Politik | Inland
11/24/2012

Türkische Politiker an Türken: „Lernt Deutsch!“

Staatssekretär Kurz sicherte sich bei einer Türkei-Tour Unterstützung für bessere Integration.

Ankara an einem trüben Novembertag. Während von der nahen Moschee der Muezzin zum Gebet ruft, trifft Integrations-Staatssekretär Sebastian Kurz prominente türkische Politiker und Behördenvertreter.

Kurz hofft – wie berichtet – auf Rückenwind für seine Integrationspolitik. „Bei der Integration der Türken haben wir in Österreich massive Versäumnisse“, klagt Kurz – und nennt ein Beispiel: „50 Prozent der Frauen mit türkischen Wurzeln können schlecht oder gar nicht Deutsch.“ Auch der Erwerbsanteil sei unterdurchschnittlich. Kurz will das ändern – und sucht Unterstützung bei der türkischen Regierung.

Zwei Sprachen

War man bisher recht zurückhaltend, kommen nun aus Ankara neue Töne: „Die Türkei hat den Wunsch, dass die türkischen Bürger im Ausland die Sprache des Landes und dessen Kultur sehr gut erlernen, aber gleichzeitig ihre eigene Kultur und Sprache nicht vergessen“, meint der türkische Vize-Premier Bekir Bozdag. Sprich: Lernt Deutsch und Türkisch. 2013 will der Vizepremier diese Botschaft auch bei einem Besuch in Wien verbreiten.

Ähnliche Worte kommen auch vom Europaminister Egemen Bagis: Er freue sich über jeden Österreicher mit türkischen Wurzeln, der auch die Muttersprache seiner Eltern lerne. Wesentlich entscheidender sei aber: Wer in Österreich lebe, müsse auch Deutsch lernen.

Positive Signale

Österreichs Staatssekretär Kurz hofft nun, dass die Appelle hierzulande bei den rund 300.000 Menschen mit türkischen Wurzeln auf fruchtbaren Boden fallen: „Die Signale waren sehr positiv“, meinte Kurz, schließlich hätten Türken in Österreich einen wesentlich stärkeren Bezug zum Heimatland als andere Migrantengruppen.

Sorgte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan 2008 noch für helle Aufregung in Deutschland, als er Assimilierung als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnete, sprechen Beobachter von einer Trendwende im 74-Millionen-Einwohner-Land.

Beweis dafür sei etwa das 2010 gegründete Präsidium für Auslandstürken, das sich um die fünf Millionen Türken im Ausland kümmere. Dessen Präsident, Gürsel Dönmez, verspricht Kurz auch in anderen Bereichen Unterstützung – und richtet seinen Landsleuten aus: „Die Partizipation der Frau im Arbeitsbereich ist eine Bereicherung für jedes Land.“ Auch die bessere Ausbildung von türkischen Jugendlichen sei ihm ein Anliegen.

Welche konkreten Taten auf die versprochene Hilfe folgen, bleibt vorerst freilich offen. Zumindest beim umstrittenen Thema Imam-Ausbildung will Kurz aber recht zügig Fakten schaffen (siehe unten).

Das Angebot des Europaministers, auch Lehrer nach Österreich zu schicken, die Türkisch lehren, lehnte Kurz jedoch ab – es gebe bereits ein ausreichendes Angebot.

Kurz: „Wir brauchen österreichische Imame“

Seit 100 Jahren ist der Islam in Österreich offiziell als Religion anerkannt. Doch jetzt zeichnet sich eine größere Reform am Horizont ab: Staatssekretär Kurz will Imame aus Österreich. Die aktuellen Prediger in den Moscheen seien für die Integration nicht gerade förderlich. Kurz über:

  • die aktuelle Situation: „Wir haben 300 Imame in Österreich, die fast alle der staatlichen Kontrolle aus der Türkei unterliegen. Wir streben hier eine Veränderung an. Wir brauchen österreichische Imame statt Imame aus dem Ausland. Wir brauchen Imame, die unsere Kultur kennen, das Land kennen, Deutsch sprechen, die die richtigen religiösen Ansprechpartner sind für Menschen mit muslimischem Glauben –, die oft sogar in Österreich geboren sind.
     
  • den Grund für eine Reform: „Diese Imame sind oft die wichtigsten Multiplikatoren und Ansprechpartner für junge Muslime in Österreich. Ich will, dass man selbstbewusst Österreicher und Moslem gleichzeitig sein kann.“
     
  • die neue Imam-Ausbildung: „Die Ausbildung zum Imam wäre an einer öffentlichen heimischen Universität am besten aufgehoben. Es gibt schon Gespräche mit der Universität Wien, wie die Ausbildung aussehen könnte. Wichtig ist, dass es Transparenz gibt und dass die Unabhängigkeit vom Ausland gewährleistet ist.“
     
  • die Umsetzung der Vorschläge: „Wir führen sowohl mit der Uni Wien als auch mit der islamischen Glaubensgemeinschaft gute Gespräche. Das Thema ist Gegenstand im Dialogforum Islam. Mit Ende dieses Dialogforums könnte man beginnen, das an einer Universität einzurichten. Ich denke, ein Start im Jahr 2014 wäre ein gutes Ziel.“