Politik | Inland
17.12.2017

Ainedter vs. Jahn-Kuch: Streitgespräch zum Rauchverbot

Die Ärztin Daniela Jahn-Kuch ist die Schwester des an Lungenkrebs verstorbenen Journalisten Kurt Kuch, der die "Don’t smoke"- Kampagne mitinitiierte. Mit dem Staranwalt und leidenschaftlichen Raucher Manfred Ainedter diskutierte sie über das aufgehobene Rauchverbot.

KURIER: Frau Jahn-Kuch, der Tod Ihres verstorbenen Bruders Kurt Kuch vor drei Jahren hat den damaligen ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner so betroffen gemacht, dass er den Weg freimachte, damit das absolute Rauchverbot kommen kann. Die neue Regierung hat dieses Gesetz nun kurz vor dem Inkrafttreten gekippt. Wurde damit das Vermächtnis Ihres Bruders zerstört?

Daniela Jahn-Kuch: Nein. Ich glaube, Kurt würde es auch nicht so sehen. Wir erleben jetzt eine wenig erfreuliche Zwischenetappe. Aber letztlich bin ich überzeugt, das absolute Rauchverbot in Lokalen wird kommen. Die Umsetzung hat sich nur um ein paar Jahre verschoben. Es ist nicht verhinderbar. Wir sehen es auch an den Reaktionen. Die "Don’t smoke"-Kampagne entstand im Herbst 2014. Wir hatten damals nach sechs Monaten 40.000 Unterstützer. Jetzt haben wir innerhalb von sechs Tagen 350.000 Unterstützer bekommen. Das zeigt uns, die Einstellung zum Nichtraucherschutz hat sich grundlegend verbessert.

Herr Ainedter, es gibt zahlreiche Raucher, die das absolute Rauchverbot in Lokalen begrüßt hätten, weil sie dadurch weniger rauchen. Warum wehren Sie sich so vehement dagegen?

Manfred Ainedter: Das ist ein völliger Schwachsinn. Es geht nicht darum, ob man mehr oder weniger raucht. Es geht mir darum, dass man Raucher nicht bevormunden darf und mit Gewalt daran hindern soll. Ich weiß, dass Rauchen ungesund ist – wobei die Menge macht das Gift. Kurt Kuch, den ich sehr geschätzt habe, hat 80 bis 100 Zigaretten pro Tag geraucht. Rauchverbote gab es für ihn nicht.

Auch Kurt Kuch wollte sich, solange er Raucher war, nie bevormunden lassen. Als er dann Lungenkrebs bekam, sagte er: "Rauchen war die schlechteste Entscheidung meines Lebens."

Jahn-Kuch: Wenn Kurt nicht krank geworden wäre, würde er heute genauso argumentieren wie Herr Ainedter. Es brauchte einen Gewaltakt, dass er zum Umdenken begann. Er dachte, es passiert nichts. Als er mit der Krankheit und dem Tod konfrontiert wurde, hat er seine Einstellung verändert. Kurt wollte dann aus innerer Überzeugung vor allem die Passivraucher mit der "Don’t smoke"-Kampagne schützen. Es geht um die Kinder und die Gastronomieangestellten. Es sind 230.000 Menschen, die in der Gastronomie arbeiten.

Ainedter: (lachend) Ja, die Kellner.

Jahn-Kuch: Das sind jene Menschen, die maximal betroffen sind. Durch den Passivrauch haben sie ein um 20 Prozent höheres Risiko, an einer Herz-Kreislauferkrankung zu versterben. Wie kommen die dazu? Die Feinstaubbelastung auch in den Lokalen, wo es getrennte Bereiche gibt, ist drei Mal höher als in einem reinen Nichtraucher-Lokal.

Ainedter: Die meisten Kellner rauchen selber. Und man kann sich die Arbeitsstelle ja auch aussuchen. Man muss ja nicht in einem Raucher-lokal arbeiten. Auch am Land kann man es sich aussuchen, falls jetzt dieses Gegenargument kommt. Und die Feinstaubbelastung ist auf der Gasse viel höher.

Jahn-Kuch: Eben nicht. Es gibt Untersuchungen, dass die Feinstaubbelastung in einem Wiener Kaffeehaus zehn Mal höher ist als auf dem Gehsteig davor. Ich verstehe nicht, warum sich Raucher diesen rationalen Argumenten immer verschließen.

Ainedter: Ich sehe als Konsument nicht ein, dass der Staat von den Rauchern zwei Milliarden an Steuern kassiert und uns vorschreiben will, wo wir das legale Genussmittel Zigarette konsumieren sollen. Und ich sehe nicht ein, warum ich nicht im Wirtshaus rauchen darf.

Jahn-Kuch: Weil Sie andere damit schädigen.

Ainedter: Das Argument mit dem Passivrauchen ist ein völliger Schwachsinn. Wenn man die Folgen des Passivrauchens fundiert erfassen will, dann müsste man 100.000 Menschen über zehn Jahre begleiten.

Jahn-Kuch:Das muss man nicht. Denn kein Medikament, das auf dem Markt zugelassen wird, wird an 100.000 Menschen getestet. Eigentlich müssten Sie ja über elf Euro für ein Packerl Zigaretten zahlen, wenn die Kosten für das Gesundheitssystem durch die Zigarettensteuer komplett abgedeckt werden sollen.

Ainedter: Das ist auch kein Problem. Mir geht es um die Selbstbestimmung. Wenn es wirklich so schädlich ist, dann soll man die Zigaretten gleich komplett verbieten. Aber das hat sich bis jetzt kein Politiker getraut.

Herr Ainedter, schaut man sich in anderen Ländern um, dann sieht man, dort wo die Rauchergesetze am strengsten sind, gehen die Raucherzahlen massiv zurück. Vielleicht schaffen auch Sie es, nicht mehr zum Glimmstängel zu greifen, wenn das absolute Rauchverbot in Lokalen käme.

Ainedter: Das glaube ich nicht. Es geht mir mörderisch auf die Nerven, wenn mir jemand vorschreiben will, wie ich zu leben habe.

Würden Sie auch gerne im Gerichtssaal rauchen?

Ainedter: Natürlich würde ich es gerne, aber ich tue es nicht.

Jahn-Kuch: Wahrscheinlich durfte man es früher, und heute kommt es selbst einem leidenschaftlichen Raucher wie Ihnen absurd vor. So wird es auch in der Gastronomie in zehn Jahren sein. England ist jetzt zehn Jahre rauchfrei. Das Votum wurde nun wiederholt. Und wie schaut das Ergebnis aus? Die Befürworter sind mehr geworden, und die zusätzlichen Stimmen kommen von den Rauchern. In England sank die Raucherquote von 21 auf 15 Prozent in den vergangenen zehn Jahren.

Wie lange rauchen Sie schon, Herr Ainedter? Ainedter: Seit über 50 Jahren rauche ich. Mit 14 Jahren habe ich begonnen.

Und Sie haben keinerlei gesundheitliche Schäden bis jetzt? Ainedter: Na, COPD (Anmerkung der Redaktion: Chronisch obstruktive Lungenkrankheit) habe ich schon.

Die Schädigung Ihrer Lunge ist Ihnen das Rauchen wert? Ainedter: Ich nehme das in Kauf. Wir leben nicht in einer idealen Welt.

Jahn-Kuch: Aber wir könnten die Welt ein wenig perfekter machen.

Ainedter: Sie wissen, dass ich Sie sehr schätze. Aber warum wollen Sie mir sagen, wie ich zu leben habe?

Es wird nun über eine Volksabstimmung über das Rauchverbot nachgedacht. Wie wird das Ihrer Meinung nach ausgehen?

Ainedter: Das wäre ganz schlecht. Ich warne davor, denn die Volksabstimmung geht für das Rauchverbot aus. Warum? Weil nur die Anti-Nikotin-Taliban zur Volksabstimmung gehen werden. Die Raucher ducken sich und stimmen in den allgemeinen Tenor ein, dass es besser ist, wenn weniger geraucht wird.

Jahn-Kuch: Ich bin auch der Meinung, dass sich der Nichtraucherschutz bei der Volksabstimmung durchsetzen würde.

Ainedter: Paul Sevelda, der Präsident der österreichischen Krebshilfe, ist ein lieber Freund von mir, den ich sehr schätze. Aber was das Rauchen betrifft, geht er mir mörderisch auf die Nerven. Bei ihm hat man das Gefühl, dass die Menschheit wegen der Raucher ausstirbt. Frau Doktor, dieser Gesundheitsterror geht zu weit.

Wie viele Zigaretten rauchen Sie eigentlich täglich?

Ainedter: 20 bis 30 Stück. Also nicht so viel wie Kurt Kuch.

Jahn-Kuch: Das ist richtig. Ihr Krebsrisiko ist trotzdem 15-fach erhöht.

Ainedter: Ich weiß das. Wer früher stirbt, ist länger tot.

Jahn-Kuch: Ich glaube, Sie leben aber auch sehr gerne.

Ainedter: Ja, aber ich will es auch genießen. Ich rauche gerne. Es schmeckt mir. So what?

Herr Ainedter, Sie sind Großvater. Rauchen Sie auch vor Ihren Enkelkindern?

Ainedter: Nein, natürlich nicht. Ich bin auch absolut dafür, dass man nicht vor 18 rauchen darf.

Jahn-Kuch: Und warum rauchen Sie nicht vor den Kindern?

Ainedter: Weil das Passivrauchen für kleine Kinder schlecht ist.

Jahn-Kuch: Ich dachte, das Passivrauchen macht nichts?

Ainedter: Bei Kleinkindern schon.

Jahn-Kuch: Und wann beginnt das Alter, wo Passivrauchen nicht mehr schädlich ist. Wenn man Kellner wird ? (lacht)

Wie halten Sie es in Ihrer Kanzlei, wenn ein Mandant von Ihnen das Rauchen ablehnt?

Ainedter: Diese Situation hatte ich erst ein Mal, bei einem Vergleichsgespräch bei einer Scheidung. Da fragte mich die Kollegin: Müssen Sie hier rauchen? Ich antwortete: Entschuldigen Sie, wir sind hier in meiner Kanzlei, und da darf ich rauchen. Das nächste Mal können wir uns gerne bei Ihnen im Büro treffen.

Jahn-Kuch: Sie spüren, dass der Widerstand immer größer wird. Was das Rauchen von anderen Gefahren im Leben unterscheidet, ist, dass Rauchen auch andere gefährdet. Würden Sie anders übers Rauchen denken, wenn Sie schwer krank wären?

Ainedter: Nein. Ich würde mit Ihrem Bruder ins Grab steigen. Er hat die ganze katastrophale Diskussion ausgelöst.

Jahn-Kuch: Nehmen Sie ihm das übel?

Ainedter: Das nicht.

Jahn-Kuch: Aber Sie merken, dass er etwas bewirkt hat?

Ainedter: Ja, leider.