Politik | Inland
07.10.2017

"Silbersteins Wort war für Kern Gebot"

Ex-SPÖ-Berater Tal Silberstein © Bild: APA/AFP/JACK GUEZ

Wie der Kampagnen-Profi Tal Silberstein tickt. Er gilt als skrupellos und pflegte ein Peitschenknaller-Image.

„Es ist mir s.....egal, welche Bedenken du hast“ (I don‘t give a shit what concerns you have“). Herabwürdigende Sätze wie diese schmetterte der skandalumwitterte Tal Silberstein dem SPÖ-Wahlkampfteam gerne und zahlreich entgegen. Sein wenig eleganter Umgangston war gefürchtet in der Löwelstraße. „Er hat seine Machtposition mit sehr manipulativen Methoden ausgebaut“, umschreibt ein SPÖ-Mitstreiter die Peitschenknaller-Qualitäten des geheimnisvollen Kanzlermachers.
Bis zu seiner Verhaftung am 14. August war Silberstein ein Name, der ausschließlich Politikinsidern ein Begriff war. Der israelische Spindoktor agierte stets im Hintergrund. Seit sechs Wochen ist es vorbei mit der selbst gewählten Anonymität: Der Geschäftspartner von Alfred Gusenbauer dominiert mit seinen ungustiösen Tricks den Wahlkampf.

ABD0088_20170904 - WIEN - ÖSTERREICH: SPÖ-Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler (l.) und BK Christian Kern vor Beginn ei… © Bild: APA/HANS PUNZ

Doch wie tickt der Kampagnen-Profi aus Israel, der stets leger in Jeans und zerknitterten T-Shirts auftritt? Woher kommt sein Mythos?
Silberstein agierte in der Löwelstraße mit beinharten Methoden: Wer nicht für ihn war, war gegen ihn. Kritiker mussten sich subtile Drohungen gefallen lassen oder wurden einfach vom Informationsfluss ausgeschlossen. „Entweder schmiss er dich aus der WhatsApp-Gruppe. Oder er gründete eine neue, wo man nicht mehr dabei war.“ Dem Bundeskanzleramt, das ohnehin große Zweifel an der Leistungsfähigkeit der Löwelstraße hatte, war es nur recht, dass der 48-Jährige den Parteikollegen „die Wadln viere richtn“ wollte, so ein Genosse. Stießen seine Ideen nicht auf offene Ohren, dann ging der Wahlkampf-Profi direkt zum Kanzler. „Silberstein spielte die Leute skrupellos aus.“

© Bild: Kurier/schraml wilhelm

Militär-Schmäh

Ein zweites prägnantes Merkmal der Silberstein-Methode: Jeden Wahlkampf führt er mit einem militärischen Ansatz. Der Offizier der israelischen Armee wiederholte gerne einen Glaubenssatz: „Jeder Tag muss gewonnen werden. Wer am Ende die meisten Tage gewonnen hat, hat auch den Krieg gewonnen.“ Er bestand auf klare, eindeutige Befehlsstrukturen. Legendär ist auch seine Botschaft: „There is no democracy in campaigns.“ Silberstein-Kenner beschreiben das Szenario so: „Am Anfang ist man von seinem Militärschmäh tief beeindruckt. Man hat das Gefühl, General Silberstein ruft den Jom-Kippur-Krieg aus.“ Dazu kommt seine eiserne Disziplin, die die Energiemaschine in der Armee lernte. „Er war ein Lebemann, ging aber dann jeden Tag um sechs Uhr laufen, und um acht Uhr gab es die erste Konferenz. Man fragte sich manches Mal, ob er überhaupt schläft“, erzählt jemand aus dem Umfeld der Neos. 2015 beriet der Politik-Guru die Neos im Wien-Wahlkampf. Ein Mitstreiter aus der Löwelstraße schildert Ähnliches: „Er forderte permanent Reports oder verschickte rund um die Uhr WhatsApp-Nachrichten. Auch wenn er in Isreal war, hatte man das Gefühl, Silberstein ist präsent.“

ABD0089_20150924 - WIEN - ÖSTERREICH: ZU APA0337 VOM 24.9.2015 - Die Spitzenkandidatin der NEOS für die Wien-Wahl Beate Meinl-Re… © Bild: APA/FLORIAN ALBERT

Sein stärkstes Argument, so heißt es unisono, war sein Auftreten, das nur so vor übersteigertem Selbstvertrauen strotzte. „Silberstein versprühte das Heilsversprechen, dass nur er weiß, wie man Wahlen gewinnen kann. Das ist natürlich verlockend, wenn man acht Prozentpunkte hinter der Konkurrenz liegt “, so ein Insider aus der SPÖ.
Dieser Verlockung verfielen viele. Der Politik-Guru war für Israels ehemaligen Ministerpräsidenten Ehud Barak tätig. Außerdem beriet er in der Ukraine die Ex-Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Ebenso war er in Albanien, Rumänien, Bolivien und Russland im Wahlkampfeinsatz. Auch Serbiens Präsident Aleksandar Vučić soll auf Vermittlung von Gusenbauer Silberstein engagiert haben.
Manche halten ihn für den besten Wahlkampf-Manager der Welt, weil er sich ein unglaubliches Know-how bei der Auswertung von Fokus-Gruppen erarbeitet hatte. „Während andere Meinungsforscher bei der Interpretation viel Spielraum lassen, liest Silberstein eine punktgenaue Botschaft aus den Auswertungen und verknüpft diese auch“, erzählt ein Silberstein-Kenner.

Auch den Sieg von Alexander Van der Bellen hat Silberstein frühzeitig, als Norbert Hofer in allen Umfragen voran lag, mittels Fokusgruppen vorausgesagt – und zwar auf die Prozentzahl genau. Seit damals vertraute Kern Silberstein blind. Bereits im Spätherbst 2016 gab es ein Treffen mit der roten Führungsriege, wo der Israeli die ersten Ergebnisse aus den Fokusgruppen und die Positionierung von Kern entwarf. „Sein Wort war für Kern Gebot. Es gab keine kritische Auseinandersetzung. Und Kern sagte am Ende der Präsentation: So machen wir das.“
Und natürlich mischte Silberstein auch im täglichen Politgeschäft mit, weil jeder Millimeter gewonnen werden musste. Die Löwelstraße hatte oft Mühe, seine „wahnwitzigen Ideen zu verhindern“, so ein Genosse. Von Pressekonferenzen, wie jene am Flughafen mit Kern und Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil, wo sie das Programm zur Mittelmeerroutenschließung präsentierten, erfuhr die Parteizentrale spät. Vor dem Ministerrat bekamen die Ressortchefs „Tipps von Tal, was sie den Journalisten sagen sollten“.

Ideologielose Gruppe

Viele innerhalb der SPÖ sahen Silbersteins Praktiken kritisch. „Rund um Silberstein gab es eine ideologielose Gruppe von Wahlkampfexperten, die um den Globus reisten und ein Produkt von der Stange verkauften. Egal, ob der Kandidat ein übler Rechter oder ein Linker war.“ Dazu kommt: Die Wahlkampfstrategien stammen aus den USA, wo es ein bipolares System gibt und keine Mehrparteiendemokratie. „Es geht Silberstein nicht um das Land, den Kandidaten, sondern nur ums Geld“, so einer, der den Profi kennt. Von Silberstein bekam man also kein maßgeschneidertes Konzept, sondern ein Erfolgsrezept, das er weltweit verkaufte.
Und das ging so: „Mache aus dem sauberen Gegenkandidaten einen schmutzigen.“ Wie Silberstein das schafft, schildert er in der US-Doku „Our brand is crisis“ (Unsere Marke ist Krise) anhand des Wahlkampfes in Bolivien. In dieser Doku sagt er den Schlüsselsatz: „Wir attackieren den Gegner von außen, damit man es nicht zu uns zurückverfolgen kann.“

Diese Strategie fliegt der SPÖ gerade um die Ohren.