Politik | Inland
24.09.2017

Dirk Stermann: "Die einzige Besonnene unter Irren"

61 Millionen Deutsche wählen den Bundestag. Der deutsche Kabarettist über das Phänomen Merkel.

Er selbst bezeichnet sich als "Mentalitäts-Österreicher". Dirk Stermann lebt zwar seit 30 Jahren in Österreich, wählen kann er aber den deutschen Bundestag. Das ist auch eine seiner Begründungen, warum der Kabarettist und ORF-Star von Willkommen Österreich keine schiefe Optik entdecken kann, wenn er im Kreisky-Forum mit Kanzler Christian Kern im Wahlkampf eine ironische Doppelconférence abhält. Innerhalb des ORF sorgte der Auftritt für Ärger. "Es war eine Einladung ins Kreisky-Forum. Das ist für mich ein Unterschied, weil es keine Wahlkampfveranstaltung ist", verteidigt sich Stermann.

Und ätzt dann weiter: "Ich bin diskriminiert wie 1,1 Millionen andere Ausländer auch, die seit mehr als zehn Jahren in Österreich leben. Wir zahlen ausschließlich ins System ein und dürfen nicht wählen. Im Alleingang habe ich die ÖVP-Mitarbeiter bezahlt, die den Putsch vorbereitet haben. Aber mitstimmen, ob ich diesen Putsch gut finde, darf ich nicht." Im KURIER-Interview analysiert Stermann die Deutschlandwahl mit Seitenhieben auf Sebastian Kurz.

KURIER: Herr Stermann, es ist der vierte Anlauf der SPD, Angela Merkel vom Thron zu stoßen. Martin Schulz startete als Messias und ist letztlich an Merkel zerschellt. Kann Merkel einfach zu gut Kanzlerin?

Dirk Stermann: Martin Schulz hat aus meiner Sicht im Wahlkampf keinen Fehler gemacht. Man muss der Tatsache ins Auge sehen: Es geht einfach nicht, gegen Merkel zu gewinnen. An ihr zerschellen alle Gegenkandidaten, weil sie kein ideologisches Feindbild darstellt. Selbst Sozialdemokraten mögen sie, weil Merkel die CDU sozialdemokratisiert hat. Merkel ist zwar nicht greifbar, aber man hat auch das Gefühl, von ihr droht einem nichts Böses.

Kann sich die Kanzlerin diese Attitüde leisten, weil Deutschland wirtschaftlich einfach top dasteht?

Martin Schulz hat einmal sehr treffend gesagt: "Der Wahlkampf ist die Weltmeisterschaft des Ungefähren". Das stimmt tatsächlich. Das ist ja auch bei Sebastian Kurz im österreichischen Wahlkampf feststellbar. Kurz entzieht sich wie Merkel völlig diesem Wahlkampf. Der Unterschied ist: Nach drei Amtsperioden weiß man, was man von Merkel erwarten kann. Deswegen können sich tatsächlich auch Menschen auf Merkel einigen, die niemals CDU wählen würden. Bei Kurz hingegen weiß man nicht, wofür er steht.

Das heißt auch Sie, der Sie kein klassischer CDU-Wähler sind, könnten sich vorstellen, bei Merkel ein Kreuz zu machen?

Ich war noch nie ein Konservativer, aber selbst ich bin froh, wenn ich Angela Merkel auf dem diplomatischen Bankett sehe. Sie ist für mich die einzige besonnene Frau zwischen teilweise egomannischen Irren. Wenn Donald Trump an der Macht ist, ist man froh, wenn in Deutschland Angela Merkel regiert. Sie ist die europäische Konstante in aufgeregten Zeiten.

Warum hat Martin Schulz im Wahlkampf nicht punkten können? Geht es den Deutschen für eine Gerechtigkeitsdebatte einfach zu gut?

Der Absturz ist bitter und auch unfair. Da Martin Schulz Alkoholiker war, mache ich mir auch Sorgen. Anfangs waren die Menschen zwar froh, dass einer Spitzenkandidat wird, der nicht in Berlin, sondern in den vergangenen Jahren in Brüssel war. Das hat sich aber im Wahlkampf gewandelt und wurde zum Nachteil für Schulz. Es ist ja zu begrüßen, dass Schulz sozialdemokratische Werte wie Gerechtigkeit wieder ins Leben gerufen hat. Letztlich wurde Schulz aber von der Geschichte überrollt. Das ist auch etwas unheimlich.

Wie meinen Sie das?

Jeder Wahlkampf hat eine eigene Geschichte. Dieser Wahlkampf erzählt die Geschichte, dass die meisten Bürger offenbar das Bewährte wollen. In Deutschland existiert keine Wechselstimmung – deswegen hat Schulz keine Chance.

Die Migration ist im deutschen und im österreichischen Wahlkampf ein großes Thema. Wer schafft die Integration besser?

Das kann man noch nicht sagen. In Deutschland scheint mir, mit Ausnahme der AfD, die Diskussion unaufgeregter abzulaufen als in Österreich. In Deutschland gibt es wahrscheinlich nur rund zehn Prozent, die beim Flüchtlingsthema emotionalisiert sind. In Österreich liegt der Wert wahrscheinlich bei 50 bis 60 Prozent.

Glauben Sie, wenn ein österreichischer Politiker mit dieser Vehemenz wie Angela Merkel ihren Satz "Wir schaffen das" verteidigt, eine Chance hätte, die Wahl zu gewinnen?

Ich finde, Merkel hat damals richtig gehandelt. Für Deutschland ist es ein gutes Zeichen, wenn diese Politikerin zwei Jahre später wieder gewählt wird. Angeblich soll die Kanzlerin diesen Satz ja gesagt haben, weil sie vom weinenden palästinensischen Mädchen, das sie kurz davor getroffen hat, so berührt war.

Glauben Sie das? Nein, so emotional ist sie nicht, sondern Merkel schaut sich die Situation protestantisch-kühl und wissenschaftlich an. Wenn sie dann das Gefühl hat, es ist der richtige Zeitpunkt, handelt Merkel. Ich bin kein Mensch, der etwas mit Nationalstolz anfangen kann, aber ich war 2015 zumindest ein wenig stolz, dass sich die Deutschen und Österreicher menschenwürdig verhalten haben. Es gab damals keine andere Alternative. Oder hätte man die Schutzsuchenden in irgendwelchen Hochwasserflüssen in Serbien ersaufen lassen sollen?

Apropos AfD: Laut den Umfragen könnten in der kommenden Legislaturperiode rund 80 Abgeordnete im Bundestag sitzen. Hat die AfD in Deutschland langfristig eine Chance?

So etwas will man sich gar nicht ausmalen. Wenn die AfD in den Bundestag reinkommt, was zwar traurig ist, wird sie sich schon bald wieder auflösen. So wie bis jetzt alle rechten Bewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg in der Deutschland in der Versenkung verschwunden sind. Irgendwann werden auch diese Führer als Koks-Dealer in Brasilien enden, wie der rechte Ex-Politiker Ronald Schill aus Hamburg.

Bei der vergangenen Bundestagswahl flog die FDP aus dem Bundestag. Die SPD wird heute voraussichtlich das schlechteste Ergebnis seit 2009 einfahren. Welche Partei wird sich noch trauen, mit Merkel in einer Regierung zu sitzen?

Ja, Angela Merkel ist das Gegenteil von Robert Lugar. An ihr zerschellen alle anderen, an Robert Lugar zerschellt die jeweilige Bewegung. Aber zurück zur Frage: Das traue ich mich heute noch nicht zu beurteilen. Auch wenn jetzt viele Medien schreiben, dass die Karibikkoalition eine wahrscheinliche Variante ist. Auch die Grünen und die FDP liegen sehr weit auseinander – und die CSU und die Grünen muss man auch erst einmal auf eine politische Linie bringen. Deswegen meine ich, dass eine Große Koalition noch nicht ganz vom Tisch ist.

Wer könnte Angela Merkel in den kommenden Jahren aus dem Kanzleramt stoßen?

Nur sie sich selbst. Es wird der Zeitpunkt kommen, wo sie nicht mehr weitermachen will. Dann wird, so wie es momentan aussieht, Karl-Theodor Guttenberg übernehmen. Er ist ähnlich wie Sebastian Kurz wie ein Phönix aufgestiegen und dann gefallen. Guttenberg hat nur ein paar Seiten für seine Dissertation abgeschrieben, während Kurz das ganze FPÖ-Programm abgeschrieben hat. Da ist die Frage: Was wiegt schwerer?

Sie trauen Christian Kern den Kanzler offenbar mehr zu als Kurz. Was befürchten Sie, was mit Kurz kommen wird?

Ich kann das tatsächlich nicht sagen. Michael Häupl hat Sebastian Kurz gut auf den Punkt gebracht. Er meinte, die einzige Leistung, die der ÖVP-Spitzenkandidat im Wiener Gemeinderat seinerzeit erbracht hat, war die Frage an Häupl, warum nur Alte und nicht auch Junge Orden bekommen können. Die Einzigen, die mehr wissen, sind wahrscheinlich die Mitarbeiter im Außenministerium, die das Wahlkampfprogramm erstellt haben. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Wolfgang Schüssel in einem Turmzimmerchen sitzt und es allen noch einmal zeigen will. Als Revanche für das unrühmliche Ende von Schwarz-Blau soll das Projekt jetzt nochmals kommen. Was das aber genau werden soll, weiß man nicht.

Auch Kern führt einen Gerechtigkeitswahlkampf. Österreich steht wirtschaftlich gesehen nicht so gut da wie Deutschland. Warum zieht dieses Thema hierzulande nicht?

Das frage ich mich auch. Viele Menschen, die in ihrem Leben von den Errungenschaften der Sozialdemokratie profitiert haben, wendeten sich in den vergangenen Jahren ab. Eine Soziologin, die im Auftrag des Rathauses abtesten sollte, warum sich die Stimmung im Gemeindebau gegen die Sozialdemokratie gewendet hat, erzählte mir, dass sie die Menschen bezahlen musste, damit sie an der Diskussion teilnehmen. Es herrscht viel Wut im Gemeindebau. Dankbarkeit ist offenbar keine politische Kategorie.

Zur Person: Seit 30 Jahren in Wien

Die Liebe verschlug ihn 1987 nach Wien. Seit rund 27 Jahren lebt er mit Christoph Grissemann in einer Kabarett-Ehe. Zuerst moderierten sie auf FM4 den „Salon Helga“. Seit 2007 läuft erfolgreich „Willkommen Österreich“ im ORF.