Politik | Inland
21.05.2017

TED – oder was wir über die Zukunft wissen sollten

Jährlich versammeln sich knapp tausend Menschen, die überzeugt davon sind, dass alle Probleme durch die Kraft von Ideen lösbar sind. Ein Essay von Andreas Salcher.

Wenn ein Roboter auf der Bühne tanzt und ebenso "standing ovations" erhält wie ein junger Historiker, der das bedingungslose Grundeinkommen fordert, wenn Papst Franziskus als Überraschungssprecher aus Rom zugeschaltet wird, wenn Serena Williams Einblicke gewährt, wie sie trotz Schwangerschaft die Australien Open gewann, und wenn Tesla-Gründer Elon Musk erste Bilder von seinem Plan zeigt, ganz Los Angeles zu untertunneln, dann ist "TED-Time". Jedes Jahr versammeln sich knapp tausend Menschen auf der TED-Konferenz, die davon überzeugt sind, dass alle großen und kleinen Probleme der Menschheit durch die Kraft von Ideen lösbar sind.

Unter den Teilnehmern befinden sich Bill Gates, die Google Gründer Larry Page und Sergey Brin, Amazon Boss Jeff Bezos ebenso wie Filmstars wie Cameron Diaz oder dieses Jahr Bollywood Superstar Shah Rukh Khan. TED steht für Technology, Entertainment, Design und bezieht seine wachsende Bedeutung durch die kostenlosen Vorträge auf der Website www.ted.com, die bereits mehr als drei Milliarden Mal abgerufen wurden. Heuer in Vancouver war das achte Mal, dass ich bei einer TED Konferenz dabei sein durfte. Exklusiv für die KURIER-Leser fünf Erkenntnisse, die ich mitgenommen habe:

Computer können Schachgroßmeister schlagen, aber nicht träumen

Müssen wir uns vor Computern und Robotern fürchten, deren sich ständig weiterentwickelnde Lernfähigkeit irgendwann der Menschheit mit unabsehbaren Konsequenzen entgleitet? Diese Frage wurde immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Gary Kasparov, mit 22 Jahren jüngster Schachweltmeister aller Zeiten, erzählte davon wie er vor mittlerweile 20 Jahren gegen den IBM-Computer Deep Blue verlor. Heute ist er davon überzeugt, dass eine gelungene Symbiose zwischen Mensch und Maschine uns dabei helfen wird, große Herausforderungen wie zum Beispiel bisher unheilbare Krankheiten besser zu bewältigen. Künstliche Intelligenz sei der menschlichen auf vielen Gebieten weit überlegen, aber von großen Visionen träumen können nach wie vor nur wir Menschen.

Wie nahe kann künstliche Intelligenz dem Menschen schon kommen? Die Wissenschaftlerin Noriko Arai wollte das genau testen. Sie ließ den von ihr entwickelten Todai Roboter zu der extrem selektiven Aufnahmeprüfung für die Universität von Tokio antreten. In Mathematik lag der Roboter unter den besten ein Prozent aller Bewerber und schrieb in Englisch sogar den besten Essay. Trotzdem schaffte es ihr Roboter letztlich nicht, denn bei tieferen Verständnisfragen scheiterte er oft kläglich.

Fazit: Mensch und Maschine sind gemeinsam leistungsfähiger als jeder von ihnen alleine. Aber die Werte, an denen sich Computer orientieren, müssen immer wir Menschen vorgeben – sonst könnte es tatsächlich gefährlich werden.

Vom Papst bis zum Rabbiner – die Sehnsucht nach moralischen Autoritäten

Als Papst Franziskus direkt aus Rom zugeschaltet wurde, spürte man ein Knistern im Saal. An seinem kargen Schreibtisch sitzend, erzählte er die Geschichte seiner Eltern, die als Migranten aus Italien in Argentinien gelandet waren. Er frage sich immer wieder, warum es anderen Migranten heute so schlimm ergehe. Warum die und nicht ich?

Franziskus hielt ein eindringliches Plädoyer für Einfühlsamkeit und die Notwendigkeit des Menschen, Beziehungen einzugehen. Er wurde gezählte elf Mal von Zwischenapplaus unterbrochen und erhielt von einem Auditorium, das sonst nur Fortschritt und Technik anbetet, "standing ovations". Franziskus Aussagen überschnitten sich in hohem Ausmaß mit jenen von Rabbi Lord Jonathan Sacks, einer anerkannten jüdischen Autorität: Märkte ohne Moral, Unternehmen ohne soziale Verantwortung und Wirtschaftssysteme ohne Bezug zu den Menschen hätten zu einer Politik der Wut geführt. Wir sollten einfach das Wort "selbst" durch "unser" ersetzen, zum Beispiel "Unser-Bewusstsein" anstatt "Selbst-Bewusstsein". Auch weniger bekannte Redner, die Themen wie Verletzbarkeit, Sinn oder Einsamkeit ansprachen, stießen auf große Resonanz. "High Tech – verlangt High Touch" hat John Naisbitt schon vor 35 Jahren in seinem Bestseller "Megatrends" vorhergesagt.

Roboter schenken uns Zeit – soziale Netzwerke stehlen sie uns

Bis zu selbstfahrenden Autos, die keine Kinder überfahren, und Robotern, die uns den Geschirrspüler ausräumen ohne Gläser zu zerbrechen, wird es noch einige Zeit dauern. Viel dringlicher scheint die Frage, warum wir bis zu 90 Prozent (!) unserer wertvollen frei verfügbaren Zeit in sozialen Netzwerken und am Smartphone vergeuden. Psychologe Adam Alter machte klar, dass sich diese Sucht keineswegs zufällig ausbreitet, sondern in "War-Rooms" bei Google, Facebook ect. mittels ausgefeilter Anreizsysteme gesteuert wird. So setzt zum Beispiel die Funktion, mit der auf Youtube nach dem Ende eines Videos sofort das nächste automatisch gestartet wird, unsere natürlichen Stopp-Signale außer Kraft. Kinder und Jugendliche werden ständig animiert den Austausch von Botschaften untereinander auch ohne jeden Inhalt zu maximieren, um in den Rankings nicht zurückzufallen. Apple-Ikone Steve Jobs kannte diese Gefahr genau. Auf die Frage, wie sehr seine Kinder das iPad lieben würden, antwortete er: "Sie haben es noch nie verwendet. Wir limitieren die Zeit für den Gebrauch von Technik für unsere Kinder strikt."

Wer Elon Musk 40 Minuten zuhört, der weiß, wie Visionäre ticken

Wüsste man nicht, dass Elon Musk mit Paypal reich geworden ist, Tesla gegründet hat, mit SpaceX eine wiederverwendbare Rakete schuf und mit SolarCity gerade die größte Sonnenkraftfabrik der Welt errichtet, dann würde man ihn wohl für einen Spinner halten, wenn er von seinen zukünftigen Visionen spricht.

Er zeigte erste Bilder davon, wie er ein Tunnelsystem unter Los Angeles für Autos bauen will, um die nervenden Staus aufzulösen. Mittels Liften werden die Autos in die unterirdischen Tunnel versenkt, um dann mit 200 Stundenkilometer zum Zielort zu brausen und dort wieder aufzutauchen. Fragen zu den Kosten und der technischen Machbarkeit beantwortete Musk präzise und plausibel mit unaufgeregter sonorer Stimme. So kosten in Los Angeles derzeit 1,6 Kilometer U-Bahn-Bau eine Milliarde Dollar. Mit innovativen Bohrtechnologien sei er überzeugt, dass er die Kosten um den Faktor zehn verringern könnte. Dieses Projekt bezeichnete er übrigens als sein Hobby, dem er nur zwei Prozent seiner Zeit widmet. Auch wenn er die Firma daher "Boring Company" nennt, wird Musk wohl nicht so schnell langweilig. Heuer plant er noch einen selbstfahrenden Elektro-Lastwagen von Los Angeles nach New York zu schicken. Und am wichtigsten scheint ihm – die Mars Mission. Offiziell sollen am roten Planeten in zehn Jahren die ersten Menschen landen, in Wirklichkeit früher, hofft er. Gäbe es nicht genug drängende Probleme wie den Klimawandel auf der Welt, denen er sich widmen sollte? Seine Antwort: "Ich glaube, es ich wichtig, inspirierende und spannende Vorstellungen von der Zukunft zu haben. Es sollte gute Gründe geben, warum man jeden Morgen aufsteht und mit Freude leben will. Wenn wir es nicht bis zum Mars schaffen, werden wir keine Spezies sein, die mehrere Planeten belebt. Das würde ich als sehr deprimierend empfinden."

Die Welt teilt sich in die Lerner und die Nicht-Lerner ein

Nach fünf Tagen TED bleibt eine klare Erkenntnis: Die Welt teilt sich nicht in Starke und Schwache oder Gewinner und Verlierer. Die Welt teilt sich in die Lerner und die Nicht-Lerner ein. Österreich verharrt schon viel zu lange zögernd vor der Weggabelung zwischen den lernenden und den nicht-lernenden Nationen. Der bisher meist gesehene TED Talk stammt von Sir Ken Robinson und trägt den Titel "Töten Schulen Kreativität?"

Eine gute Frage für ein Land wie Österreich, in dem 21 Prozent der 15-jährigen nicht sinnerfassend lesen können, aber Parteiideologen, Landeskaiser und Lehrergewerkschaften dringende Reformen blockieren. Wie die Zukunft aussehen wird, lernt man natürlich auf einer TED-Konferenz nicht. Einiges scheint trotzdem sicher: Künstliche Intelligenz schlägt menschliche Dummheit. Kinder, die nicht lesen können werden nicht nur im Schach oder bei Aufnahmetests an Universitäten chancenlos gegen Computer sein. Tafel und Kreide, veraltetes Schulwissen, das in Frontalvorträgen vermittelt wird, sind keine gute Vorbereitung auf eine Welt in der Kreativität, emotionale Kompetenzen und Problemlösungsfähigkeit gefordert sein werden. Wer sein Leben dagegen als ständiges Lernprogramm versteht, der kann optimistisch in die Zukunft blicken.