahre später schaltete sie bewusst eine Gang zurück, Familie ist ihr wichtig. Zu damaligen Zeit kam ihre Mutterpause beim ORF nicht gut an: „Für Einige war es eine Zumutung, dass ich mir erlaubte als 32-jährige Journalistin ein Kind zu bekommen“, sagt Möhring, „ein Kollege hat damals sogar zu mir gesagt, du wirst das büßen müssen, kriegst ein Kind auf Kosten des Hauses“. Musste sie dann doch nicht: Später wurde sie Vorsitzende des ORF-Frauenauschusses und Initiatorin des ORF-Kindergartens. „Und dann habe ich mich getraut auch noch ein zweites Kind zu bekommen“, sagt Möhring und lacht. Im ORF arbeitete sie dann noch bis ins Jahr 2010, nach der ZiB im Kultur- und Wissenschaftsressort und dann als Redaktionsleiterin von 3sat. Seither ist sie als freie Autorin und Journalistin tätig.

Noch kein Nachfolger in Sicht

Ihre Arbeit bei Reporter ohne Grenzen führte sowohl für den Verein als auch für sie zu ungeahnter Popularität in Österreich, wie Möhring selbst sagt, „vor allem weil ich sehr aktiv und schnell war“. So organisierte sie bereits in ihrem ersten Jahr als Präsidentin den „Press Freedom Award“, der seither jährlich an Journalisten aus Ost- und Südosteuropa vergeben wird. Der Preis mache Menschen sichtbar, „die aktiv für demokratische Werte arbeiten und leben“, wie auf der Website von Reporter ohne Grenzen zu lesen ist. Mittlerweile macht Rubina Möhring ihre Arbeit bei Reporter ohne Grenzen seit 15 Jahren. Dabei hatte sie nie vor den Posten so lange auszuüben. „Langsam wird es an der Zeit an jemand anderen zu übergeben“, sagt sie. Nachfolger hat sie bisher leider noch keinen ins Auge gefasst. „Da braucht es jemanden mit Rückgrat, der gut vernetzt ist und viel weiß“. Einen Querkopf eben, wie Rubina Möhring.

Zu Reporter ohne Grenzen

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