Politik | Inland
18.12.2017

Türkis-Blau I: Kleine Pannen, große Harmonie

Anders als der Vorvorgänger bemühte sich Alexander Van der Bellen um eine versöhnliche Regierungseinführung. Er forderte Respekt und Achtsamkeit bei der Sprache – von allen in der Politik.

Eine Angelobung, für die 1500 Polizisten ausrücken, ist ernst genug, da darf man ausnahmsweise mit den leichteren Details beginnen: Der Bundespräsident macht sich nicht viel aus akademischen Titeln; und bisweilen vergisst er – aus Vorfreude auf ein Gläschen Sekt – aufs Protokoll.Wir sind in der Hofburg, genauer: im früheren Schlafzimmer Maria Theresias. Und hier wird – auf einem Tischchen, das schon 1955 bei der Unterzeichnung des Staatsvertrages gute Dienste leisten durfte, der Pakt zwischen Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache besiegelt."Ernennung und Angelobung" heißt die Zeremonie, die Alexander Van der Bellen lächelnd und nicht ohne Überraschungen bewältigt. Da ist zunächst die Sache mit den akademischen Titeln: Die lässt das Staatsoberhaupt, selbst Universitätsprofessor und Doktor, einfach weg. Nicht, weil der Kanzler in spe oder manch anderer Minister keine akademischen "Würden" hat und man ihnen mögliche Blöße ersparen möchte, nein, nein. Der Grund ist trivialer, praktischer: Herrn Van der Bellen ist die Titel-Nennerei "zu umständlich", wie er sagt. Und mit der Beruhigung, dass die akademischen Abschlüsse in den Ernennungsurkunden vermerkt bleiben, ist die Sache gegessen.

Goldene Adler

A propos Urkunden: Die schönen Stücke werden in weißen Mappen mit einem goldenen Bundesadler verliehen. Dass es dazu beinahe nicht gekommen wäre, liegt an der Geschichte mit den Erfrischungen: Nachdem der Bundespräsident Minister und Staatssekretäre per Handschlag vereidigt hat, bittet er die Regierungsmannschaft ins benachbarte Jagdzimmer – Sekt und Orangensaft stünden bereit. Aufmerksame Mitarbeiter der Präsidentschaftskanzler erlauben sich einen Zwischenruf: "Herr Präsident, die Urkunden!" Woraufhin sich Van der an den Kopf greift und selbigen schüttelt. Natürlich müssen die Ressortchefs erst die Ernennungsurkunden unterschreiben, ehe sie ins grün tapezierte Jagdzimmer abmarschieren dürfen.Ein protokollarischer Fehltritt, mon dieu!

Scherzen, Schäkern

Obwohl Van der Bellen zuvor schon fast Heinz-Christian Strache beim Händeschütteln vergessen hätte, verpuffen seine kleinen Hoppalas und trüben die Stimmung kaum, im Gegenteil: Kurz und Strache nehmen alles gelassen hin. Man scherzt und schäkert. Und das liegt wohl daran, dass – mit Ausnahme des Kanzlers – ohnehin die gesamte Regierungsmannschaft unerfahren ist in politischen Hochämtern wie einer Angelobung. Zur vergleichsweise entkrampften Stimmung trägt an diesem Tag auch bei, dass das Staatsoberhaupt tunlichst darauf verzichtet, Gesten zu setzen, die ihm als Missbilligung ausgelegt werden könnten. Anders als Vorvorgänger Thomas Klestil – er trug bei der Zeremonie Begräbnisblick und ließ der schwarzblauen Regierung im Jahr 2000 aus Protest nur Wasser und Orangensaft kredenzen – übt sich Van der Bellen in merklicher Versöhnlichkeit. Nein, er ist kein Fan der Freiheitlichen. Nie gewesen. Doch noch vor der protokollarischen Vereidigung stellt das Staatsoberhaupt in einer kurzen Rede klar, dass sich die Regierungsspitze in den vergangenen Wochen ausnehmend passabel verhalten habe: "Kooperativ und lösungsorientiert" sei man gewesen. Und damit das so bleibe, sei gegenseitiger Respekt gefragt. Insbesondere was Andersdenkende und Minderheiten angehe.

An einer Stelle mahnt Van der Bellen zu Achtsamkeit bei der Sprache. Und als er in die Reihe der Minister schaut, nickt ausgerechnet ein Herr namens Kickl. Es ist schwer zu beschreiben, warum man Van der Bellen an diesem Tag durchaus glaubt, dass er dieser Regierung Erfolg wünscht. Aber vielleicht ist es einfach nur der Vergleich. Während sich Van der Bellen bei der Vereidigung Zeit nimmt und selbst mit seinem früheren Kontrahenten Norbert Hofer ausführlich plaudert, geht die Amtsübergabe später im Kanzleramt anders vonstatten. Sebastian Kurz und Christian Kern treffen sich nur kurz fürs Foto. Ein Händedruck, ein knappes "viel Erfolg". Sichtbare Wertschätzung? Nicht heute. Und nach 50 Sekunden ist alles vorbei.