Politik | Inland
20.03.2016

Schule in Not: Heer von Absolventen ohne Aussichten

Die Wirtschaft sucht dringend Lehrlinge und schlägt lauter denn je Bildungs-Alarm.

Das Urteil ist vernichtend: "Die heutige Schul-Mittelstufe ruiniert als unkoordinierte Baustelle die Zukunftschancen Tausender Schüler." Das sagt Generalsekretär Stephan Blahut vom Österreichischen Gewerbeverein dem KURIER. Der Verein vertritt seit 1839 die Interessen von Industrie, Gewerbe, Handel und freien Berufen. Seine Mitglieder sind darauf angewiesen, dass das Schulsystem junge Menschen so ausbildet, dass sie erfolgreich eine Lehre machen können.

"Doch wenn wir bei Vorstellungsgesprächen auf Jugendliche treffen, die keinen geraden deutschen Satz formulieren können, die über kein Basiswissen in Mathematik verfügen und am Computer nur spielen können, bleibt rätselhaft, was in den Schulen passiert. " Immer weniger 15-Jährige kennen nicht einmal ihre nächste Umgebung – und hätten von grundlegenden wirtschaftlichen Zusammenhängen keine Ahnung. "Kenntnisse jenseits der Schulfächer beschränken sich auf Abhängen im Park, Shoppen und WhatsApp-Chats."

Österreichs Rückgrat

Dabei braucht das Gewerbe jedes Jahr solide ausgebildete Menschen. Blahut erinnert daran, dass sieben von zehn Gewerbetreibenden einen Lehrabschluss und eine Meisterprüfung abgelegt haben. Die österreichische Wirtschaft lebe von Handel und Gewerbe, die vielen kleinen und mittleren Unternehmen seien das Rückgrat von Österreichs Wirtschaft. "Das wird ja in politischen Reden nie vergessen. Aber auch ein Rückgrat kann man brechen." Für Blahut sind das Problem die "massenhaften Zuständigkeiten" in der Schulpolitik. "Das Ganze sieht keiner. Die Schüler verblöden sozusagen institutionell. Augenscheinlich funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Bildungs-, Sozial-, Familien- und Wirtschaftsministerium nicht – vom Einmischen der Länder spricht schon keiner mehr."

Leider ist der beängstigende Befund des Generalsekretärs nicht neu – und schon seit vielen Jahren ist die Sache ungelöst. Jedes Jahr beenden Tausende österreichische Schüler ihre Schulpflicht, obwohl sie nicht fit für das weitere Erwerbsleben sind. Viele beherrschen die deutsche Sprache nicht oder kaum, sie können nicht lesen, nicht schreiben, nicht rechnen. Einige von ihnen sind zwar erst seit wenigen Jahren in Österreich, aber der überwiegende Teil dieser Gruppe von Jugendlichen ist in Österreich geboren oder lebt seit vielen Jahren hier. Die meisten haben neun Jahre Schulpflicht hinter sich.

Das offensichtliche Bildungsproblem ist inzwischen ein gesellschaftliches geworden. Doris Landauer vom Arbeitsmarktservice hat in einer soeben veröffentlichten Studie dargelegt, dass inzwischen 130.000 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren keine über die Pflichtschule hinausgehende Ausbildung oder einen Lehrabschluss haben. Diese 130.000 Personen seien damit "in ihrem Leben in höchstem Maß gefährdet, ihr Leben nicht ohne Sozialleistungen bestreiten zu können", sagt Landauer.

Statistisch gesehen hat diese Gruppe entsprechend eine "extrem niedrige Erwerbsbeteiligung" (45 Prozent) als working poor (Erwerbsarmut). Diese Menschen sind von "überdimensionaler Arbeitslosigkeit" betroffen – 39 Prozent in Wien, 26 Prozent in Österreich. Sie haben eine "sehr hohe Armutsgefährdung, eine verkürzte Lebenserwartung (bei Männern um sechs Jahre gegenüber Akademikern, bei Frauen zwei Jahre) und einen schlechteren Gesundheitszustand", sagt die Expertin.

In Wien betreffe dieses Phänomen rund 20 Prozent jedes Abschluss-Jahrgangs, deutlich mehr als im Österreich-Schnitt (13 Prozent).

Schulen im Wettbewerb

Aber was müsste geschehen? AMS-Expertin Landauer empfiehlt, die Schulen in die Pflicht zu nehmen. Das Bildungssystem in Österreich sei bekanntlich teuer, die Ergebnisse aber nicht entsprechend. "Wir brauchen eine bessere Zielsteuerung. Die Schulen müssen für ihre Ergebnisse verantwortlich sein."

Das Problem sei, dass derzeit von keinem Schulstandort die Bildungsdaten bekannt seien – also, wie viele Schüler vorzeitig abbrechen, wie viele Lehrer pro Schüler unterrichten – und wie viel Geld jede Schule zur Verfügung hat. Wären diese Daten öffentlich, könnte man mit einem Sozialindex – Schulen mit sozial benachteiligten Schülern bekommen mehr Mittel – gegensteuern. Kriterien für den Index wären zum Beispiel Bildungsstand, Beruf und Migrationshintergrund der Eltern sowie die Umgangssprache daheim.

Dann, erklärt Landauer, würde ein Wettbewerb um die schwächsten Schüler beginnen – denn je schwächer die Schüler, desto mehr Geld bekomme der Schulstandort zur Verfügung.