"Wegen Haider bin ich in der Politik"

Marcus Gremel_Junge Generation Wien               …
Foto: /Junge Generation Wien SPÖ Marcus Gremel: "Bei Rot-Blau in Wien übernehme ich kein Mandat."

Wie steht es um den Nachwuchs der SPÖ? Ein Besuch bei Wiener Jugendkandidat Marcus Gremel.

Parteihoffnung Laura Rudas hat es getan. Ebenso Wiens Shootingstar Christoph Peschek, kritische Stimme Wolfgang Moitzi, oder auch Niki Kowall, mitverantwortlich für den Tod des Kleinen Glückspiels in Wien. Sie alle haben SPÖ und Politik im vergangenen Jahr den Rücken gekehrt. Scheitern die Roten am eigenen Nachwuchs?

"Ich sehe da kein Problem. Keine andere Partei hat so viele Junge wie wir." Marcus Gremel sitzt in einem Halbstock der SPÖ-Zentrale in der Wiener Löwelstraße. In der Ecke türmen sich die Energy Drinks, an einer Wand hängt ein Bild von Michael Häupl, dazu die Worte: "Weil das Gute siegen muss." Gremel ist eine der Antworten auf den roten Nachwuchsmangel. Der studierte Politologe kandidiert als Jugendkandidat auf Platz 17 – nach dem 11. Oktober ist er damit sicher im Gemeinderat. In Converse und Leinenhosen kommt er zum KURIER-Interview, zur Politik kam Gremel durch Jörg Haider. "Ich war angewidert von seiner Art, Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Ich bin in die Politik gegangen, um etwas gegen Haider zu machen." Die SPÖ wählte er, weil sie "das Bollwerk gegen rechts ist".

Parteisoldaten?

Seit 2006 ist Gremel bei der Partei. Hauptberuflich arbeitet der 32-Jährige als Bezirkssekretär am Alsergrund, 2012 übernahm er ehrenamtlich den Vorsitz der "Jungen Generation" der SPÖ Wien. Einer Jugendorganisation, die als angepasst und wenig kritisch gilt. Den Vorwurf der braven Parteisoldatin hat sich auch Laura Rudas oft anhören müssen. Der Parteiapparat habe mit internen Kritikern eben keine Freude, erklärte Wolfgang Moitzi bei seinem Abgang.

Muss man in der SPÖ also angepasst sein, um Karriere zu machen?

"Ich nehme mir kein Blatt vor den Mund und darf trotzdem antreten", entgegnet Gremel. "Aber ich kenne die politischen Spielregeln." Das bedeutet? "Es kommt nicht gut, wenn man immer gegen alles ist. Aber Kadavergehorsam muss niemand haben."

"Bei Rot-Blau übernehme ich kein Mandat"

Tatsächlich hat der Jungpolitiker den Sprech schon gut drauf, aber er steht ehrlich hinter seinen Positionen, das merkt man. Wohnen in Wien will er leistbarer machen, fordert dafür ein Ende der Spekulation im Wohnbau. Die Idee einer Leerstandsabgabe hat er populär gemacht. Zudem sind ihm Bildung ("Ein Tablet für jedes Schulkind") und die klare Abgrenzung zur FPÖ ein Anliegen. Dazu bloggt er auch regelmäßig. Die Hilfsbereitschaft der Wiener in der Flüchtlingskrise mache in stolz, sie zeige das Hetze nicht gefragt sei, sondern Anstand und Solidarität. Beim Stichwort Rot-Blau im Burgenland kommt hingegen der Ärger hoch. "Das war widerlich. So verkommen wir zu vollkommener Beliebigkeit." In Wien könne eine Koalition mit der FPÖ aber nicht passieren. Und wenn doch? "Dann übernehme ich kein Mandat."

Altersdurchschnitt 44

PK SPÖ WIEN: NIEDERMÜHLBICHLER/HANKE/HÄUPL/DEDIC/B Foto: APA/HERBERT PFARRHOFER Jugendkandidaten und Häupl Neben ihm als Jugendkandidaten kandidieren noch Marina Hanke, Chefin der SJ Wien und Michael Dedic – er soll die Lehrlingsstimmen holen. Zwar auf aussichtsreichen, aber doch nicht sehr prominenten Plätzen.

Ein Blick auf die Statistik zeigt: Der Altersdurchschnitt aller SP-Kandidaten liegt bei 44 Jahren – 2010 waren es noch 40,6. Gibt es nach Abgang der bekannten Gesichter also keine jungen Zugpferde mehr?

"SPÖ nutzt Potenzial nicht"

"Es gibt mehr Junge in der Partei, als man wahrnimmt", erklärt Stefan A. Sengl, Agenturchef und SPÖ-Kenner. Aber ein Nachwuchsproblem habe die Partei trotzdem, denn das Potenzial werde nicht genutzt. Nach außen komme den Jungen keine große Rolle zu. Im Bund sei der Mangel an frischen Gesichtern aber deutlich schlimmer, betont Sengl.

Tatsächlich steht die SPÖ zumindest bei den Wiener Jungwählern nicht schlecht da. So votierten laut SORA-Umfrage bei der vergangenen Wahl 43 Prozent der Jungen für die SPÖ, 23 für FPÖ, 20 für die Grünen. Die ÖVP lag abgeschlagen bei 13 Prozent. Ganz anders bei der Nationalratswahl: Bei den unter 30-Jährigen wählte laut SORA nur mehr jeder Fünfte Rot.

"Wer will schon sein ganzes Leben in der Politik verbringen?"

Kann man Junge überhaupt noch für Politik begeistern? "Für mich ist es ein toller Job. Auch wenn ich im Beliebtheitsranking kurz vorm Einbrecher bin", sagt Gremel. "Dass die SPÖ ihren Nachwuchs verheizt, diesen Eindruck habe ich nicht. Ich bin von Anfang an irrsinnig gefördert worden."

Die Angänge von Rudas, Peschek und Co erklärt er so: "Kein Mensch bleibt ewig in derselben Firma, das entspricht einfach nicht mehr der Lebensrealität." Und er selbst? Gremel überlegt kurz, dann zuckt er mit den Schultern: "Wer will schon sein ganzes Leben in der Politik verbringen?"

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(kurier) Erstellt am
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