Politik | Inland
25.01.2013

„Nichts war geheim“

Die Anschuldigungen gegen sie seien haltlos; auch habe es nie geheime Zocker-Konten gegeben.

Mein Name ist Monika Rathgeber, ich bin 41 Jahre alt und arbeite seit 1990 im Amt der Salzburger Landesregierung.“ Mit diesen Worten trat die geheimnisvolle Protagonistin des Salzburger Finanzskandals am Freitag erstmals vor die Öffentlichkeit – auch wenn ihr das Scheinwerferlicht sichtlich unheimlich war. „Ich bin ein bissl aufgeregt“, sagte sie im oberösterreichischen Dialekt. „So ein Rummel, so viele Kameras, das ist ja furchtbar.“

Rathgeber wirkte schüchtern, die Hände im Schoß gefaltet, der Blick immer wieder zu Boden gerichtet. Geduldig ertrug sie das minutenlange Blitzlichtgewitter, das erst ihr Anwalt, Herbert Hübel, beendete. Seine Klientin wollte endlich aus dem Schatten der Anonymität treten, sagte Hübel. „Das ist nicht die Zocker-Moni oder die Schattenfrau, sondern die Frau Magister Rathgeber, mit ,th‘.“

Die zierliche Frau trug halbhohe schwarze Stöckelschuhe, schwarze Jeans und eine schwarze Lederjacke, darunter einen roten Pulli und ein buntes Halstuch. Nur langsam fasste sie Mut, vor den Medienvertretern laut zu sprechen, geduldig beantwortet sie alle Fragen. Das von ihren ehemaligen Arbeitskollegen attestierte starke Selbstbewusstsein zeigte sie nur in Ansätzen.

Erschütternd

Der Frau wird vorgeworfen, ohne Wissen ihrer Vorgesetzten mit Milliardenbeträgen aus Landesmitteln spekuliert und Protokolle und Unterschriften gefälscht zu haben. Sie wurde im Dezember entlassen, die Korruptionsstaatsanwaltschaft ermittelt.

„Die Vorwürfe sind erschütternd und haben mich in eine tiefe Krise gerissen“, erzählte Rathgeber. „Ich wurde am 6. Dezember 2012 vor laufenden Kameras (von Ex-Landesrat Brenner) komplett vernichtet.“

Wahr sei vielmehr, dass kein einziges Geschäft oder Protokoll von ihr gefälscht oder durch eine heimliche Unterschrift abgeschlossen worden sei, erklärte Anwalt Hübel. „Alle Erledigungen wurden bei uns auf einem gemeinsamen Laufwerk gesichert und dokumentiert“, sagte Rathgeber. „Nichts war geheim.“ Mehr noch: „Unsere Vorgabe war es, ab 2005 jährlich 16 Millionen Euro zu erwirtschaften.“

Begonnen habe die Krise im vergangenen Frühjahr, als sie beauftragt wurde, lukrative Geschäfte zu beenden. „Ich habe mich geweigert, diese Weisungen umzusetzen. Daraufhin wollte man mich unbedingt weghaben – und hat es auch mit allen Mitteln probiert.“

Im Sommer, nach einem ähnlichen Vorfall, wurden Rathgeber alle Vollmachten entzogen, sie wurde auf Zwangsurlaub geschickt. Im Finanzressort wurden derweil ihre Geschäfte überprüft – ohne einen Hinweis auf Malversationen. „Im Oktober bekamen wir einen neuen Mitarbeiter, der konnte es nicht erwarten, meine Position zu übernehmen“, erzählte Rathgeber. Er habe aber nur einen Teil der Derivativ-Geschäfte des Landes gekannt – jene, die bei seinem vorherigen Arbeitgeber, der Deutschen Bank, gemeldet worden seien. Als er ihm unbekannte Geschäfte bemerkt habe, habe er geglaubt, ein „Schattenportfolio “ entdeckt zu haben – und meldete dies seinen Vorgesetzten.

100 Millionen Verlust

„Im Oktober und November herrschte große Nervosität. Es gab einen Medienbericht und eine Anfrage der Grünen. Das war der Grund, warum die Derivate panikartig aufgelöst wurden, weil ein lupenrein sauberes Portfolio dastehen musste. Das hat 100 Millionen Euro Verlust gebracht“, sagte Rathgeber. Als schließlich alle Geschäfte aufgelöst werden sollten, habe sie vor weiteren Verlusten in Höhe von 340 Millionen Euro gewarnt. Dann wurde sie entlassen.

Bekanntlich haben sechs Wochen lang mehrere Teams die Landesfinanzen durchforstet und letztlich einen Gewinn von 70 Millionen Euro ausgewiesen. Für Rathgeber ist die Summe „plausibel“; der Bericht zwar nicht falsch, aber lückenhaft. Kommende Woche will sie Justiz und Landesregierung darüber informieren.

Chronologie des Finanzskandals

28. Februar 2000: Die damals 28-jährige Hauptverdächtige im Salzburger Finanzskandal, Monika R., wird Leiterin des Budgetreferats der Finanzabteilung des Landes Salzburg.

2001: Salzburg beschließt unter LHStv. Wolfgang Eisl (V) die Einführung des sogenannten Schuldenmanagements. Dabei werden Zinstauschverträge zur Reduktion der Zinslast vorgenommen. Das Modell entpuppt in der Folge als höchst lukrativ, seit 2002 dürften dem Land auf diesem Wege Einnahmen in der Höhe von über 150 Millionen Euro zugeflossen sein.

6. Februar 2003: Die Referatsleiterin R. erhält eine Vollmacht für eine Reihe risikoreicher Finanzgeschäfte. Ausdrücklich genannt werden Future-Optionsscheine, Finanzterminkontrakte, Devisenoptionsgeschäfte, Finanz-Swaps, Zinsbegrenzungsgeschäfte und "exotische Zinsderivate". Es gilt das 4-Augen-Prinzip. Verträge und Bestätigungen sind von jeweils zwei von drei Bevollmächtigen zu unterschreiben. Die Vollmacht wurde von Eisl unterzeichnet. Aus den risikoreichen Geschäften dürften vor allem in den Jahren 2006 und 2007 enorme Verluste entstanden sein.

4. Juni 2007: Der damalige Finanzreferent Othmar Raus (S) erlässt "Richtlinien für das Finanzmanagement“. So habe etwa eine monatliche Risiko- und Barwertberechnung des Portfolios durch eine externe und unabhängige Stelle zu erfolgen. Das "offizielle" Portfolio hat laut SPÖ dabei stets einen positiven Barwert gehabt.

13. Dezember 2007: David Brenner (S) übernimmt die Finanzagenden von seinem Vorgänger Othmar Raus. Im Jänner gibt er den Auftrag, die Risikolimits weiter zu reduzieren, am 13. März 2008 werden die Richtlinien vom Finanzbeirat – ein Gremium bestehend aus dem Leiter der Finanzabteilung Eduard Paulus und zwei externen Experten – weiter "verschärft". Offenbar darf der Verlust im schlimmsten Fall 90 Prozent des Barwerts nicht übersteigen. Zuvor waren es 100 Prozent.

Oktober 2008: Einem Bericht der "Salzburger Nachrichten" zufolge soll Paulus von einer der involvierten Banken erfahren haben, dass alleine bei diesem Institut ein Minus von über 30 Millionen Euro entstanden ist. Unklar ist, ob Brenner davon erfuhr. Sein Terminkalender in diesem Monat nennt keinen Bankentermin. Die Regionalbank forderte damals Garantien vom Land. Paulus habe abgelehnt, mit dem Hinweis darauf, dass die Politik ohnedies eingeweiht wäre. Eine andere Bank steigt ein.

Juli 2009: Der Rechnungshof kritisiert das Ausmaß der Derivatgeschäfte im Land: Salzburg habe diese mit zu hohem Volumen und zu hohem Risiko durchgeführt, ohne ausreichend über die Gesamtrisiken informiert gewesen zu sein. Allerdings stellt der Rechnungshof auch fest: Die Erträge aus den Derivatgeschäften haben den Landeshaushalt zwischen 2002 und 2007 um 65,04 Mio. Euro entlastet.

13. Juli 2012: Der Leiter der "roten" Finanzabteilung, der der ÖVP zugeordnete Eduard Paulus, informiert den Leiter der "schwarzen" Personalabteilung. Monika R. habe klar gegen Richtlinien und Dienstanweisungen gehandelt und das 4-Augen-Prinzip verletzt. Paulus fordert den Personalchef auf, die Frau „streng zu ermahnen und ihr für den Wiederholungsfall die Auflösung des Dienstverhältnisses anzudrohen“, die Personalabteilung kommt dem nach.

17. Juli 2012: Paulus informiert Brenner telefonisch über wiederholte Verstöße. Brenner erteilt eine schriftliche Weisung, der Mitarbeiterin mit sofortiger Wirkung die Vollmachten für alle Finanzgeschäfte zu entziehen, ihre Geschäfte zu prüfen, sämtliche Zugänge zum Landesnetz und dem Handelssystem zu sperren. Die Frau wird für mehrere Wochen beurlaubt

August/September 2012: Die Finanzabteilung berichtet laut SPÖ mehrfach, dass die angewiesenen Überprüfungen der Frau keine Auffälligkeiten gezeigt haben und das Portfolio "sauber" sein soll.

17. September 2012: Die Referatsleiterin kehrt aus dem Urlaub zurück

21. September 2012: Die Referatsleiterin beschwert sich in einem E-Mail bei der Landeshauptfrau, dass ihr alle persönlichen Rechte genommen werden und ihr der Zugang zu den Daten verweigert wird. Sie hängt dem Schreiben eine vorangegangene Korrespondenz mit Paulus an, der ihr vorwirft, in ihrem Urlaub Geschäfte gemacht zu haben und sich nicht an Anweisungen gehalten zu haben. In diesem Schreiben warnt R., dass vom Finanzbeirat getätigte Empfehlungen im Zinsbereich dem Land mehr als 130 Millionen Euro kosten werden.

27. September 2012: Es kommt zu einem persönlichen Treffen zwischen Landehauptfrau Gabi Burgstaller (S) und R. Die Frau spricht über ihre entzogene Vollmacht, eine Warnung über drohende Verluste gibt es nicht.

15. Oktober 2012: Ein Anfang Oktober eingestellter Mitarbeiter im Referat entdeckt, dass R. auch Geschäfte im Verborgenen macht, die gegen die Richtlinien des Finanzmanagements verstoßen und meldet das seinem Vorgesetzten. Offenbar existieren auch zusätzliche 253 Derivatgeschäfte, die der Portfolio-Rechenstelle der Deutschen Bank in Frankfurt nicht wie üblich gemeldet worden sind. Paulus informiert Brenner, der weist an, die Geschäfte aufzulösen, so dies ohne finanziellen Schaden möglich ist. Das soll auch passiert sein.

26. November 2012: Paulus und der neue Mitarbeiter informieren Brenner über den Verdacht, dass die Frau den Kauf von Wertpapieren auf Durchläuferkonten so verbucht haben könnte, dass die Sache nicht auffällt. Am Nachmittag wird R. mit dem Verdacht konfrontiert, um 17.00 Uhr kommt es zu einer Besprechung im Büro von Brenner. R. gibt vor allen Anwesenden an, dass sie in der beginnenden Finanzkrise 2006/2007 eine Schieflage der von ihr in den Vorjahren seit 2001 abgeschlossenen Derivate zur Kenntnis nehmen musste. Sie habe darüber nicht berichtet, um Kollegen und Vorgesetzte zu schonen. „Es sei ihr Ehrgeiz gewesen, diesen Verlust selbstständig aufzuholen“, heißt es in einem Aktenvermerk zur Sitzung. R. glaube, dass „aktuell nur mehr rund 340 Mio. Euro offen seien“, ein Betrag der „leicht verdient“ werden könne.

28. November 2012: Trotz ihrem mutmaßlichen Geständnis nimmt Monika R. an der Seite von Brenner noch bei Beratungen im Budgetausschuss im Land teil.

3. Dezember 2012: Landeshauptfrau Gabi Burgstaller wird über den Fall informiert

5. Dezember 2012: Brenner sagt, an diesem Tag über mutmaßliche Urkunden- und Unterschriftenfälschungen der Frau informiert worden zu sein.

6. Dezember 2012: Brenner informiert den Koalitionspartner ÖVP und die Öffentlichkeit und erstattet Strafanzeige. Im Raum stehen der Verdacht der Untreue, des Amtsmissbrauchs und der Urkundenfälschung. Die Frau soll "weisungswidrig spekulative Geschäfte getätigt“ und eigenen Angaben zufolge dem Land Salzburg extrem hohe Bewertungsverluste in einem inoffiziellen, ausschließlich von ihr selbst gemanagten Derivatportfolio zugefügt haben. R. habe „nach vorläufigem Wissenstand“ in sechs Fällen die Unterschrift des zweiten Bevollmächtigten elektronisch unter Dokumente gesetzt und voraussichtlich 19 Protokolle über Sitzungen des Finanzbeirates im Nachhinein verändert.

7. Dezember 2012: Die Anzeige einer anonymen "Salzburger Beamtenschaft – deren aufrechter Rest" geht bei der Korruptionsstaatsanwaltschaft in Wien ein. Die Anzeige wurde bereits im November erstattet. Drei Tage später folgt die Anzeige des Landes.

10. Dezember 2012: Ermittler des BAK beginnen in Salzburg mit Vernehmungen und Sicherstellungen. In einer Regierungssitzung einigen sich SPÖ und ÖVP auf die weitere Vorgehensweise bei der Aufdeckung des Skandals. Am Abend kündigt die ÖVP einen Neuwahlantrag an. Die SPÖ lehnt Neuwahlen ab, die Grünen halten sie für notwendig. Die FPÖ, deren Stimmen für einen Neuwahlantrag notwendig sind, wollen erst in der ersten turnusmäßigen Landtagssitzung am 6. Februar zustimmen. Wahlen wären damit Anfang Mai möglich.

13. Dezember 2012: Die Aufarbeitung des Skandals beginnt. Bis zum 16. Jänner soll dem Finanzüberwachungsausschuss ein Bericht über den aktuellen Stand aller Kredite, Veranlagungen, Derivate und Wertpapiere vorgelegt werden.

14. Dezember 2012: LHStv. David Brenner gibt seinen Rücktritt bekannt. Er wird seine Funktionen in der außerordentlichen Landtagssitzung voraussichtlich am 23. Jänner niederlegen, wenn das Budgets für 2013 beschlossen werden soll.

21. Dezember 2012: Klage auf "Feststellung des aufrechten Bestandes des Dienstverhältnisses": Die beschuldigte Landesbedienstete Monika R. bekämpft ihre fristlose Entlassung bei Gericht. Verhandlungstermin ist der 1. Februar 2013.

3. Jänner 2013: Der Leiter der Finanzabteilung im Land Salzburg, Hofrat Eduard Paulus, wird mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert. "Ich bin das Bauernopfer oder der Sündenbock", empörte sich Paulus.