Politik | Inland
11.05.2016

SPÖ-Wirren: Mehrheit für Kern, Häupl im Eck

Mehrere SPÖ-Länderchefs machen offen für Kern mobil. Michael Häupls Favorit Zeiler ist zunehmend chancenlos. An der Weichenstellung für Kern ist Ex-Kanzler Gusenbauer beteiligt – aus Rache an Häupl?

Michael Häupl galt stets als einer der mächtigsten, wenn nicht der mächtigste Mann in der SPÖ. Sein Wort hatte Gewicht, er zog bei maßgeblichen Entscheidungen die Fäden oder mischte mit. In jüngster Zeit aber verstärkt sich der Eindruck, der Wiener Bürgermeister wird seinem Ruf nicht mehr gerecht.

Dass Werner Faymann abgetreten ist, ist beispielsweise primär dem Druck der Roten im Süden und Westen Österreichs geschuldet. Häupl und Burgenlands Landeshauptmann Hans Niessl hatten noch einige Zeit an Faymann festhalten wollen. Die Steiermark, Salzburg, Kärnten und Vorarlberg unternahmen aber alles, um den Kanzler loszuwerden – und stellten am Ende mit der SPÖ-Niederösterreich eine Länder-Mehrheit gegen Faymann auf.

Dabei hätte Häupl das Heft des Handelns in der Hand haben sollen. Die Wiener Landespartei hatte ihren Chef beauftragt, mit allen roten Länder-Obleuten über die Zukunft der Partei und des Frontmannes zu reden.

Vollendete Tatsachen

Die Länder-Genossen übernahmen selbst die Regie und stellten Häupl vor vollendete Tatsachen. "Er war informiert, was im Gange war. Aber es ist nicht mehr alles Gesetz, was Häupl sagt. Die Länder lassen sich das nicht mehr gefallen", sagt ein Länder-Vertreter. Vorarlbergs SPÖ-Chef Michael Ritsch: "Ich finde es schön, dass die Länder jetzt die Chance haben, zu sagen, wen sie besser finden. Bisher ist immer über Nacht mitgeteilt worden, wer der Nächste ist. Im Vorstand ist dann immer nur dieser eine Kandidat zur Wahl gestanden."

Die Aufmüpfigen scheinen Gefallen an der neuen Rolle gefunden zu haben. Denn noch ehe die Kandidaten Christian Kern und Gerhard Zeiler am Freitag auf Initiative von Interims-SPÖ-Chef Häupl ihre Positionen darlegen können, haben sich vier Länder ( Steiermark, Kärnten, Vorarlberg, NÖ) formal auf Kern festgelegt. Mittwochabend fiel auch in Salzburg ein Beschluss zugunsten des ÖBB-Chefs, in Oberösterreich sagte Parteichef Johann Kalliauer am Abend nach einer Vorstandssitzung, es gebe keinen formalen Beschluss, aber es habe sich eine "deutliche Präferenz für Kern abgezeichnet". Die Gewerkschaft tritt detto mehrheitlich für Kern ein.

Am Donnerstag werden laut KURIER-Informationen im Burgenland die Weichen in Richtung ÖBB-Vorstand gestellt werden. Damit wäre Häupl erneut desavouiert. Sein Kandidaten-Hearing würde sich ad absurdum führen, wenn bis Freitag sechs oder mehr SP-Länderorganisationen und die Gewerkschaft die Bahn für Kern freigemacht haben und Gerhard Zeiler Häupls kolportierter Favorit – chancenlos ist.

Alte Wunden

Das dürfte einem Mann gefallen – Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer. Er lobbyiert für Kern. "Das Match lautet nicht Kern gegen Zeiler, sondern Gusenbauer gegen Häupl. Hier wird eine Verwundung, die vor acht Jahren entstanden ist, gerächt", ätzt ein ehemaliger Spitzen-SPÖler. Er meint damit die "Revanche", weil Häupl Gusenbauer 2008 fallen gelassen und Werner Faymann eingesetzt hat.

Häupl soll kein Kern-Fan sein, unter anderem, weil der ÖBB-Manager ehemalige Gusenbauer-Mitarbeiter für sich arbeiten lässt. Der Bürgermeister zweifelt offenbar daran, dass ein neuer SP-Chef mit diesen Beratern erfolgreich sein kann.

Fügt sich Häupl der Kern-Mehrheit, wird ihm das als zweite Niederlage binnen weniger Tage ausgelegt, sein Macher-Image wäre nachhaltig ramponiert. Manche meinen, damit könnte die "Häupl-Dämmerung" anbrechen. "Jede Niederlage hat den Keim der Revolte in sich", so eine Wiener SP-Politikerin. Wiens Flächenbezirke wünschen sich mehr Demokratie statt einsame Entscheidungen im Rathaus. "Auch wir wollen, wie in anderen Ländern üblich, eine Parteivorstandssitzung, wo wir uns auf einen Kanzler-Kandidaten festlegen können. Aber Häupl wehrt sich dagegen." Noch sitzt Häupl fest im Sattel. Insider schließen nicht aus, dass der Bürgermeister in letzter Sekunde ein Ass aus dem Ärmel zaubert, also einen Alternativ-Kandidaten.