Politik | Inland
21.05.2017

"Rot, Grün, Neos kann ich mir vorstellen"

Ulrike Lunacek: Die neue Spitzenkandidatin der Grünen spricht über ihre Beweggründe, nach Jahren im EU-Parlament Brüssel aufzugeben, zu ihren Koalitionsvorstellungen und ihrem Privatleben, das sie mit einer Frau teilt.

KURIER: Frau Lunacek, die Grünen haben Sie zur Spitzenkandidaten ernannt und Ingrid Felipe zur Bundessprecherin. Was ist der Hintergedanke bei dieser Entscheidung? Soll Felipe langsam für die nächste Nationalratswahl als Spitzenkandidatin aufgebaut werden?

Ulrike Lunacek: Wir haben uns intensiv die Frage gestellt, was ist möglich und was nicht. Ingrid Felipe hat ganz klar gesagt, sie will den Wahlkampf nächstes Jahr in Tirol bestreiten. Ihr großes Ziel ist es, die schwarz-grüne Koalition in Tirol erfolgreich weiterzuführen. Dafür wird sie gebraucht. Deswegen wurde ich gefragt, ob ich die Spitzenkandidatur übernehmen kann. Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen, halte ich immer für sinnvoll. Wir verstehen einander sehr gut und das wird bestens funktionieren.

Das klingt als wären Sie die zweite Wahl gewesen. Ein Wermutstropfen für Sie?

Das mag nach außen so wirken, der interne Prozess war ein anderer. Wir hatten 48 Stunden zuvor erfahren, dass Eva Glawischnig zurücktreten wird. Es ging also darum, schnell eine sehr gute Lösung zu finden, um intern alle zusammen zu halten und klar zu machen, dass wir die Wahl gewinnen wollen. Für grüne Verhältnisse wurde die Entscheidung sehr rasch getroffen. Jetzt stehen auf der einen Seite zwei starke Frauen gegen ein Team von vier Einzelkämpfern. Uns geht es nicht darum, wer die Nummer eins oder die Nummer zwei ist. Wir sind ein Team. Das unterscheidet uns von den anderen.

Sie treten gegen insgesamt vier Männer an, davon rechnen sich drei realistische Chancen auf den ersten Platz aus. Wie werden Sie ihre Rolle hier anlegen, damit die Grünen in diesem Dreikampf nicht untergehen?

Ich sehe es als große Chance, dass ich die einzige Frau bin. Unsere große Chance ist auch, dass ich Erfahrungen mitbringe, die keiner der anderen Spitzenkandidaten hat. Über viele Jahre habe ich Gesetze in Brüssel verhandelt, seit vielen Jahren bin ich nun Vizepräsidentin im Europäischen Parlament. Dieses Alleinstellungsmerkmal macht mich optimistisch, dass wir Grünen sehr gut abschneiden werden.

Die Grünen befinden sich in einem Vakuum. Für den Sieg von Alexander Van der Bellen hat man sich politisch sehr zurückgenommen. Wie viel Prozent wollen Sie erreichen?

Wir waren in einer durchaus schwierigen Situation, weil Alexander Van der Bellen zum Glück gewonnen hat. Zugegeben, dieser Sieg hat uns sehr viel an personellen und finanziellen Ressourcen gekostet. Dazu kommt, dass der kommende Wahlkampf sehr fordernd sein wird. Ich sehe das Vakuum nicht. Wir haben auch Erfolge wie etwa, dass Peter Pilz den Eurofighter-U-Ausschuss durchgesetzt hat und dieser nun weiterarbeiten kann. Auch in der Bildungspolitik können wir möglicherweise in den nächsten Wochen noch punkten.

Sie sind die ranghöchste österreichische Politikerin im EU-Parlament. Das geben Sie nun auf. Wie schwer fällt so eine Entscheidung in so kurzer Zeit?

Brüssel aufgeben, ist mir nicht leicht gefallen. Ich hatte zwei halbe Nächte Zeit, darüber nachzudenken. Aber: Ich bin eine Grüne und eine Europäerin. Ich habe mich für die Kandidatur entschieden, weil wir vor einer Richtungsentscheidung stehen: Bewegt sich Österreich in Richtung Orban oder bewegt sich Österreich mit den Grünen in einer Regierung in Richtung einer pro-europäischen, konstruktiven und sozialen Kraft in der Union? Diese Fragen sind für Österreich sehr wichtig.

Christian Kern favorisiert eine Koalition mit Grüne und Neos. Könnten Sie sich das vorstellen?

Wir Grüne wollen progressive, emanzipatorische Mehrheiten für dieses Land. Dafür werden wir kämpfen. Wenn das andere auch wollen, dann freut mich da sehr. Daher, ja, auch diese Koalitionsvariante kann ich mir vorstellen. Dafür oder für andere progressive Koalitionen müssen wir nur die nötige Mehrheit gewinnen und klar machen, wofür wir Grüne stehen.

Der Bundeskanzler hat das Spiel der freien Kräfte ausgerufen im Parlament. Aber just bei der ersten Abstimmung zur Homo-Ehe sind die Sozialdemokraten nicht mitgegangen. Eine Enttäuschung für Sie?

Das hat mich sehr gewundert, weil er erst wenige Stunde davor das Spiel der freien Kräfte in seiner Rede bekräftigte. Es ging bei der Abstimmung nur um die Fristsetzung, dass noch in dieser Legislaturperiode über die Homo-Ehe entschieden wird. Wenn das freie Spiel der Kräfte für Kern so aussieht, dann ist das nur die Fortsetzung der rot-schwarzen-Koalition, die nichts mehr weiter bringt.

Die Neuwahl lag seit Wochen in der Luft. Trotzdem scheinen nun alle Parteien sehr überrascht zu sein. Haben Sie damit gerechnet?

Ich habe mit Neuwahlen gerechnet, aber erst im Frühjahr 2018. Der schnelle Abgang von Mitterlehner war dann doch überraschend. Ab diesem Zeitpunkt war klar, dass die Neuwahlen im Herbst sein werden. Dass Sebastian Kurz nicht den Vizekanzler bis zur Wahl macht und Wolfgang Brandstetter vorschickt, halte ich für falsch. Er hätte die Verantwortung übernehmen müssen.

Sie waren die erste Politikerin, die sich als lesbisch outete. Ein schwerer Schritt für Sie?Es war gar nicht schwer (lacht). Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht und mich auch gewundert, warum ich das soll? Denn man sucht es sich nicht aus, in wen man sich verliebt. Vielleicht war es mein Vorteil, dass ich keine negativen Bilder hatte. Ich kannte auch das Wort Lesbe oder lesbisch in meiner Schulzeit nicht. Insofern war es selbstverständlich – unter dem Motto: Ja, warum denn nicht? Manchmal gab es Männer, die meinten, irgendwann wird der Richtige schon kommen, der dich wieder umdreht (lacht).

Wie alt waren Sie, als Ihnen bewusst wurde, dass Sie Frauen lieben?Da war ich ungefähr 20, als es mir klar wurde, dass ich in eine Frau verliebt bin, wo ich mehr will, als nur mit meiner besten Freundin ins Kino zu gehen.

Wie reagierten Ihre Eltern, als sie erfuhren, dass Sie lesbisch sind?

Die Entscheidung, wann erzähle ich es meinen Eltern, hat schon gedauert, denn ich komme aus einem konservativen Elternhaus. Das erledigte ich erst mit 26. Mein Vater, der Raiffeisen-Ware-Generaldirektor war, nahm es gelassen und meinte: Er hat es sich schon gedacht, und wenn ich glücklich bin, ist es okay. Als ich meiner Mutter erzählte, dass ich verliebt bin, sah ich zuerst Freude. Doch als ich ihr sagte, dass es eine Frau ist, merkte ich, dass sie mehr damit kämpfen musste. Letztendlich haben mich aber beide unterstützt.

Sie stammen aus einem sehr konservativen Elternhaus. Wie haben Ihre Eltern Ihr Outing kommentiert?

Das war der zweite schwere Schritt für meine Eltern. Für mich war klar, dass ich mich bei der Kandidatur als Lesbe oute. Meine Eltern waren damals gerade in Australien. Ich schrieb ihnen ein Fax ins Hotel, erinnerte sie an die Werte ("steh" zu den Dingen, die für dich selbstverständlich sind"), die sie mir als Kind mitgaben, und wartete nervös auf ihre Antwort. In der Früh kam der Anruf meines Vaters, der mich bestärkte und meinte: "Gut, dass du es so machst. Du musst dir den Rücken freihalten und nicht erpressbar sein." Das Ganze schickte er mir auch noch schriftlich als Fax, das ich heute noch habe. Dieser Rückhalt meiner Eltern hat mir sehr geholfen.

Waren Sie auch in Männer verliebt?

Ja, natürlich. Ich war mehrmals verliebt und hatte Beziehungen mit Männern.Warum wollen Sie lieber eine Beziehung mit einer Frau?Neben dem erotischen Aspekt gefällt mir, dass es in einer lesbischen Partnerschaft keine klassischen Rollenbilder gibt und keine Klischees erfüllt werden müssen. Wir haben keinen Druck der Gesellschaft, wer welchen Part in der Beziehung ausfüllen soll. Das ist alles Verhandlungssache. In einer lesbischen Beziehung begegnen wir uns auf gleicher Ebene. Da wusste ich schnell, so will ich leben.

Sie leben mit der Peruanerin Rebeca Sevilla zusammen. Wie haben Sie sich kennen- und lieben gelernt?

Rebeca habe ich vor 25 Jahren bei einer internationalen Lesben- und Schwulenkonferenz in Wien kennengelernt, sie war damals die Direktorin der ersten Schwulen-/ Lesbenorganisation in Lima zur Zeit des Bürgerkriegs. Als Aktivistin waren sie und ihre Organisation in Peru zwischen Leuchtender Pfad und Militär mit Morddrohungen konfrontiert. Ich wurde als Dolmetscherin für die Lateinamerikanerinnen engagiert – so sind wir uns begegnet.

Wird sich durch die neue Position an Ihrer beider Lebenssituation etwas ändern?

Nein, wir haben ja immer schon auch eine Wohnung in Wien – und viel zu reisen sind wir gewohnt.