Werner Faymann übernahm 2008 von Alfred Gusenbauer (li.)

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So erging es Faymanns Vorgängern
05/09/2016

So erging es Faymanns Vorgängern

Die SPÖ erlebte über die Jahrzehnte schon mehrere Zerreißproben – und mit ihr die Parteivorsitzenden.

von Peter Temel

Fast neun Jahre so lange dauert im Schnitt die Amtszeit eines Bundesparteivorsitzenden der SPÖ seit 1945. Werner Faymann hat es nun – nach seinem Rücktritt – auf sieben Jahre und acht Monate gebracht; damit liegt er unter der durchschnittlichen Ablaufzeit. Im Vergleich zur ÖVP wäre diese Zeitspanne hingegen schon eine halbe Ewigkeit: Die 16 schwarzen Bundesparteiobmänner konnten sich im Schnitt nur vier Jahre und acht Monate halten.

Die SPÖ-Chefs in Bildern

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VICTOR ADLER (Reproduktion)

Aufnahmedatum: unbekanntErscheinungsdatum: 31.01…

ARCHIVBILD: FRANZ OLAH

Archivbild Vranitzky/Mock/Haider

PK SPÖ/Viktor Klima

WOLFGANG SCHUESSEL AND ALFRED GUSENBAUER AT TV INT

Alfred Gusenbauer, Werner Faymann

Austrian Chancellor Faymann leaves a news conferen

Seit dem desaströsen Wahlergebnis des SPÖ-Kandidaten Rudolf Hundstorfer bei der Bundespräsidenten-Wahl gehen die Wogen innerparteilich hoch. Manche fordern neben einer inhaltlichen Neuausrichtung einen Schwenk zur FPÖ, manche plädieren für einen vorgezogenen Parteitag, auf dem sich Faymann Gegenkandidaten stellen soll. Aus einer solchen Kampfabstimmung ging 1967 der bisher erfolgreichste SPÖ-Vorsitzende der Zweiten Republik hervor: Bruno Kreisky. Er stand 16 Jahre an der Spitze der Partei und führte sie zu Höhen, die seitdem unerreicht sind. Unter welchen Umständen verließen "Sonnenkönig" Kreisky und die anderen bisherigen Parteichefs ihr Amt? Ein Rückblick.

Schärf (1945 - 1957): Vom Parteichef zum Präsidenten

Adolf Schärf war der erste SPÖ-Vorsitzende nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war in den Jahren des Wiederaufbaus Vizekanzler in fünf ÖVP-geführten Regierungen (Figl I-III und Raab I-II), bevor er im Mai 1957 zum Bundespräsidenten gewählt wurde und den Parteivorsitz zurücklegte. Im neuen, protokollarisch streng eingeschränkten Amt fühlte sich Schärf, wie er in seinem Tagebuch vermerkte, nicht besonders wohl. Er war es davor gewöhnt, "inmitten des politischen Lebens zu stehen und dort zu handeln", fand aber jetzt "keine das Leben ausfüllenden Beschäftigungen" mehr.

Pittermann (1957 - 1967): Kampf um die Macht

An der SPÖ-Spitze und als Vizekanzler folgte 1957 Bruno Pittermann auf Schärf. Ihm wurde eine gewisse Führungsschwäche vorgeworfen, wie auch das SPÖ-Weblexikon vermerkt. Größte Gefahr drohte ihm in der Person des mächtigen ÖGB-Präsidenten Franz Olah, der den Führungsanspruch in der Partei anmeldete. Der Konflikt mündete in die erste veritable Krise der Roten, die 1964 mit dem Parteiausschluss Olahs endete. Der Gewerkschaftsboss und Kurzzeit-Innenminister stolperte über eine Finanzierungsaffäre im Zusammenhang mit der Gründung der Kronen Zeitung.

In der damaligen Koalitionsregierung geführt von Josef Klaus (ÖVP) saß als Außenminister einer, der Pittermann ebenfalls stürzen wollte:Bruno Kreisky. Nach einer verheerenden Niederlage bei den Wahlen 1966 sah der damals 55-jährige Kreisky seine Chance. Erst am Rande des Parteitags im Februar 1967 erklärte Pittermann, nicht mehr zu kandidieren. Im Vorfeld war bereits Hans Czettel als Kandidat aufgebaut worden. Pittermann favorisierte Czettel, aber Kreisky setzte sich letztlich mit 347 der 497 Delegiertenstimmen klar durch – sogar gegen den Widerstand von Gewerkschaftsboss Anton Benya.Obwohl Pittermann von Kreisky die Führung des SP-Parlamentsklubs übertragen bekam, unterstützte er den neuen Parteichef erst nach einigen Jahren.1971 schied Pittermann endgültig aus der Politik aus.Da hatte Bruno Kreisky, nach 25 Jahren ÖVP-geführter Regierung, bereits 1970 die Kanzlerschaft für die SPÖ geholt. 1971 gewann Kreisky für seine Partei bei vorgezogenen Wahlen die absolute Mehrheit.

Kreisky (1967 - 1983): Die Enttäuschung des "Sonnenkönigs"

Kreiskys lange und erfolgreiche Regierungszeit war gegen Ende hin vom Konflikt mit seinem politischen Ziehsohn Hannes Androsch geprägt, der auch eine weitere Zerreißprobe für die Partei bedeutete. Kreisky gab an, nicht gewusst zu haben, dass Androsch‘ Steuerberaterkanzlei auch Aufträge staatseigener Betriebe annahm, und bezeichnete dies als unvereinbar mit dem Amt des Finanzministers. Als dann auch noch Vorwürfe von Steuervermeidung auftauchten, musste der Vizekanzler und einstige "Kronprinz" 1981 auf Druck Kreiskys aus der Spitzenpolitik ausscheiden.

1983, als Kreisky die absolute Mehrheit verlor, musste ein Nachfolger für den Langzeitkanzler gefunden werden. Die Wahl fiel auf einen, der gar nicht Kanzler werden wollte: Der als loyal und selbstlos eingestufte Unterrichtsminister Fred Sinowatz. Zitat: "Ohne die Partei bin ich nichts."

Kreisky selbst hatte noch die Fäden für eine rot-blaue Koalition gezogen, meldete sich als Altkanzler immer wieder zu Wort. Dann entfremdete er sich aber zusehends von seiner Partei, deren Entwicklung er kurz vor seinem Tod 1990 gar als "größte Enttäuschung seines Lebens" bezeichnete. Aus Protest gegen die Übergabe "seines" Außenministeriums an die ÖVP unter Alois Mock legte Kreisky 1987 den Ehrenvorsitz zurück. Eine Versöhnung mit der Partei erfolgte nur zaghaft.

Sinowatz (1983 - 1988) biss sich an Waldheim die Zähne aus

Fred Sinowatz unternahm im Jahr 1986 alles, um die Wahl von Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten zu verhindern. Aller Widerstand gegen den wegen seiner NS-Vergangenheit umstrittenen ÖVP-Kandidaten half nichts. Der SPÖ-Kandidat Kurt Steyrer schaffte nur 44 Prozent, was vor dreißig Jahren als eine verheerende Niederlage galt. Der glücklose Parteichef und bisher einzige Kanzler einer rot-blauen Koalition, machte am Tag nach Waldheims Wahlsieg Platz für Franz Vranitzky. Seinen Parteivorsitz gab Sinowatz erst 1988 ab, ebenfalls an Vranitzky. Der Burgenländer zog sich danach komplett aus dem öffentlichen Leben zurück, allerdings musste er wegen zweier Gerichtsverfahren noch einmal ins Scheinwerferlicht zurückkehren. 1991 wurde Sinowatz wegen falscher Zeugenaussage in der Waldheim-Affäre verurteilt, eine Anklage im Noricum-Prozess endete 1993 mit einem Freispruch.

Vranitzky (1988 - 1997): Keine Koalition mit Haider

Franz Vranitzky ist der bisherige Rekordhalter an Regierungen. Fünf Mal wurde er als Bundeskanzler angelobt, er verschliss dabei drei ÖVP-Obmänner (Mock, Riegler, Busek), schloss eine Koalition mit der Haider-FPÖ aus und führte Österreich, gemeinsam mit Außenminister Mock in die Europäische Union. An der Parteispitze stand der "Sozialist im Nadelstreif" achteinhalb Jahre lang. Im Jänner 1997, ging Vranitzky, von niemandem gedrängt und eigentlich am Höhepunkt seiner Macht. Ein seltener Fall vom Abgang zum richtigen Zeitpunkt. Vranitzky vertschüsste sich allerdings nicht auf sein geliebtes Kreta. Zunächst wurde er zum OSZE-Sonderbeauftragten für das damals kriselnde Albanien ernannt, weitere Tätigkeiten hatte er als Konsulent bei der WestLB und als Aufsichtsrat im Stronach-Konzern Magna. Der klassische Zwischenrufer wurde Vranitzky auch in der Polit-Pension nicht.


Klima (1997 - 2000): Verlorene Kanzlerschaft

Nach dem Banker Vranitzky übernahm der OMV-Manager und Finanzminister Viktor Klima das Ruder in der SPÖ. Mit lediglich drei Jahren hat er die kürzeste Amtszeit als Vorsitzender vorzuweisen. 1999 fuhr er mit 33,15 Prozent das bis dahin schlechteste Wahlergebnis für die Sozialdemokratie ein. 124 Tage später, nach dem Husarenstück Wolfgang Schüssels, als Wahldritter mit der FPÖ eine schwarz-blaue Bundesregierung zu bilden, wollte Klima die geschockte SPÖ nach 30 Jahren Regierungsverantwortung nicht in die Opposition führen. Klima versuchte bis zuletzt die rot-schwarze Koalition wiederbeleben, auch um den Preis zu hoher Zugeständnisse an die ÖVP. Vergeblich. Klima verabschiedete sich in turbulenten Zeiten mit den Worten: "Passen Sie mir auf dieses Land auf." Den geläuterten Kettenraucher zog es zurück in die Wirtschaft, und weit weg von der österreichischen Politik. Als Chef der argentinischen Volkswagen-Tochter war er bis 2012 tätig, wo er sich mit Vollendung seines 65. Lebensjahres verabschiedete.

Gusenbauer (2000 - 2008): Von der Oppositionsbank zurück ins Kanzleramt

In der SPÖ folgte ein Flügelkampf zwischen Links und Rechts um den Parteivorsitz. Aber keiner der ehemaligen Innenminister Caspar Einem und Karl Schlögl konnte sich dabei durchsetzen. Es wurde der damals österreichweit noch kaum bekannte Alfred Gusenbauer. Im April 2000 wurde Gusenbauer unter dem beliebten Stichwort "personelle Erneuerung" als insgesamt neunter Parteivorsitzender der SPÖ bestätigt (Victor Adler und Karl Seitz führten die Sozialdemokratie zwischen 1889 und 1934). Der damals 40-Jährige ehemalige SJ-Vorsitzende und AK-NÖ-Mitarbeiter übernahm die Partei in schwierigen Zeiten. Dem manchmal belächelten Gusenbauer (Stichwort: kurze Radlerhosen beim Wandern) gelang es, die Parteischulden zu reduzieren und die SPÖ 2007 nach sechs Jahren Opposition wieder in Regierungsverantwortung zu führen. Seine Regierung hielt aber nicht einmal zwei Jahre - bis zum ominösen "Es reicht" von VP-Vizekanzler Wilhelm Molterer im Juli 2008. Mit 691 Tagen im Amt ist Gusenbauer (ausgenommen: Renner) der am kürzesten dienende Bundeskanzler der Zweiten Republik. Die SPÖ führte er aber immerhin acht Jahre lang als Vorsitzender.

Seinen Rückzug von der SP-Spitze begründete Gusenbauer damit, dass er sein "politisches Kapital" verbraucht habe. Bis zur Neuwahl im September blieb er noch Bundeskanzler, seitdem widmet sich der Rotwein-Kenner zahlreichen Berater- und Aufsichtsratstätigkeiten, unter anderem berät er den kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew.

Faymann, seit 2008: Die Partei am Scheideweg

Den Parteivorsitz hatte Gusenbauer bereits vor dem Wahlkampf an den ehemaligen Wiener Wohnbaustadtrat und Infrastrukturminister Werner Faymann übergeben. Unter dem Slogan "Genug gestritten" fuhr die SPÖ zwar Verluste von 6 Prozentpunkten gegenüber der Wahl von 2006 ein, Molterers ÖVP wurde aber noch mehr abgestraft und blieb der Junior-Partner in der Koalition.

Das Versprechen, dass nicht mehr gestritten werde, konnte Faymann nicht einlösen. Und bei der Nationalratswahl 2013 erreichte die SPÖ nur noch magere 26,8 Prozent, gemeinsam mit den 24 Prozent der ÖVP waren das nur noch 50,8 Prozent für Rot-Schwarz. Nach fast acht Jahren als Parteichef und einem historischen Tiefstand bei der Bundespräsidenten-Wahl 2016 steht nun nicht nur er, sondern auch die SPÖ und mit ihr die große Koalitionam Scheideweg.

Acht SPÖ-Vorsitzende der Zweiten Republik

Adolf Schärf

14.04.1945 - 08.05.1957

Bruno Pittermann

08.05.1957 - 01.02.1967

Bruno Kreisky

01.02.1967 - 27.10.1983

Fred Sinowatz

27.10.1983 - 11.05.1988

Franz Vranitzky

11.05.1988 - 09.04.1997

Viktor Klima

09.04.1997 - 28.04.2000

Alfred Gusenbauer

28.04.2000 - 08.08.2008

Werner Faymann

08.08.2008 - ?