Politik | Inland
25.09.2017

Rot-Blaues Klinkenputzen im Gemeindebau: "Könnte knapp werden"

Reportage. Um die rund 500.000 Bewohner der Wiener Sozialwohnungen liefern sich FPÖ und SPÖ erneut ein hartes Match. Ein Lokalaugenschein in Simmering.

"Grüß Gott, Harald Troch mein Name. Ich bin bei der SPÖ. Gehen Sie wählen?", fragt der stellvertretende Bezirksvorsteher von Wien-Simmering freundlich. In seinem Bezirk ist er auf Hausbesuchs-Tour im Max-Wopenka-Hof, einem Gemeindebau. Ein Knochenjob, Troch will hier Wähler für die Nationalratswahl gewinnen.

Ein älterer Herr öffnet die Tür und muss lächeln: "Ich bin auch bei der SPÖ. Mein Kreuzerl mach ich eh."

Traditionell waren die Wiener Gemeindebauten stets rot, doch alteingesessene SPÖ-Wähler werden jedes Jahr weniger.

Die einstigen Bollwerke des Roten Wiens werden langsam blau: Bei der Wahl 2015 in Wien hielt die SPÖ gegenüber der FPÖ mit 44,2 zu 43,4 Prozent nur mehr einen knappen Vorsprung in Sprengeln, wo sich ausschließlich Gemeindebauten befinden. In Simmering eroberte die FPÖ sogar erstmals den Posten des blauen Bezirksvorstehers.

Der Rote Troch lässt sich nicht beirren. Er will im Bau seine rote "Flagge zeigen". Neue Tür, neues Glück.

Dieses Mal öffnet eine Frau, die gleich über zu wenig Wohnraum klagt. Troch bietet seine Hilfe an, notiert ihre Telefonnummer. Solche Fälle könne er bei der Hausverwaltung "Wiener Wohnen" einreichen. Vielleicht, sagt er, könne eine größere Wohnung vergeben werden. Zur Verabschiedung überreicht der Politiker einen SPÖ-Werbefolder: "Damit ein Simmeringer Bundeskanzler bleibt." Die Botschaft ist klar. Christian Kern stammt aus Simmering.

Der Weg zum blauen Bau

Derweil freut sich Paul Johann Stadler über zahlreiche Gäste auf der "11er-Wiesn": Der blaue Bezirksvorsteher von Simmering lädt zum Grätzl-Fest.

Der Ort, erzählt er, sei bewusst gewählt, denn viele Gemeindebauten stehen rundherum. Damit sollen vor der Wahl Mieter der Sozialwohnungen gezielt angesprochen werden, einige solcher Feste sind noch geplant.

Auch außerhalb des Wahlkampfs ist die FPÖ "im Bau" längst präsent. So erzählt am Grätzlfest eine junge Frau: "Der Stadler hat mir schon eine größere Gemeindewohnung vermittelt." Die FPÖ-Methode kennt man von der SPÖ: Bürgernähe, Kontakt zu Mietern und – wo mögliche – konkrete Hilfe.

Inhaltlich gibt es dann doch Unterschiede: Zwischen Bier und Bratwurst lauscht Bezirksvorsteher Stadler den Anliegen der Mieter. Viele klagen über die zahlreichen Zuwanderer in den Gemeindebauten. Hier kann Stadler seine Wähler abholen, wenn er von Parallelgesellschaften und verfehlter Integrationspolitik spricht. Migranten seien zwar grundsätzlich "eh leiwand", man müsse ihnen aber österreichische Werte vermitteln.

Das Programm bleibt rot

Zurück im Max-Wopenka-Hof: Auch hier beklagt sich ein Mieter über zu viele Fremde im Haus. Der SPÖ-Politiker lenkt das Gespräch auf andere Themen: "Wer hat die Pensionen eingeführt? Wer sorgt für gratis Schulen? Und wer hat Arbeitsplätze bei den Siemenswerken in Simmering geschaffen? Die SPÖ." Sein Zuhörer nickt. Ob das reicht, um den Gemeindebau zurückzugewinnen? Troch: "Könnte knapp werden."

von Samuel Zettinig