"Silbersteins Wort war für Kern Gebot"

ISRAEL-CORRUPTION-POLICE-MINING
Foto: APA/AFP/JACK GUEZ Ex-SPÖ-Berater Tal Silberstein

Wie der Kampagnen-Profi Tal Silberstein tickt. Er gilt als skrupellos und pflegte ein Peitschenknaller-Image.

„Es ist mir s.....egal, welche Bedenken du hast“ (I don‘t give a shit what concerns you have“). Herabwürdigende  Sätze wie  diese schmetterte der skandalumwitterte Tal Silberstein  dem SPÖ-Wahlkampfteam gerne und zahlreich entgegen. Sein wenig eleganter Umgangston war gefürchtet in der Löwelstraße. „Er hat  seine Machtposition mit sehr manipulativen Methoden ausgebaut“, umschreibt ein SPÖ-Mitstreiter   die Peitschenknaller-Qualitäten des geheimnisvollen Kanzlermachers.
Bis zu seiner Verhaftung am 14. August war Silberstein ein Name, der ausschließlich Politikinsidern ein Begriff war. Der israelische Spindoktor agierte stets im Hintergrund.  Seit sechs Wochen ist es vorbei mit der selbst gewählten Anonymität: Der Geschäftspartner von Alfred Gusenbauer dominiert mit seinen  ungustiösen  Tricks den Wahlkampf.  

NR-WAHL: ORF-SOMMERGESPRÄCH KERN Foto: APA/HANS PUNZ Georg Niedermühlbichler musste gehen

Doch wie tickt der Kampagnen-Profi aus Israel, der stets  leger in Jeans und zerknitterten T-Shirts auftritt? Woher kommt sein  Mythos?
Silberstein agierte in der Löwelstraße mit beinharten Methoden: Wer nicht für ihn war, war gegen ihn. Kritiker mussten sich subtile Drohungen gefallen lassen oder wurden einfach vom Informationsfluss ausgeschlossen. „Entweder  schmiss er dich aus der WhatsApp-Gruppe. Oder er gründete eine neue, wo man nicht mehr dabei war.“  Dem  Bundeskanzleramt, das ohnehin  große Zweifel an der  Leistungsfähigkeit der Löwelstraße hatte, war es nur recht, dass der 48-Jährige  den Parteikollegen „die Wadln viere richtn“ wollte, so ein Genosse.  Stießen seine Ideen nicht auf offene Ohren, dann ging der Wahlkampf-Profi direkt zum Kanzler.  „Silberstein   spielte die Leute skrupellos  aus.“

 

 … Foto: Kurier/schraml wilhelm 2006 brachte Silberstein Gusenbauer den Sieg

Militär-Schmäh 

Ein zweites prägnantes Merkmal der Silberstein-Methode: Jeden Wahlkampf führt er mit einem militärischen Ansatz. Der Offizier der israelischen Armee wiederholte gerne einen Glaubenssatz: „Jeder Tag muss gewonnen werden. Wer am Ende die meisten Tage gewonnen hat, hat auch den Krieg gewonnen.“ Er bestand  auf klare, eindeutige Befehlsstrukturen. Legendär ist auch seine Botschaft: „There is no democracy in campaigns.“    Silberstein-Kenner  beschreiben das Szenario so: „Am Anfang ist man von seinem Militärschmäh tief beeindruckt.  Man hat das Gefühl, General Silberstein ruft den Jom-Kippur-Krieg aus.“  Dazu kommt seine eiserne Disziplin, die die Energiemaschine  in der Armee lernte. „Er war ein Lebemann, ging aber dann jeden Tag um sechs Uhr laufen, und um acht Uhr gab es  die erste Konferenz. Man fragte sich manches Mal, ob er überhaupt schläft“, erzählt jemand aus dem Umfeld der Neos.  2015 beriet der Politik-Guru die Neos im Wien-Wahlkampf.  Ein Mitstreiter aus der Löwelstraße schildert Ähnliches: „Er forderte  permanent Reports oder verschickte rund um die Uhr WhatsApp-Nachrichten. Auch wenn er  in Isreal war, hatte man das Gefühl, Silberstein ist präsent.“

WIEN-WAHL: NEOS PRÄSENTIEREN PLAKATE FÜR DAS WAHLK Foto: APA/FLORIAN ALBERT Silberstein beriet erfolgreich Neos-Wien

Sein stärkstes Argument, so heißt es unisono, war sein Auftreten, das nur so vor übersteigertem Selbstvertrauen strotzte. „Silberstein versprühte das Heilsversprechen, dass nur er weiß, wie man Wahlen gewinnen kann.  Das ist natürlich verlockend, wenn man acht Prozentpunkte hinter der Konkurrenz liegt “, so ein Insider aus der SPÖ.
Dieser Verlockung  verfielen  viele. Der Politik-Guru war   für Israels ehemaligen Ministerpräsidenten Ehud Barak tätig. Außerdem beriet er in der Ukraine die Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Ebenso  war er in Albanien, Rumänien, Bolivien und Russland im Wahlkampfeinsatz.  Auch Serbiens Präsident Aleksandar Vučić  soll auf Vermittlung von Gusenbauer Silberstein engagiert haben.  
Manche halten ihn für den besten Wahlkampf-Manager der Welt, weil er sich ein unglaubliches Know-how bei der Auswertung von Fokus-Gruppen erarbeitet  hatte. „Während andere Meinungsforscher bei der Interpretation viel Spielraum lassen, liest Silberstein  eine punktgenaue Botschaft aus den Auswertungen und verknüpft diese auch“, erzählt ein Silberstein-Kenner.

Auch den Sieg von Alexander Van der Bellen hat Silberstein frühzeitig, als Norbert Hofer in allen Umfragen voran lag,  mittels Fokusgruppen vorausgesagt – und zwar auf die Prozentzahl genau.   Seit damals vertraute Kern Silberstein blind.  Bereits im  Spätherbst 2016 gab  es ein  Treffen mit der roten Führungsriege, wo der Israeli die ersten Ergebnisse aus den Fokusgruppen und die Positionierung von   Kern  entwarf.  „Sein Wort war  für Kern Gebot. Es gab keine kritische Auseinandersetzung. Und Kern sagte am Ende der Präsentation: So machen wir das.“  
Und natürlich mischte Silberstein auch im täglichen Politgeschäft mit, weil jeder Millimeter gewonnen werden musste.  Die Löwelstraße hatte oft Mühe, seine „wahnwitzigen Ideen zu verhindern“, so ein Genosse. Von Pressekonferenzen, wie jene am Flughafen mit Kern und Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil, wo sie das Programm zur Mittelmeerroutenschließung präsentierten, erfuhr die Parteizentrale  spät. Vor dem Ministerrat bekamen die Ressortchefs „Tipps  von Tal, was sie den Journalisten sagen sollten“.

Ideologielose Gruppe

Viele innerhalb der SPÖ sahen Silbersteins Praktiken kritisch. „Rund um Silberstein gab es eine ideologielose Gruppe von Wahlkampfexperten, die um den Globus reisten und ein Produkt von der Stange verkauften. Egal, ob der Kandidat ein übler Rechter  oder ein Linker war.“ Dazu kommt: Die Wahlkampfstrategien stammen aus den USA, wo es ein bipolares System gibt und keine Mehrparteiendemokratie. „Es geht Silberstein nicht um das Land, den Kandidaten, sondern nur ums Geld“, so einer, der den Profi  kennt. Von Silberstein  bekam man   also kein maßgeschneidertes Konzept, sondern ein Erfolgsrezept, das er weltweit verkaufte.
Und  das ging so:  „Mache aus dem sauberen Gegenkandidaten einen schmutzigen.“ Wie Silberstein das schafft, schildert er in der  US-Doku „Our brand is crisis“ (Unsere Marke ist Krise) anhand des Wahlkampfes in Bolivien. In dieser Doku sagt er den Schlüsselsatz: „Wir attackieren den Gegner von außen, damit man  es nicht zu uns zurückverfolgen kann.“  

Diese Strategie fliegt der SPÖ gerade um die Ohren.

(kurier) Erstellt am
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