Politik | Inland
02.10.2017

TV-Duell: Strache schont waidwunden Kern

FPÖ-Chef belässt es bei leisem Tadel für "schlechten Stil" und "unschönes Verhalten".

Kanzler Christian Kern beginnt das TV-Duell im Puls 4-Studio mit einem freundlichen Geschenk. "Sie haben im Wahlkampf ja wenig Zeit für Ihre Frau", sagt er zu FPÖ-Obmann Heinz Christian Strache. "Sie suchen das Lokal aus, ich zahle die Rechnung" – mit diesen Worten überreicht Kern dem FPÖ-Chef einen Gutschein für ein Dinner für Zwei. Strache antwortet erfreut, Kern und dessen Frau sollten mitgehen.

Die Nettigkeit des SPÖ-Chefs verfehlt ihre Wirkung nicht: Das anschließende Thema Silberstein und das Dirty Campaigning der SPÖ wird kurz und bündig und ohne große Emotionen abgehandelt. Kern verspricht Aufklärung. Strache tadelt das Verhalten der SPÖ als "absolut nicht schön" und "keinen guten Stil". Kern wolle "nie etwas gewusst haben", nicht von der "Bonzenmauer" und nichts vom dirty Campaigning. Strache: "500.000 Euro fliegen nicht vom Himmel, wenn das Geld nicht von der Partei kam, muss es von außen gespendet worden sein. Wenn der Herr Matznetter das aufklären soll, hätten Sie gleich den Silberstein als Aufklärer nehmen können." "Wir werden Leute von außen hinzuziehen und das aufklären", sagt Kern.

Und damit ist das Thema ad acta.

"Das Geschenk hat Strache nicht provoziert – ich glaube aber dennoch, dass es zwischen den beiden Politikern abgesprochen war, das Thema Silberstein klein zu halten. Strache hätte das Thema ausschlachten können, wenn er gewollt hätte. Es war offensichtlich auch die Moderatorin überrascht, dass da nicht mehr kam, sodass sie dann selbst noch nachgefragt hat", sagt Medientrainer Gerald Groß, der für den KURIER die wichtigsten Fernseh-Konfrontationen analysiert.

Paarlauf

Dann geht es um die Themen Wohnen, Pensionen und soziale Gerechtigkeit im Allgemeinen. "Das ist wie ein Paarlauf", sagt Groß. "Strache geht in die zentralen Themen der Sozialdemokratie hinein, und es wird ohne Aggression auf beiden Seiten diskutiert".

Kern schildert seine Hochwasser-Erlebnisse, erzählt von Pelargonien auf den geschädigten Häusern. Strache bring die Story von der armen Frau, die mit ihrer kleinen Pension nicht auskommt. "Alles schon mehrfach gehört, da war nichts Neues dabei", sagt Groß. "Sie bestärken einander. Da wäre viel mehr an Abgrenzung und gegenseitigen Vorwürfen möglich gewesen."

An einer Stelle wird es doch etwas kontroversiell: Strache spielt auf die Sanktionen gegen die damalige schwarz-blaue Regierung an und tadelt Kern: "Sie haben über das Ausland versucht, eine Stimmung zu erzeugen, die wir schon einmal erlebt haben – das ist etwas Unschönes, das hat gerade ein Kanzler nicht zu leben. Das kommt nicht gut an bei der Bevölkerung."

Kern kontert: "Sie haben schon recht, Österreich wird nicht in eine Diktatur abgleiten. Aber Sie haben der AfD gratuliert, wo einer der Spitzenkandidaten sagt, man müsse stolz auf die Leistung der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg sein. Und Sie sagen, dass Großbritannien nach dem Brexit wieder souverän sein werde – solche Aussagen werden genau registriert. Der Brexit ist zerstörerisch für die EU."

Zum Abschied schenkt Strache Kern das Buch "Prinzessin wider Willen", damit Kern über "Gemeinheiten, die Ihnen aus den eigenen Reihen angetan wurden, lachen" könne.

Groß fasst die Debatte so zusammen: "Der Ton war bis zum Schluss sehr zivilisiert. Strache hat den waidwunden Kern geschont und ihm die Möglichkeit gegeben, sich zu erfangen."

Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer urteilt ähnlich. Er hatte erwartet, Strache würde Kern "in den Schwitzkasten nehmen," und wähnte sich dann "in der falschen Debatte".

Die Umfrage, wer von beiden "mehr überzeugt" hat, endet mit 43 Prozent zu 43 Prozent. Bachmayer: "Strache muss sich fragen, ob die Debatte ein gewonnener oder ein verlorener Punkt war."

Strolz & Lunacek: Verbündete im Kampf gegen Schwarz-Blau

Es war ein "Duell zum Durchatmen", so das Resümee von Medientrainer Gerald Groß, der das Puls4-Duell zwischen der Grünen Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek und Neos-Chef Matthias Strolz für den KURIER analysiert hat.

Nach der sehr emotional geführten Debatte um die Causa Silberstein "haben wohl alle den Schaden für die Gesamtpolitik erkannt und wollen die Wähler nicht weiter verschrecken", erklärt Groß. Beide möchten jene abkassieren, die sich jetzt von der SPÖ abwenden und wieder am Markt sind: Strolz jene, die Christian Kern als Wirtschaftskanzler vermissen, Lunacek jene vom linken Flügel. Beide hätten "sehr brav und sachlich", so Groß, "das Pflichtprogramm für die jeweilige Klientel abgeliefert" – etwas rauer wurde der Ton bei den Themen Freihandel und Arbeitszeitflexibilisierung.

Während Strolz seine Kontrahentin wegen ihrer Ablehnung zu CETA mit Populisten wie Trump, Le Pen und Strache in eine Reihe stellte, versuchte Lunacek, den Neos-Mann als "kalten Neoliberalen darzustellen, dem Menschen egal sind", schildert TV-Profi Groß.

Versöhnliches Finish

Der Versuch, die Grünen zu kritisieren, weil sie – wie alle anderen – Parteienfinanzierung kassieren, ließ Lunacek ins Leere laufen: Die Neos verzichteten zwar auf 160.000 Euro Akademie-Förderung, ließen sich aber vom Industriellen Haselsteiner großzügig im Wahlkampf subventionieren.

Geeint werden der Pinke und die Grüne durch ihre Aversion gegen eine etwaige Koalition aus Schwarz-Blau bzw. Rot-Blau. Strolz meinte, ihm werde "ganz schwindelig" bei der Aussicht eines Kanzlers Kurz mit einem "Polizeiminister Strache (FPÖ-Chef) bzw. Doskozil (SPÖ-Verteidigungsminister), der mit einem Panzer am Brenner herumfährt", und reichte Lunacek die Hand: "Deshalb sollten wir gemeinsam an einer anderen Option arbeiten." Lunacek fügte hinzu, sie könne auch einer Minderheitenregierung etwas abgewinnen.

Laut einer Studio-Umfrage von OGM-Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer überzeugte Strolz 42 Prozent im Publikum, Lunacek 33 Prozent. Bei den SPÖ-Wählern konnte übrigens Lunacek mit 59 Prozent stärker punkten.