Schulautonomie: Eltern gegen "abgehobenes Schreibtisch­pa­pier"

PK "FÜHRUNGSWECHSEL IM BUNDESELTERNVERBAND": SCHRE
Foto: APA/HELMUT FOHRINGER Gernot Schreyer, Obmann der Elternvereine

Die Lehrer befürchteten bei einer Pressekonferenz am Donnerstag "Verteilungskämpfe". Schüler kritisieren das Vorgehen der Eltern.

Die Lehrer- und Elternvertreter machen weiter gegen das Schulautonomiepaket der Regierung mobil. Für den Vorsitzenden des Bundeselternverbands an den mittleren und höheren Schulen, Gernot Schreyer, ist der Gesetzesentwurf "ein abgehobenes Schreibtischpapier, dem die Erdung fehlt". Die Lehrer befürchteten bei einer Pressekonferenz am Donnerstag "Verteilungskämpfe". Schreyer bemängelte die nicht ausreichende Einbindung der Schulpartner und fühlte sich an die Verschiebung der Einführung der Zentralmatura und der Neuen Oberstufe erinnert. Von Eltern- und Lehrerseite werde der Nutzen des Pakets nicht erkannt: "Die Vermutung ist daher angebracht, da ist auch keiner drin." Dafür würden die geplanten Maßnahmen "von sehr viel Marketingarbeit begleitet": "Da wird schon Werbung gemacht mit Broschüren, obwohl das Gesetz noch nicht einmal im Nationalrat ist."

"Durch die Hintertür"

Konkret stört die Eltern neben der Freigabe von Klassenschüler-und Teilungszahlen auch der mögliche zwangsweise Zusammenschluss von Schulen in Clustern sowie die Einführung eines Sozialindex "durch die Hintertür". Natürlich brauche es an Brennpunktschulen mehr Mittel, aber diese dürften nicht einfach von anderen Einrichtungen abgezogen werden. "Man kann nicht beginnen, innerhalb des Systems umzuverteilen", so Schreyer. Das sei auch das Problem mit der vom Ministerium versprochenen Ressourcengarantie: "Wir brauchen mehr Geld."

Sämtliche im Reformpaket angeführten angeblich neuen Möglichkeiten wie Frühbetreuung, das Blocken von Unterrichtsstunden oder das Abgehen von Teilungszahlen gebe es auch im derzeitigen System schon, so die Eltern- und Lehrervertreter. "Wir haben jetzt schon als Schulpartner an der Schule die Freiheit, Gruppengrößen verändern zu können - aber wir haben dafür einen Rahmen", so der Vorsitzende der BMHS-Lehrergewerkschaft, Roland Gangl. Wenn die Vorgaben für die Eröffnung und Teilung von Gruppen ganz aufgehoben würden, befürchtet er "Verteilungskämpfe innerhalb des Lehrkörpers": "Weil jeder hat Gründe, warum er eine kleinere Gruppe haben will."

"Keine Gründe für Verclusterungen"

Sein Pendant von der AHS-Lehrergewerkschaft, Herbert Weiß, befürchtet Einschränkungen bei den Freifächern, um Gruppen erhalten zu können. Das werde wiederum zu einer Verminderung der dort stattfindenden Begabungsförderung führen. Die Direktorin des BORG Mistelbach, Isabella Zins, sah "keine pädagogischen Gründe für Verclusterungen, sondern rein organisatorische". Ihre eigene Schule sei schon jetzt in einem Verbund mit drei berufsbildenden Schulen. Zusammenarbeit in Bezug auf Räumlichkeiten und Ähnliches würde jetzt schon möglich sein, anderweitige Synergien etwa zwischen einem Gymnasium und einer Handelsakademie seien kaum möglich. "Es geht da nur ums Einsparen eines oder mehrerer Direktorenposten - erst dadurch wird Gestaltungsspielraum geschaffen."

Mit Kollegen habe sie das Gesetzespaket auf zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten von Schulen durchsucht. "Wir haben kaum etwas gefunden", meinte Zins. Man könne schon jetzt Unterrichtseinheiten blocken oder etwa einen Science Day veranstalten. "Mehr geht auch künftig nicht, weil ja die 50-Minuten-Stunden als Verrechnungseinheit erhalten bleiben sollen." Sie fordert eine reine Freiwilligkeit der Clusterbildung. Ganz generell sieht Zins die Reform falsch angegangen. "Wir brauchen keinen übergeordneten Verbund, sondern ein mittleres Management."

Schüler-Kritik an Vorgehen der Eltern

Kritik am Vorgehen der Elternvertreter beim Schulautonomiepaket kommt von Bundesschulsprecher Harald Zierfuß von der VP-nahen Schülerunion. Es sei eine "Verhöhnung", zu behaupten, dass alle Schulpartner gegen das Autonomiepaket im Gesamten seien, so Zierfuß in einem der APA vorliegenden Schreiben an Eltern- und Lehrervertreter. Der Bundeselternverband an mittleren und höheren Schulen (BEV) sowie die Lehrergewerkschafter an AHS und BMHS haben sich mit der Bundesschülervertretung im sogenannten Bundes-Schulgemeinschaftsausschuss (B-SGA) zusammengeschlossen. In diesem nehmen sie im Regelfall gemeinsam zu schulpolitischen Gegenständen Stellung - nicht aber bei der heutigen Pressekonferenz zum Schulautonomiepaket, der Zierfuß fernblieb.

Dieser hat "das Gefühl, dass nicht mehr nach einem gemeinsamen schulpartnerschaftlichen Weg oder zumindest einem größten gemeinsamen Nenner gesucht wird", schreibt er den Lehrern und Eltern. "Wir bringen es auf Bundesebene als Schulpartner wohl auf keine gemeinsame Meinung zum aktuell diskutierten Schulautonomiepaket." Diese unterschiedlichen Ansichten würden auf den unterschiedlichen Interessen der Gruppen fußen. "Das kann durchaus vorkommen." Aber: "Gerade in dieser angespannten Situation halten wir es für eine Verhöhnung weiterhin so zu tun, als hätten wir keine eigenständige Meinung (...), uns vorzuwerfen gegen die Schüler vorzugehen oder gar zu behaupten, dass alle Betroffenen (=Schulpartner) gegen das Autonomiepaket im Gesamten sind."

Fernab jeder Euphorie

Die Bundesschülervertretung habe Stellungnahmen "fernab jeder Euphorie" abgegeben, bemerkte Zierfuß. Enthalten sind darin aber nicht nur negative Aussagen zum Paket. In der aktuellen Petition des Bundeselternverbands zum Paket heiße es aber nun, dass "keine der betroffenen Personengruppen, außer Vereinzelten, die zu positiven und zum Teil euphorischen Stellungnahmen 'gezwungen' sind, an den vorliegenden Papieren positive Elemente entdecken hat können". "Uns wird unsere Meinung keinesfalls vorgeschrieben, das ist eine böse und absolut falsche Behauptung", so Zierfuß in Richtung Eltern. "Es ist niveaulos uns Schülern sowas zu unterstellen."

Der Bundesschulsprecher fürchtet dabei auch Auswirkungen auf künftige Schülervertretungswahlen: "Ich möchte zu bedenken geben, dass dieser aktuelle Weg, bei dem von Seiten der Eltern bewusst gegen uns mobilisiert wird, uns bei Wahlen durchaus schaden kann und zu Verschiebungen der Mehrheitsverhältnisse beitragen könnte." Das könne zu "noch viel grundsätzlicheren Diskussionen unter den Schulpartnern bei Themen wie Gesamtschule und Zentralismus im Schulwesen führen", verwies Zierfuß auf einen möglichen Machtwechsel in der BSV zur SP-nahen Aktion Kritischer SchülerInnen (AKS).

(APA / yw) Erstellt am
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